Bachelor of Learning by Rotes

Hallo zusammen!

Es ist über den Bachelor of Arts in Deutschland ja schon eine Menge geschrieben worden. Da gab es Leute, die fanden die Verschulung besser, andere schlechter. Manche Leute begrüßten den schnelleren Abschluss, andere bemängelten nicht ohne Grund die starke Zusammenfassung aller Lehrinhalte. Einige lobten den internationalen Standard, den das darstellen sollte, andere berichteten mit vor Angst verzerrter Mine von dem gnadenlosen Chaos, dass an vielen Instituten herrschte, als die anschließenden Master-Studiengänge konzipiert wurden.
All das stand schon geschrieben.

Aber heute will ich einfach mal einen Einblick geben als jemand, der mitten in diesem System sitzt. Nicht, weil das vor mir keiner getan hätte oder weil ich glauben würde, ich hätte hier den Schlüssel, der alle Schlösser öffnen könnte. Sondern weil es mir heute sehr aktiv am Herzen liegt.

Zu alten Magister-Zeiten, die ich ja auch kenne, gab es für uns an der RWTH eine Studienordnung. Heute, im Zeitalter des BA, gibt es eine Prüfungsordnung. Jetzt nennt mich wenn ihr wollt einen alten Semantiker, aber ich denke, ich verdrehe hier nicht einfach Worte, denn der Name ist schon Programm.
Jedes Seminar eine Endnote, jedes Modul mindestens eine Prüfungsleistung. Ich habe ungelogen nach dem ersten Bachelor-Semester mehr Klausuren geschrieben, als ich in mehreren Jahren des Magisters abgelegt habe. Übrigens: Ich habe vom Magister in den Bachelor nicht aufgrund misslungener Prüfungen oder so gewechselt, sondern um meine Fächerwahl zu ändern, was die RWTH nur noch mit einem Wechsel des kompletten Studienabschlusses erlaubte.

Nun sitze ich in der Germanistik in einer Vorlesung, die sang- und klanglos „Theorievorlesung“ heißt und einfach die einzelnen Methoden der Literaturwissenschaft darstellt. Die ist, in weiten Teilen, auch durchaus interessant und geht erfreulich oft auch auf moderne Methoden ein.
Um eine Prüfungsleistung zu erhalten, müssen wir im Laufe des Semesters vier Bögen mit jeweils neun Multiple Choice-Fragen beantworten. Diese werden uns sieben Tage mitgegeben und müssen danach wieder eingereicht werden. Je richtiger Antwort gibt es einen Punkt, neun Punkte entsprechen einer 1 und je fehlendem Punkt wird die Note um eines schlechter.

Ich möchte dazu beispielhaft eine der Fragen zitieren (ohne Antwort, sonst wirft man mir noch vor, hier Lösungen zu verbreiten):

8. Was bildet – nach Böhme / Matussek / Müller – die Kernkompetenz kulturwissenschaftlicher Arbeit?
a) die habituelle Neigung, alle kulturellen Produkte wie alle kulturelle Praxis unter dem Blickwinkel ihrer ästethischen Verfasstheit wahrzunehmen.
b) die habituelle Neigung, alle kulturellen Produkte wie alle kulturelle Praxis unter dem Blickwinkel ihrer Nicht-Selbstverständlichkeit wahrzunehmen.
c) die habituelle Neigung, alle kulturellen Produkte wie alle kulturelle Praxis unter dem Blickwinkel ihres Naturcharakters wahrzunehmen.

