Von Anführern und denen, die anführen

Hallo zusammen!

Es gibt ein Thema, das ich hier noch nie angeschnitten habe glaube ich, was mich aber schon seit Jahren sehr stark beschäftigt: das Anführertum.
Das Wort „Anführer“ ist dabei eine Katastrophe, aber ich will mal damit arbeiten. Das englische Wort „Leader“ trifft die Sache wesentlich präziser, ist aber leider aus hinlänglich bekannten, geschichtlichen Gründen nichts, womit man auf Deutsch arbeiten könnte. Und mit Assoziationen behaftet, die hier einfach fehl am Platze wären.

Worum geht es mir?
Kennt ihr diese Leute – etwa in eurem Freundeskreis – die immer in der Mitte kreativer Tätigkeiten zu stehen scheinen. Die regelmäßig mit neuen Projekten daherkommen, die neue Ideen haben und Dinge einfach andauernd machen? Leute, die auch meist nicht lange rufen müssen, damit ihnen jemand hilft?
Bestimmt, oder?
Dann kennt ihr vermutlich auch die andere Variante. Leute die zwar zu neuen Ufern aufbrechen, die vielleicht ganz tolle Projekte im Sinn haben – aber die diese Ufer nie erreichen, deren Boot – um in der Metapher zu bleiben – unbesetzt bleibt und denen oft auf dann letztlich der lange Atem fehlt?
Ja?

Ich denke, die meisten sozialen Gruppen haben solche Geflechte. Aber warum muss sich Beispielperson A selten um Hilfe sorgen, Beispielperson B aber nicht?
Ich fragte mich das noch die Tage, als ich wiederum Vorbereitungen für den Dreh von unserem Hilde traf und mich fragte, warum das eigentlich geklappt hatte. Warum mit einer Mail im Februar ein Filmprojekt um mich gesprossen war.

Erster Erklärungsschritt: Soziologie/Philosophie.
Damit mir jemand etwas sagen kann, muss dieser Mensch eine Autorität über mich haben. Sehr problematische These, aber bleiben wir mal kurz bei dem Gedanken.
Dann kann er diese Autorität – die ich ihm gegeben habe – nutzen und etwa Aufgaben verteilen. Oder auch einfach nur Loben, denn, wichtige These, ich akzeptiere Lob auch nur von jemandem, den ich als jemanden akzeptiere, der das Recht hat (!) mich zu Loben.
Aber so schön dieses Modell ist, so simpel und im Endeffekt fast nutzlos ist es auch. Denn was genau ist Autorität?

Zweiter Erklärungsschritt: Politikwissenschaft/Philosophie.
Hannah Arendt, deutsch-amerikanisch-jüdische Gelehrte und Philosophin, grenzt Autorität von zwei Modalitäten hab. Arendt zu Folge gibt es keine Autorität, die durch Zwang entsteht. Wer sanktioniert, wer Gewalt anwendet, der ist nicht autoritär, der ist ein Tyrann. Und es gibt ihr zufolge keine Autorität, die durch Argumente entsteht. Das ist der schwerer zu verdauende Teil, aber für Arendt ist das keine Autorität, sondern Demokratie. Beides sind hier keine expliziten Gegensatzpaare, sondern eher einfach ganz andere Kategorien.
Und ich denke, es ist eine These, der man zustimmen kann, wenn man darüber sinniert.
Aber so schön diese Abgrenzung ist, so sehr bleibt uns die Philosophin eine Antwort schuldig – jene auf die einzig wirklich pragmatische Frage in diesem Kontext: Was macht diese Autorität denn dann aus, wenn es das beides nicht ist?
Autorität, das lernt der Philosoph, ist das Befolgen von Befehlen ohne jedwede Einmischung des eigenen Gewissens. Selbst wenn ich einer Aufgabe zustimme – schon an dem Punkt, an dem ich sie auch nur hinterfragt habe, habe ich auch die Autorität hinterfragt.

Ein dritter Erklärungsschritt wird dann plötzlich schwerer, denn auch wenn diese Thesen von Arendt schon wieder den größeren Teil eines Jahrhunderts auf dem Buckel haben, so eine richtige Nachfolge gibt es nicht im kanonisierten Bereich. Und nee, Kant lasse ich gleich im Sack.

