Kann ein Autor ‚gerade im Moment nicht arbeiten‘?

Hallo zusammen!

Beginnen wir das Jahr, nach kurzen Zwischenmeldungen, einmal mit einer Frage, die zu besprechen ich schon vor Monaten versprochen habe: Ist es möglich, als Autor zu einem bestimmten Zeitpunkt gerade nicht zu arbeiten?

Komische Frage? Ja. Ich will erläutern, was ich meine:
Der Akt des kreativen Schreibens schöpft, neben anderen Einflüssen, vor allem aus der Inspiration des Schreibers. Der Akt des Schreibens selber erfolgt in einem bestimmten Zustand der Muße: Jeder hat seine eigenen Systeme, die er nutzt, um Text zu Papier oder auf den Schirm zu bringen. Einige schreiben lieber im stillen Kämmerlein, andere tatsächlich mit ihrer Muse im Raum und nicht wenige finden ihre kreative Zuflucht in Cafés und schreiben mit Hingabe fernab des eigenen Heims, mitten in der Öffentlichkeit.

Ich bin zuvor schon darauf eingegangen, wann und wo ich bevorzugt schreibe und führe das gerne beizeiten noch mal weiter aus, doch das ist nicht der Punkt. Der Akt des Schreibens, das ist eine Entladung. Zuvor sammelt sich etwas an, bewegen uns Dinge und wir konstruieren aus Einflüssen insgesamt ein Netzwerk von Ideen, die der Schreibende dann, wenn er Platz nimmt, um zu schreiben, wieder freisetzt und daraus sein Werk erschafft.

Dabei ist der Kontakt mit anderen Medien natürlich immer von Einfluss. Goethe hat einmal gesagt, junge Autoren dürften eigentlich Shakespeare nicht lesen, da doch nur jeder von ihnen unbewusst dann versuchen würde, diesem Idol nachzueifern. Ein Akt, der in Goethes Augen von Anfang an zum Scheitern verurteilt war. Simenon hat mal gesagt, er lese nicht gerne. Entweder sei ein Buch besser als seine, dann ärgere er sich, oder aber es sei schlechter als seine, was die Lektüre aber zweckslos machen würde.
Ich würde beiden Zitaten ganz explizit nicht zustimmen. Dennoch zeigen die Meinungen beider Autoren – interessanterweise beides ziemliche Lebemänner mit einem gewissen Hang zum Exzess, was für sich auch ein spannendes Thema für dieses Blog wäre – dass sie sich bewusst und aktiv mit dem Akt der Lektüre im Kontext eines Autors auseinandergesetzt haben.
Doch geht die Einflussnahme viel weiter. Jeder Mensch, mit dem wir im Alltag interagieren, jede Straße, die wir passieren, jeder Raum, in dem wir sitzen und jedes Lied, das wir halb bewusst zufällig im Radio hören, setzt sich irgendwie auch fest. Schreibt man, so kommt man nicht umhin, beim Schreiben auch von diesen Einflüssen geleitet zu werden. Und nicht wenige Autoren lernen eher früher als später, sich dieser Einflussnahmen auch aktiv bewusst zu sein.
Neil Gaiman etwa, in meinen Augen einer der brillantesten Schreiber unserer Zeit, sagte mal, er schaue bisweilen im Kino lieber den Zuschauern als dem Film zu. Es sei eine phantastische Inspiration und man würde eine Menge über die Menschen an sich erfahren.

