Anime (heute mal ungewohnt lang)

Hallo zusammen!

Heute einmal was ganz, ganz anderes. Ich habe ja immer schon mal hier und da erwähnt, was mich in meinem Tun so inspiriert, von Simenon bis Christie, von Lovecraft bis King, von Tolkien bis Sapkowski, aber halt auch von Kleist bis Enzensberger oder so.
Aber eine gar nicht zu unterschätzende Quelle der Inspiration, wenn auch oft und gerne mal eher indirekt, liegt in dem großen Bereich Anime.

Da das insgesamt vermutlich ein eher langer als kurzer Artikel wird, biete ich hier mal die Chance zum Absprung an und verspreche, die Tage auch wieder was zu meinem ganzen Tun zu posten – alle anderen erfahren alles weitere hinter dem folgenden Link.

Anime. Wie zum Geier spricht man das aus?

Meine ersten Kontakte, wissentlich, mit dem Thema ergaben sich so Anfang der 90er, als in einigen der Videospiel-Magazine, die ich so las (eigenes Thema!), erste Artikel zu dem Thema aufkamen. Erinnert sich noch wer an so Wortschöpfungsmonster wie „Japanimation“? Ja.
Nun gut, ich kam jedenfalls nicht direkt dahinter, wie man das ausspricht. Für mitlesende, jüngere Leute – das ist jetzt so ein „alter Sack“-Verweis auf die Zeit, bevor es das Internet gab, bevor einem Wikimedia Commons-Links das Wort musterhaft aussprachen und so weiter, und so fort. Jedenfalls stand im Bertelsmann „Modernem Lexikon“ keine Antwort und ich blieb ratlos.
Das blieb ich aber insgesamt. Ich schrieb oben „wissentlich“ Kontakt, denn zu der Zeit war mir weder klar, dass „Heidi“ und die „Biene Maja“ aus Japan kamen – wie auch, die Biene hatte ein Theme von Karel Gott gesungen, Karel Gott!! – noch ahnte ich, was für ein Kulturphänomen sich im Fahrwasser von Tsubasa, Mila oder „Sailormoon“ (Lesen sie mit, Herr Göttmann?) anbahnte.
Und irgendwie verschwand das Thema Anime dann auch bald wieder aus meiner Wahrnehmung, bis eines Tages…

Mein Kumpel Tom und sein Koffer

…mein jetziger Kumpel Tom bei mir aufkreuzte. Eigentlich war mein getreuer Mit-Kultur-Schaffender Matthias bei mir zu Gast, aber der wiederum lockte dann den Tom an, der dann auch bei mir auftauchte. Dabei: Ein lederner Koffer.
Darin: Die original gekauften VHS-Bänder von „El Hazard“.
Wir zogen uns das komplett an einem Abend herein, lachten Tränen unter der objektiv betrachtet grauenvollen, aber ungeheuer unterhaltsamen deutschen Synchronisation, die unter anderem die Namen der damaligen Animania-Redakteuere als Schurkennamen verwendet und ja, meine Neugierde war wieder geweckt.
Während mich viele der großen Brecher wie „Naruto“ oder meinetwegen auch „Dragonball“ absolut eiskalt gelassen haben und ich zwar einige eher augenzwinkernde Serien wie „Phantom Quest Corp.“ oder „Read or Die“ insgesamt sehr schätzen gelernt habe, so gibt es doch sechs andere Animes, die ich hier ganz explizit nennen möchte, da sie mich irgendwie dann doch begleiten. Ich schreibe Bücher, zeichne weder Comics (bzw. Mangas) und drehe, wenn, „Realfilme“ (im Gegensatz zu Zeichentrick, Animation und Anime, ohne hier die Feinheiten der Begriffs diskutieren zu wollen), dennoch ist diese Prägung zeichnend. Denn selbst wer „nur“ Wörter aneinander reiht, der hat doch geistige Bilder vor seinem Auge. Und so sehr wie mein visueller, geistiger Fundus von „Tatort“ bis „Firefly“ reicht, so ist er doch auch hier mitgeprägt worden.

Sechs Animes, die mich geprägt haben

Record of Lodoss War – Fangen wir mal old-school an. 13 Episoden zu je 22 Minuten erzählen eine Fantasy-Geschichte, die sich im Großen und Ganzen wie die animierte Fassung alter D&D-Cover guckt. Was sie mehr oder weniger auch ist.
Neben nostalgisch verklärten Erinnerungen an laue Sommernächte, die ich mit guten Freunden und der untertitelten ARTE-Ausstrahlung dieses Epos verbracht habe, bringt „Lodoss“ vor allem das präzise auf den Punkt, was eine ganze Generation von Rollenspielern und Fantasy-Lesern Ende der 80er, Anfang der 90er gefesselt hat. Und bis heute tut.