Meine Frage ist jetzt einfach die: Was lerne ich denn da bitte?
Ich bin ja ohnehin kein großer Fan der regelrechten Personenkulte, zu denen der deutsche Wissenschaftsbetrieb der Literatur neigt. Eher im Gegenteil. Aber diese Frage – ich begreife einfach nicht, wo die Lehrwirkung für die Studenten liegt.
Nachdenken? Ist absolut nicht gefragt! Eigentlich ist es nicht mal möglich, zu sagen, dass so halt ein intensivierter Umgang mit dem Quellmaterial gefördert wird, denn zur Nachbereitung dieses ganz konkreten, entsprechenden Termins sind nicht einmal Folien oder Texte zur Nachbereitung gestellt worden.Was nützt es mir denn als Student, wenn ich auswendig weiß, was diese drei Personen für eine habituelle Neigung in der Kulturwissenschaft sehen?
Was der Germanistik langsam aber sicher anzugedeihen scheint, ist eine massive Entrückung. Zum Teil gab es die schon immer: Schon immer war man stolz auf seine theoretischen Fundamente und schon immer waren Thesen und deren Urväter neben den großen weimarer Autoren die Epigonen der Germanistik, scheint mir. Aber der Bachelor macht es nun schlimmer, viel schlimmer.
Mehr Klausuren auf gleiche Personalzahl, das heißt mehr Korrekturaufwand. Und während man eine Multiple Choice-Aufgabe in Sekunden nachschauen kann, muss eine Interpretation durchdacht und abgewogen werden.
Klar, wir schreiben auch nach wie vor Hausarbeiten – aber das Verhältnis kippt.
Nur wem dient das? Also, außer der Lehrreform?

Konkrete Fakten kann man super abfragen. Nur gibt es die eigentlich selten in der Geisteswissenschaft – es sei denn, man geht auf eine Meta-Ebene und beschaut nicht mehr seinen Untersuchungsgegenstand, sondern die Untersuchungen des Untersuchungsgegenstandes. Und genau das passiert hier.
Warum stellt die Einführungsvorlesung der Germanistik bereits Theoriesalat vor, anstatt auch einfach mal auf ganz zentrale Primärwerke einzugehen? Klar, Selbststudium und so. Aber auch das ist illusorisch.
Ein Dozent sagte uns neulich, wir sollten pro Seminar noch sechs Stunden Nachbereitung einplanen. Nur heißt das, dass man, das Wochenende nicht eingerechnet, bei drei Seminaren am Tag auf insgesamt exakt 24 Stunden lernen pro Tag kommt. Nimmt man das Wochenende mit herein, dann kann man wenigstens drei Stunden pro Tag schlafen. Jetzt müsste man nur noch Zeit haben, um Geld für die Studiengebühren zu verdienen … es ist ein Dilemma.

Aber zurück zum Thema. Wer etwas über Literatur lernen möchte, der muss sich langsam sorgen, dass die Literaturwissenschaft ihm noch lange eine Heimat sein kann. Ich fürchte, je strikter die Regelungen werden, desto mehr muss man Fakten abfragen können und desto mehr geht das verloren, was meines Erachtens den absoluten Reiz ausmacht: Das Spiel mit den Primärtexten.

Zum Abschluss eine Anekdote. An meiner allerersten Tag an der Uni, vor vielen Jahren, legte mein Dozent des ersten Seminars, das ich besuchte, ein Gedicht von Enzensberger auf den Projektor. „lock lied“. 90 Minuten lang haben wir einfach, aus dem Bauch heraus und ohne jeden Theoriesalt, versucht, einen Zugang zu dem Text zu finden.
Bis heute, Jahre danach, zehre ich von dem, was ich an jenem Tag gelernt habe.
Ich bin recht sicher, die Kernkompetenz kulturwissenschaftlicher Arbeit nach Böhme / Matussek / Müller habe ich in einer Woche wieder vergessen.

Somit schließe ich, entsprechend angemessen, mit einem Zitat von Enzensberger, das leider fast schon zu bekannt und daher abgenutzt ist, um seine wahre Größe noch zu erkennen:

lies keine oden, mein sohn, lies die fahrpläne:
sie sind genauer. roll die seekarten auf,
ehe es zu spät ist. sei wachsam, singe nicht,
der tag kommt, wo sie wieder listen ans tor
schlagen und malen den neinsagern auf die brust
zinken. lern unerkannt gehn, lern mehr als ich […]
– ins lesebuch für die oberstufe

Viele Grüße,
Thomas

Ein Gedanke zu “Bachelor of Learning by Rotes

  1. Pingback: Der Bachelor: Ein Nachtrag zum Vortag « Thomas Michalskis Webseite

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