Mein Buch 2009: Spook Country

Hallo zusammen!

Irgendwie scheint ein Retrospektiv-Artikel zum Jahre 2009 Ende Mai so deplaziert, oder?
Andererseits habe ich mir so fest vorgenommen, an dieser Stelle noch eine Lobeshymne anzustimmen, die ich auch einfach nicht ausfallen lassen wollte.

Ursprünglich hatte ich dieses Post auch im Sinne des Internet-Stöckchens konzipiert, so à la „Was war Euer liebstes Buch im vorigen Jahr“ – naja, wer sich das noch greifen will zur Jahresmitte, lesen werde ich es gerne, aber ich erwarte mal einfach weniger Resonanz.
Dennoch, kommen wir zu Potte: William Gibson – Spook Country, mein Buch 2009.

Ich habe das Buch bereits vor einer Weile auf der DORP besprochen (und das geht so: Rezension) – und auch da in höchsten Tönen gelobt. Allerdings natürlich erst mal mit einer gewissen, theoretischen Objektivität, so maximal das halt im Rahmen einer Rezension überhaupt möglich ist:

Obschon seiner fiktiven Elemente halte ich „Spook Country“ zudem für eine der treffendsten Schilderungen unserer Zeit: Es ist multikulturell, komplex vernetzt, markendurchzogen, verwirrend, teilweise fast sinnlos, mit einem krassen Gefälle von arm und reich durchsetzt und zugleich in wildem Spiel von viral marketing, ubiquitous computing und anderen, schwimmenden Grenzen durchzogen.

Das kann man im Detail unter obigem Link nachlesen, aber es verleiht nur bedingt dem Ausdruck, warum mich das Buch als eines von sehr wenigen unter vielen guten Büchern, die ich vergangenes Jahr gelesen habe, wirklich beeindruckt hat.

William Gibson kommt vom Cyberpunk her. Das ist insofern ein lustiger Satz, als dass der Cyberpunk als Gattungstype im Science-Fiction-Umfeld seinerseits wieder irgendwie auch von William Gibson herkommt, aber der Punkt bleibt gleich: Seine ersten Bücher sind in Deutschland mittlerweile zu Recht im „Heyne Science Fiction“-Raster gelandet.
Gibson schrieb Neuromancer sowie zwei Sequels und weitere Bücher, ohne die – um es krass zu sagen – vermutlich Shadowrun, Matrix und eventuell auch manche Anime-Nische nicht das wären, was sie heute sind. Dann aber ändert er seine Baustelle und verlagert sich zunehmend in Richtung Gegenwart, in der er mit dem direkten Vorgänger von „Spook Country“, „Pattern Recognition“, letztlich ankommt.
Direkt vorweg: „Pattern Recognition“ ist auch ein phantastisches Werk, aber würde es, wenn, erst in der 2010-Retrospektive an diese Stelle schaffen können, da ich die beiden ohnehin nur lose verbundenen Bände in verkehrter Reihenfolge gelesen habe.

Für mich liegt die Pointe darin, dass Gibson gar nicht so extrem umgesiedelt hat. Natürlich ist sein Schreibstil in den Jahrzehnten gereift und natürlich hat er insgesamt als Autor an Erfahrung gewonnen, aber es ist vielmehr die Realität, die immer mehr den Science Fiction-Szenarien nahe gekommen ist.
Gibson ist bekennender Leser des WIRED-Magazins. Wer WIRED kennt, und sei es nur durch die Internet-Präsenz, der ahnt schon zum Teil, was einen in diesem Buch erwachtet: Technophilie, die teils schiere Absurdität unserer virtuell durchzogenen, ubiquitär vernetzten Wirklichkeit, eine Dominanz von Marken, Markennamen und Images, Slogans und Love Marks, eine extreme Differenz zwischen unterschiedlichen Lebensschichten und vor allem eine Sicht auf die Welt, die gar nicht weit genug heraus treten kann, um noch einen Überblick zu behalten.

I felt that I was trying to describe an unthinkable present and I actually feel that science fiction’s best use today is the exploration of contemporary reality rather than any attempt to predict where we are going…The best thing you can do with science today is use it to explore the present. Earth is the alien planet now.
– William Gibson via CNN

Gibson trifft damit für mich einen Teil unseres Zeitgeistes derart exakt, dass ich beide Bücher einfach nicht aus der Hand legen konnte. Er führt einem gekonnt vor Augen, dass wir selber in der Science Fiction angekommen sind. Aber diese „quasi gegenwärtige Science Fiction“ (die Assoziation mit der „Zukunftsliteratur“ steckt ja ohnehin eigentlich gar nicht im Namen) verweigert sich dabei, Utopie oder Dystopie zu sein.
Das Buch legt die Idee klarer Feindbilder ad acta. Manchmal sagt man vom kalten Krieg – in dessen Ahnfolge auch der Cyberpunk ja irgendwo noch entstanden ist – dass es eine neue Form des Konfliktes gewesen sei, weil die Grenze zwischen Freund und Feind verwischt wäre.
Während das aber im Hinblick auf einzelne Individuen durchaus korrekt sein mag – Are you now or have you ever been? – war natürlich die große Front, Ost gegen West, immer klar. Jeder Grenzübertritt belegte das. Dieser Luxus ist passé, spätestens seit 9/11. Und Gibsons beide Bücher sind für mich, ganz klar, die ersten, richtigen Post-9/11-Romane, die mir untergekommen sind.
Die Welt in diesen Büchern ist entrückt. Es gibt keine Grenzen, keine Freunde und Feinde, eigentlich nicht mal Fronten. Alle tun Dinge, die miteinander verwoben sind. Diese Handlungen stehen in Verbindung. Aber wer jetzt hier „der Gute“ ist, fällt schwer zu sagen. Aber es ist auch irrelevant.

Nachdem wir dumm genug waren, die Moderne Moderne zu nennen und schon Post-Moderne etwas bemüht klang, nachdem ich neulich las, wir lebten nun in der Post-Post-Moderne, traue ich mich eigentlich nicht zu benennen, worin wir gerade leben.
Aber William Gibsons Bücher handeln davon. Und das macht sie zu etwas, was ich einfach empfehlen muss.

Eine deutsche Ausgabe des Buches ist unter dem Titel „Quellcode“ erschienen, die des Vorgängers heißt „Mustererkennung“. Der dritte Band der losen Reihe, „Zero History“, wird ab 7. September 2010 auf dem amerikanischen Markt erscheinen.
Es ist damit tatsächlich das einzige Buch, dessen Erscheinungsdatum ich mir jemals im Kalender notiert habe.

Viele Grüße,
Thomas

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