Ghost in the Shell – Innocence – Mamoru Oshii hatte mit „Ghost in the Shell“ einen Meilenstein der technischen Brillanz von Animes und zugleich einen Evergreen des Genres Cyberpunk geschaffen, dessen Echo auch in den „Matrix“-Filmen noch laut zu hören ist. Das war 1995.
Als er dann 2004 ein Sequel brachte, war ich neugierig und gespannt. Fazit war, dass die visuelle Genialität des Filmes mich staunend vor dem Fernseher zurückließ und meine Kinnlade gen Boden rauschte. Vor allem aber das Spiel mit japanischer Philosophie genauso wie Binsenweisheiten, mit Motiven des Cyberpunk aber auch der Post-Cyberpunk-Geschichten, das hat mich extrem beeindruckt. Und ich sage mal spoilerfrei: Eine Sequenz in dem Film hat mich sehr geprägt, was den Umgang mit nonlinearem Erzählen betrifft.

Serial Experiments Lain – Bleiben wir kurz in dem Genre. „Lain“ ist die Geschichte eines Mädchens gleichen Namens aus dem Jahre 1998. Es wird auch hier viel über Realität und virtuelle Wirklichkeit spekuliert, aber ganz anders als in anderen, inhaltlich verwandten Geschichten. „Lain“ ist ein Atmosphärestück. Der eigenwillige Zeichenstil, der durchgehende Gebrauch von subtilen Motiven wie den beständig durch Blutstropfen optisch durchzogenen Schatten, dem konstanten, statischen Brummen auf den Straßen und vielen, stillen Passagen. Überhaupt kommt die Geschichte weitestgehend ohne Fantasy und Apokalypse aus und wäre das meines Erachtens unnötig reißerische „Endkampf“-Szenario kurz vor Schluss nicht, sogar noch besser. Die Pointe der Serie ist bittersüß und wunderschön.

Hellsing – Okay, die hier kennt man vielleicht noch am ehesten, lief eine synchronisierte Fassung ihrerzeit sogar auf Viva. Ich meine auch explizit diese Adaption und nicht die dem Manga viel nähere Fassung, die später erschien. Erzählt wird die Geschichte des Vampirs Alucard, was rückwärts gelesen Dracula heißt und eigentlich damit auch die kulturelle Messlatte der Serie bestimmt.
Aber sie gewinnt durch Stil. Und darum ziehe ich diese Fassung auch der neueren Fassung vor. Das Ende ist eher mau, der komplette Hauptplot des Mangas um wieder auferstehende Nazis fehlt, der neue Antagonist ist Mist – aber die Qualität der Zeichnungen in Verbindung mit dem brillanten Modern Jazz-Soundtrack von Matsuo Hayato machen die Serie von 2001 zu einer beständigen Quelle der Inspiration.
In der Tat höre ich den Soundtrack der Serie oft beim Schreiben.

Samurai Champloo – Wo wir schon beim Stil waren. Diese Serie aus dem Jahre 2004 vermengt das Genre klassischer Samurai-Geschichten mit Stil- und Musikelementen des Hiphop (gar nicht meine Musik, aber hier passt es einfach perfekt) und webt daraus ein ganz eigenes, stilistisches Universum. Es geht um zwei Samurai, Mugen und Jin, die einander eigentlich bekämpfen wollen, aber sich aufgrund von Chaos in der ersten Episode von dem Mädchen Fuu auf eine Queste locken lassen, da diese den Samurai sucht, „der nach Sonnenblumen riecht“. Ein skurriler MacGuffin.
„Samurai Champloo“ ist, auch wenn man es oft nicht merkt, unglaublich intelligent gemacht. Ein bisschen wie „Ein Ritter aus Leidenschaft“ spielt die Serie mit den Grenzen ihrer Gattung und bewerkstelligt dabei etwas sehr, sehr lehrreiches, denn sie zeigt, wie immens man seine eigenen Grenzen ausdehnen kann, ohne dass man sie durchbricht.
Und nebenbei gesagt ist der Zweiteiler „Sein Leben verträumen“ ein unglaublich starkes Stück „Storytelling“.