Heute früh stolperte ich bei dem TED Talks, diesen wundervollen 20-Minuten-Reden zu Themen, die die Welt vielleicht bewegen, über einen Vortrag namens „How great leaders inspire action“ von einem Mann namens Simon Sinek.
Der Mann kommt aus dem Marketing-Bereich, arbeitet mittlerweile aber im Bereich des „leadership consulting“ (fällt hier vermutlich meist obskur in den Bereich Firmenberatung…) und hat 2009 ein Buch veröffentlicht, in dem er die selbe These vertritt, die er auch in seinem TED Talk darbietet.
Es lohnt sich, die knapp 19 Minuten zu investieren, denke ich. Selbst wenn man seine These nachher nicht teilt, ist er auch einfach ein guter Redner und, in gewisser Weise, vielleicht sogar selber Beweis für seine Idee. Klar, sein Vortrag ist sehr an Wirtschaftsunternehmen ausgerichtet – aber nicht nur. Gerade gegen Ende folgen noch ein paar echt schöne Beispiele.

Dennoch kurz gesagt unterstellt er, dass die meisten Leute argumentativ zwischen Antworten auf die Fragen „What?“ und „How?“ stehen – der Erfolg aber vielmehr darin liegt, den anderen zu kommunizieren, wo das „Why?“ effektiv liegt.
Warum tun wir, was wir tun? Warum wollen wir tun, was wir tun?
Warum glauben wir selbst an das, was wir tun?

Ich muss da mal selber weiter drüber nachdenken. Aber ich finde es ist eine griffige These – nicht zuletzt, weil sie angenehm überschaubar ist. Das macht sie riskant, aber nicht zwingend schlecht.
Wenn mir weitere Gedanken kommen, wird es sicher nicht wieder Jahre dauern, bis ich hier was dazu schreibe…

Und ach ja, morgen noch mal ein paar Worte zu Hilde

Viele Grüße,
Thomas

4 Gedanken zu “Von Anführern und denen, die anführen

  1. Das ist eine ziemlich idealistische Präsentation und vom Marketingstandpunkt banal. Man erreicht die Masse nicht durch Fakten, sondern durch Ideologien. Wieso sind sonst aktuell überall in NRW riesige Plakate mit Gesichtern und Phrasen wie „Für den Menschen!“ zu lesen und keine Inhalte? Es geht nicht darum einen Traum zu haben und ihn weiterzuleiten, sondern den anderen das zu verkaufen. Wenn Apple wirklich die Welt verbessern will, wieso kosten die Geräte dann x-mal so viel wie IBM-Rechner? Weil sie die Idee von besseren Produkten so großartig verkaufen wie kein anderer, nicht weil sie die signifikant besseren Produkte haben. Es ist „nur“ hervorragendes Marketing.

    • Ja, aber gerade die Wahlplakate sind eigentlich ein gutes Beispiel für seine These.
      Einige der großen Parteien leiden doch nicht zuletzt darunter, dass diese Ideologien nicht akzeptiert werden.
      Die SPD krankt darunter, dass ihre alte Stammwählerschaft sie nicht mehr mit de alten Idealen assoziiert. Die „Why“-Ebene, dem Modell zu Folge, ist unglaubwürdig geworden und die Leute sprechen von der „roten CDU“.
      Die FDP wiederum predigt tapfer soziale Gleichheit, aber man glaubt es ihnen nicht. Man glaubt, ihr „Why“ wäre eben Stimmenfang.

      Ich finde das Modell gar nicht so idealistisch, denn es geht ja mehr um das, was auch von den anderen rezipiert wird.
      Und an dem Punkt funktioniert auch eine „Ikone“ wie Steve Jobs in dem Modell und die starke Kopplung von Erfolg und Kritik am Geschäft Apple abhängig von der Verfassung Jobs‘ ist ebenfalls nachvollziehbar innerhalb des Modells.