Ich kann diese Einschätzung, ganz subjektiv, gut nachvollziehen. Wir wohnen in Aachen nicht gerade im besten Teil der Stadt – präzisieren muss ich das hier ja nicht. Aber ich gebe zu, auf eine ganz eigenartige Weise wohne ich gerne in diesem Teil der Stadt, denn jeder Weg vor die Tür ist eine Inspiration. Ob im Bus, im Kiosk oder Imbiss um die Ecke oder auch einfach auf der Straße: man geht nicht durch das Viertel, ohne Dinge zu sehen, die einen bewegen. Der Kontrast dadurch, dass ich auch schon in anderen Teilen der Stadt gewohnt habe, hilft dabei, den Blick darauf noch zu schärfen, aber nötig wäre das nicht. Kuriose alte Männer, die Tag und Nacht im Kiosk um die Ecke sitzen und schon fast Muppet-Show-geeignet jeden einzelnen Käufer im Laden kommentieren; der Gemüsehändler, der seine Hände ob der Kälte immer mit in die Armausschnitte seiner Thermoweste steckt und darum einem Huhn gleich durch seinen Laden fetzt oder auch die ältere Frau im Supermarkt, deren offenbar selbst gestochenen, kleinen Tätowierungen auf dem Handrücken geradezu „Gefängnis!“ schreien, all das entgeht einem mit der Zeit einfach nicht. Aber gleiches gilt etwa für die Uni, denn nirgends findet mehr extrovertierte Gestalten zusammen wie in einem Hörsaal, oder eben für die Pressearbeit.
Wer gerne schreibt und Menschen dabei interessant findet – für mich eine wichtige Grundlage, zumindest für narrative Texte – entwickelt bald einen Blick dafür. Und genau hier komme ich zur eingehenden Frage zurück: Hat man diesen Blick einmal, fängt man einmal an, Eindrücke bewusst als potentielle Inspiration zu behandeln, so ist diese Eigenschaft „aktiviert“, ohne dass man sie wieder deaktivieren könnte.
Sicher, man kann sie zurückstellen, man kann sie ignorieren, aber dieser Apparat arbeitet und er arbeitet gewissermaßen erbarmungslos. Oder?

Mir fehlt in dem Kontext die Empirie, sieht man einmal von vielen Texten und Zitaten, die ich über das Schreiben in meinem Leben gelesen habe. Insofern werfe ich diese These mit einer gewissen Neugierde in den Raum. Aber zumindest meiner eigenen Wahrnehmung nach, kann man nicht aufhören, als Autor zu denken. Man sieht, man nimmt wahr, war wird inspiriert und man verarbeitet das schlussendlich auch; gewissermaßen rund um die Uhr.
Das ist nicht schlimm.
Aber wenigstens für mich war das eine nicht unwesentliche Erkenntnis.

Ansonsten bleibt zusammenfassend, dass eine ganze Reihe spannender Thesen in diesem Artikel gestreift wurden und definitiv für 2010 auf meiner Liste zu schreibender Artikel gelandet sind. Die Frage, inwiefern Autoren in diese dem Alkohol und den Frauen zusprechende Kategorie der Lebemänner, wie man es bei Goethe und Simenon beispielsweise beobachten kann, gehören, vielleicht gehören sollten oder gar vielleicht gehören müssen.
Die Frage, wo man inspiriert ist, wo man gut denken, nachdenken und konstruieren kann. Und natürlich die Frage, wo letztenendes ein guter Ort zum Schreiben für einen selbst ist.

Falls das jemand liest und es kommentieren mag, wäre ich sehr erfreut darüber. Wo liegt eure Inspiration? Im Alltag, in der Literatur, in den Medien oder eher in euch selbst? Wie geht ihr damit um? Denkt ihr sehr konstant über euer kreatives Tun – das kann ja auch Zeichnen oder auch die Musik sein – nach oder könnt ihr es recht gut auf dem Schreibtisch, im Atelier oder im Probenraum zurücklassen, wenn ihr Feierabend macht? Gibt es für euch einen Feierabend?

Wenn ihr wollt – meldet euch doch mal!

Viele Grüße,
Thomas

2 Gedanken zu “Kann ein Autor ‚gerade im Moment nicht arbeiten‘?

    • Freut mich, wenn der Artikel gefallen :)
      Und klar, ich freue mich über jedes Abonnement!

      Ich bemühe mich immer, möglichst eine gute Mischung aus Texten über mein eigenes Schaffen, über Schreiben allgemein und über, ich sage mal, „kulturelle“ Fragen allgemein zu finden. Das ist nicht immer ganz leicht, aber ich vertraue da in der Regel auf mein Bauchgefühl.

      Viele Grüße,
      Thomas

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