Der Dekonstruktivismus und das Schreiben

Hallo zusammen!

Kennt ihr Jacques Derrida? Auf den geht, vereinfacht gesagt, die philosophische Strömung des Dekonstruktivismus zurück. Das ist ein ziemlicher Denkapparat, der schon in den Texten nicht ganz einfach zu verstehen ist und der, in der Praxis, noch viel weniger einfach zu verstehen ist.

Sie können es als Regel betrachten: daß jedesmal, wenn der Dekonstruktivismus mit nur einer Stimme spricht, etwas nicht stimmt, es keine „Dekonstruktion“ mehr ist.
– Jacques Derrida, im Gespräch mit Christopher Norris. In: Papadakis, Andreas (Hg.): Dekonstruktivismus. Stuttgart 1989, S. 78.

Alles klar? Nein?
Okay, in der aller-extremsten Kurzfassung geht man davon aus, dass es halt sprachliche Zeichen gibt, die etwas bezeichnen (etwa das Wort „Baum), sowie das, was bezeichnet wird (etwa das Ding „Baum“ an sich, also das aus Holz, mit Wurzeln usw.). Das, was bezeichnet, nennt man Signifikant, das, was bezeichnet wird, Signifikat. Schlimm genug, oder?

Dieses Modell klappt auf einer derartigen Mikro-Skala, klar, aber ist auch auf komplexere Gebilde übertragbar.
Interpretationen von literarischen Werken – ich vereinfache jetzt noch einmal ganz krass – funktionieren ähnlich, wenn nicht sogar gleich. Es gibt etwas, das bezeichnet, nennen wir es den Text, und das, was bezeichnet wird, also seine Bedeutung. Auch das ist soweit noch klar.

Im Dekonstruktivismus nun geht man allerdings davon aus, dass diese Verbindung von Signifikant und Signifikat nicht fest ist, sondern vielmehr aus der Zeit und dem angewandten Blickwinkel heraus zu sehen.

Werfen wir mal noch drei Instanzen ein. Wir haben den Text, das ist klar. Der Text hat einen Autor. Die Frage nach der Meinung des Autors war lange Zeit im Extrem maßgeblich für die Art und Weise, wie der Text gelesen wird. Das kennt jeder aus der Schule: „Was hat sich Kafka da wohl gedacht?“ „Er hatte Probleme mit seinem Vater.“ „Sehr gut.“
Schon vor dem Dekonstruktivismus kamen dann irgendwann Thesen auf, man solle den Autor daheim lassen und den Text für sich betrachten. Der Dekonstruktivismus geht dann aber noch einen Schritt weiter und nimmt als dritte Instanz den Leser. Dieser, so die Theorie, prägt den Text massiv durch die Rezeption mit, färbt ihn durch seinen Betrachtungswinkel und das, was er durch seinen eigenen Kontext in den Text hinein liest, massiv mit. Somit ist der Autor zwar nicht mehr, der Leser aber sehr wohl als Instanz neben dem Text selbst von Bedeutung.

Soweit, so klar? Nun hat Christian von Aster, den ich sehr schätze, mehr als ein Mal zu Protokoll gegeben, dass ihm das Studium der Germanistik eigentlich absolut gar nichts für seine spätere Tätigkeit als Schriftsteller vermittelt habe. Und eben ein solches Zitat brachte mich zum Nachdenken – was genau fängt man als Autor eigentlich mit diesem Wissen an? Davon ausgehend, dass man den Grundaussagen zustimmt, dass der Autor „tot“ ist, wie Roland Barthes es 1967 formulierte, sowie halt, dass ein Text eine Spur ist, die aus zahlreichen anderen Spuren folgt und aus der noch viel mehr, weitere Spuren folgen sollen. Was fängt man damit an?

Gehen wir in Schritten vor. Die althergebrachte Haltung, den Autor gewissermaßen als oberste Instanz über einen Text zu setzen, instituiert eine Machtposition. Man kann als Autor sagen, dass Leser Dinge falsch verstanden haben und umgekehrt können Leser den Text auf einem einzig wahren, nämlich dem eigenen Weg erschließen. Umgekehrt können Leser einen, wenn man hier nicht aufpasst, sehr schnell entmachten; etwa, wenn der eigene Text vollkommen „missverstanden“ aufgegriffen und weitläufig fehlinterpretiert wird. Dass das möglich ist, belegt die Literaturgeschichte und liefert damit zugleich ein starkes Plädoyer für Derrida.
Aber eilen wir nicht voraus. Gibt man als Autor zwar seine Leitinstanz ab, sieht den Text aber für sich alleine, führt das fast schon zu einer Art Bedrohungsszenario. Es gibt eine richtige Deutung des Textes, diese eine, universelle Wahrheit. Aber wenn diese alleine im Text steht – muss man sich dann nicht vorwerfen lassen, schlechte Arbeit geleistet zu haben, wenn Menschen das eigene Werk anders rezipieren, als man es selber angedacht hat.
Wenn der Text für sich alleine steht, dann steht er dort ohne jede Hilfe. Man verliert irgendwie die Chance, sein geistig‘ Kind noch zu leiten, aber irgendwie steht man ja doch noch im Fokus. Klassisches Beispiel hier ist vielleicht David Lynch. Manche Leute fragen sich etwa bei „Lost Highway“ was Lynch sich da gedacht hat und verlagern alle Fragen auf genau diese Ebene. Andere wiederum versuchen den Film für sich zu betrachten und aus sich heraus zu verstehen, doch das ist im Grunde auf von Anfang an zum Scheitern verurteilt, da der Film aus sich heraus nicht zu verstehen ist. Per Konzept.
Es bleibt der dritte Ansatz und einfach zu akzeptieren, dass man einer individuellen Deutung ausgesetzt ist. Jeder findet in dem Werk Ankerpunkte, die für einen selbst den Kontext des Filmes bilden. Das geht mir so, jedem Zuschauer und sicherlich auch David Lynch. Sicherlich, er hat als Urheber einen ganz anderen, ganz eigenen Kontext, in den er die Geschichte des Werkes bettet, in den er das ganze Werk bettet, aber es ist auch nur genau ein Gesichtspunkt.