      Niemand behauptet, auch Sinek nicht, dass Apple die besseren Produkte haben. Im Gegenteil, sein Tivo-Beispiel gegen Ende geht ja sogar in die andere Richtung.
      Und natürlich hat das mit Marketing zu tun. Aber richtiger gesagt: Marketing hat etwas mit Autorität zu tun, denke ich.
      Denn jemandem, den du nicht für glaubwürdig hältst, oder den du nicht für kompetent hältst, glaubst du auch nicht, dass er weiß, welche Produkte gut für dich sind und welche nicht.

      Aber umgekehrt machen Apple und macht Jobs, um beim Beispiel zu bleiben, ja offenbar irgendwas richtig.
      Jede einzelne Keynote belegt das.

      Viele Grüße,
      Thomas

  2. Der Vertrauensverlust in der Politik ist damit zu erklären, dass die Leute sich lange mit dem „Why“ eher auseinandergesetzt haben, als mit der ebene Fakten. Wenn ich mir die Fakten anschaue, dann ist schwarz-gelb eigentlich unwählbar, außer man ist Besserverdiener oder man ist stolz darauf, das C bei den Unionsparteien betonen zu können. Um Inhalte geht es nicht, nur ums Image. Damit kann man Leute ziehen, aber um Leute zu halten, braucht man eben auch die Faktenebene. Und da versagt die Politik schon lange.
    Er betont mir viel zu stark den romantische Underdog-Aspekt, den amerikanischen Traum, den Weg von der Garagenfirma zum Weltruhm. Er idealisiert diejenigen, die mit Herz und Seele bei der Sache sind. Klar, es gibt Beispiele dafür und die erfreuen uns, weil wir unterbewusst hoffen, dass wir es auch schaffen. „Wir“, das sind ja die kleinen Leute. Aber die Leute die wir nicht mitbekommen sind die Legionen derjenigen, die es nicht geschafft haben, obwohl sie auch das „why“ beherrschen.
    Deswegen ist es für mich weniger das „Why“, als vielmehr die Präsentation und die Glaubwürdigkeit dessen, was uns als „why“ verkauft wird.

    • Ich denke, wir sind uns eigentlich, gerad ein dem Politik-Aspekt, gar nicht so uneins. Ich würde halt sagen, dass die Leute derzeit zögern, um erneut in dem Modell zu bleiben, weil die Leute das präsentierte „Why“ nicht glauben; Sinek würde vermutlich unterstellen, weil es auch nicht wahr ist.
      Interessant ist übrigens, dass Sinek in seinen ganzen Beispielen anhand seines „goldenen Kreises“ übrigens die Fakten-Ebenen (What und How) nicht ausklammert, er nähert sich nur von der anderen Seite her an.

      Aber ich denke auch nicht, dass die Frage in sich eine moralische ist. Die Kernthese ist ja ultra-simpel: Leute folgen Leuten, die an das glauben, was sie tun.
      Ist das eine Binsenweisheit?
      Möglich. Es deckt sich mit vielen, vielen Modellen von asiatischem Zen bis hin zu Bob Ross, dem Fernsehmaler.
      Aber es bietet einfach auch eine mögliche Antwort auf eine Frage, die soooo trivial nicht sein kann, denn sie ist ja bis heute diskutiert: Was ist Autorität? Was macht Führungspersönlichkeiten aus?
      Und ich bleibe da gerne mit Hannah Arendt konform – und das heißt schon was, eigentlich bin ich ja jetzt nicht der absolute Arendt-Fanboy – wenn sie sagt, Autorität erlangst du weder durch Zwang noch durch Argumente.
      Vielleicht kann man jemanden zwingen, etwas zu tun, oder überreden, etwas zu tun. Aber dann folgen sie nicht bedingungslos. Und egal ob du es jetzt Marketing nennst oder noch mal anders, die Apple-Fan-Schar folgt dem angebissenen Apfel ohne wenn und aber.
      Und die Frage ist ja: Was bewegt sie dazu?

      Ist Sinek Idealist?
      Ja, definitiv. Aber ich denke nicht, dass das was schlechtes ist.
      Idealismus wird mittlerweile oftmals derart negativ konnotiert … und ich denke nicht, dass das in irgendeiner Form verdient ist.
      Idealismus mag rational gesehen, formallogisch betrachtet, dumm sein. Aber ich denke, wir brauchen Idealisten. Egal in welchem Bereich.

      Viele Grüße,
      Thomas

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