Nausicaä aus dem Tal der Winde – Ich schließe den Kreis mit einem der ersten Anime-Filme, die ich je gesehen habe, ohne zu wissen, was ich da tue. 1984 produzierte Hayao Miyazaki, den man heute durch auch westlich anerkannte Meisterwerke wie „Prinzessin Mononoke“ und „Chihiros Reise ins Zauberland“ kennt, einen post-apokalyptisch angehauchten, diverse in Japan so beliebte Öko-Tropes aufgreifenden Film. Was ich allerdings gesehen hatte, war eine extrem verhackstückelte Fassung unter dem Titel „Warrior of Wind“, von der die Macher in Japan sich schnell distanzierten. Egal, den brachte mein Vater mir aus der Videothek mit.
Mehr als jeder andere Film der Leute, die durch den Erfolg von „Nausicaä“ in der Lage waren, das heute berühmte Studio Ghibli zu gründen, hat mich dieser Anime immer schon fasziniert. Es ist das Design, jede Nuance davon, die Geschichte, der unglaubliche Faszination von jener pilzhaften Welt, die auf Deutsch sperrig „Meer der Fäulnis“ betitelt ist. Die Intensität der hier präsentierten Welt, das unglaublich bewegende Ende, der großartige Soundtrack – ich habe mich sehr selten so gefreut, etwas medial wieder zu finden als an jenem Tag, an dem mir klar wurde, dass „Nausicaä aus dem Tal der Winde“ mein „Warrior of Wind“ war, nur im Gegensatz zu diesem noch mit einer wunderschönen Geschichte gesegnet.

Fazit

Noch wer da? Cool!
Warum habe ich das alles so herunter gebetet? Im Grunde es ist es einfach und schnell auf den Punkt zu bringen. Alles, was wir konsumieren, beeinflusst uns. Auch wenn ich weder zeichne noch animiere, so hat mich „der Anime“ immer geprägt. Das gilt gleichermaßen etwa für Musik und dazu werde ich auch demnächst mal was schreiben, denn „Schreibmusik“ ist für mich ebenfalls etwas zentral Wichtiges.
Mir ist klar, dass sich stellenweise viel Namedropping betrieben habe. Aber ich wollte diesen Text auch nicht in Hyperlinks ertrinken sehen. Auch habe ich sicherlich nicht zu allen Werken etwas ausgeführt, zu denen ich etwas hätte schreiben können. Vampire Hunter D: Bloodlust, Perfect Blue, Texhnolyze – aber das führt dann irgendwann weg vom Punkt. Dass die Top 6 zuvor keine Top 5 war, das ist schon alleine ein Akt von Unentschlossenheit.
Aber wenn ich schreibe, ganz „westlich“ und klassisch, dann sind diese Filme und Serien da. Mein Cyberpunk ist ebenso William Gibson wie Mamoru Oshii. Wenn ich Fantasy schreibe, dann ist da auch „Record of Lodoss War“, wenn es um Coolness geht, dann spielt der Hellsing-Soundtrack vor unserem inneren Ohr.

Ich denke, dass wir in unserer Wahrnehmung dessen, wie Autoren arbeiten, teilweise sträflich in der Vergangenheit behaftet sind. Goethe hat große Literatur geschrieben und wir haben einen Weg zur Annäherung daran gefunden.
Aber Goethe konnte keine Animes gucken. Und nur, weil die Techniken reichen, um Texte „von damals“ zu erfassen, heißt das noch lange nicht, dass wir das bei Autoren der Gegenwart ausklammern dürfen.
Darum habe ich diesen viel zu langen Artikel geschrieben.

Das nächste Mal wird’s wieder kompakter. Und mit mehr erkennbarer Relevanz zu den eigentlichen Themen des Blogs hier.
Versprochen.

Viele Grüße,
Thomas

5 Gedanken zu “Anime (heute mal ungewohnt lang)

  1. Hurray, endlich mal jemand, der den Hellsing Soundtrack mag!;) Ich hör den meistens als Hintergrund zum Schreiben, oder Lernen, aber habe festgestellt, dass den 95% meiner Freunde meerkwürdig finden…also doof merkwürdig, nicht cool merkwürdig!;)

    • Ja, geht mir ähnlich. Zwar mochten rechte viele, die ich kenne, Hellsing ganz gerne, aber wenn iTunes mal wieder die Musik rauswürfelt und Gäste da sind, kommen oft sehr schnell sehr irritierte Nachfragen ;)

      Wusste aber auch gar nicht, dass du da in die Zielgruppe gefallen bist, sozusagen. Sprich, dass du dich für ein Textepos über Anime begeistern könntest ;)
      Man lernt nie aus ^^

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