Derrida hat darauf hingewiesen, dass der Dekonstruktivismus für ihn weniger eine Methode ist, die mit einem festen Regelwerk anwendbar sein sollte, sondern eher eine Art Geisteshaltung. Das habe ich, ganz ehrlich, lange Zeit auch nicht verstanden. Im Wortlaut, aber nicht in seiner Bedeutung.
Dabei ist das Fazit für mich im Grunde, im Schaffensprozess wie auch im medialen Konsum, sogar erstaunlich simpel.

Meine Schwierigkeit mit Barthes‘ Ausspruch resultiert aus der Radikalität, mit der die Formulierung zu stehen scheint. Spricht man gerade mit dem, was ich mal die fanatischeren Poststrukturalisten dieser Welt nennen würde, so klingen die Reden vom Tod des Autors immer so, als würde man dem Autor sein Werk wegnehmen wollen. „Du bist der Autor, du hast hier mal gar nichts zu sagen!“ scheinen sie zu brüllen. „Wir sind die Leser, unser ist der Text.“
Ich denke vielmehr, jeder hat ein Anrecht auf eine Meinung zu dem Text. Auch der Autor, allerdings weder exklusiv noch maßgeblich, sondern so, wie jeder andere auch. Es ist illusorisch zu sagen, dass der Autor keinen Einfluss auf das Werk hat. Aber er gibt es ab – Erkenntnis 1! – wenn er es in die Hände von Lesern gibt. Dort muss es ohne ihn bestehen können, jedoch – Erkenntnis 2! – nicht alleine. Der Leser ist bei ihm. Jeder füllt Lücken auf seine ganz eigene Art und Weise und jeder erlebt einen Text individuell und in einem eigenen Kontext.

Denkt man das ganze weiter, so kommt man auch nach einer Weile bei einem weiteren Themenfeld an, über das ich stundenlang sprechen und schreiben kann: Jean Baudrillard und seine Idee von Simulacra. Auch hier in der Ultra-Kurz-Web-2.0-Version: Ein Simulacrum ist nach Baudrillard eine Kopie, deren Original verloren gegangen ist und die deshalb einen eigenen, genuinen Stellenwert erreicht habt.
Beispiel: Falls jemand MTVs „Drawn Together“ kennt – direkt vorweg, ich bin kein Fan! – ist vielleicht der Charakter „Toot“ bekannt. Jeder, der in Sachen Cartoons etwas weiter in die Vergangenheit blickt oder mal geblickt hat, wird in „Toot“ eine Parodie auf „Betty Boob“ erkannt haben, die als skandalträchtige Zeichentrickfigur Anfang des letzten Jahrhunderts den weiblichen Cartoonfiguren ihre Sexualität zurückgegeben habe. Popkultur-Referenz erkannt. Perfekt.Nur ist kaum noch jemandem bekannt, dass auch Betty eine Vorlage hat. Helen Kane war Sängerin in Amerika und zusammen mit der Schauspielerin Clara Bow die Vorlage für die Cartoonfigur. Sogar bis zu dem Punkt, das Kane gegen die Boob-Macher Fleischer Studios klagte, um sozusagen ihre Rechte als Vorlage einzuklagen.

In gewisser Weise scheinen Texte im Bezug auf ihren Schöpfer zu Simulacra zu werden. Texte haben einen Ursprung, eine Erschaffung, aber dies alles geht mit der Veröffentlichung verloren. Der Leser bekommt das Simulacrum, den Text ohne den garantierten Bezugspunkt. Vielleicht hat sogar nicht einmal der Autor die Kenntnis, wo seine Bezugspunkte wirklich liegen – aber das ist ein Thema für ein anderes Mal.
Der Leser begegnet einen Text, ohne Zugang zum Autor zu bekommen. Um bei dem Beispiel zu bleiben, er sieht Toot, und es liegt an ihm, den Bogen zu Betty zu spannen. Es liegt in seiner Macht, sogar die Bögen zu Kane und Bow zu spannen, aber das ist Optional. Und vielleicht sieht er ja auch etwas ganz anderes darin – und das ist legitim.
Der Text ist für den Leser nicht mehr, aber auch ganz sicher nicht weniger als ein Sprungbrett heraus in einen ziemlich imposanten, aber von jedem Rezepienten selbst eingerichteten Ideenraum.

Und darin liegt, als Fazit für heute, vielleicht die größte Befreiung, die man als Schreibender erlangen kann. Als Autor schreibt man seinen Text und zwar so, wie man es für richtig hält. Der Leser wird ohnehin daraus machen, was er will. Aber er nimmt es dem Autor nicht weg, sondern er ergänzt vielmehr das, was „der Autor sich dabei gedacht“ hat, um weitere Facetten. Immer weitere und weitere Facetten.

Viele Grüße,
Thomas

PS: Sooooo viel, was ich jetzt nicht beim Namen genannt habe. Warum Derrida neben das französische Wort der „différence“ die neologistische „différance“ stellt, etwa. Wo der Unterschied von Destruktion und Dekonstruktion liegt. Wo die Grenzen zwischen (beispielsweise) Poststrukturalismus und Dekonstruktivismus liegen, die ich hier teils schon dreist über ein Knie zu brechen scheine.
Aber ich denke, für heute reicht das so erst mal ;)

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