Was wir brauchen ist Medienkompetenz, nicht Zensur

Hallo zusammen!

Heute möchte ich kurz einige Zeilen zu einem Thema schreiben, auf das ich dieser Tage aufmerksam wurde und was mich seither nicht mehr richtig losgelassen hat. Und ich denke, es ist ein wichtiges Thema.

Ich muss allerdings etwas weiter ausholen.
Wo auch immer Geld im Spiel ist, werden Leute einen Weg finden, diese Gelegenheiten zu missbrauchen. Ich denke, das ist eine Binsenweisheit, die erst mal jeder abnicken wird.
Im Falle des Buchdrucks on demand, allgemein im Falle des Digitaldrucks, sieht das Modell dafür derzeit u.a. so aus: Man nimmt Textteile der Wikipedia, die gemeinfrei veröffentlicht wurden – ich gehe jetzt mal der Einfachheit halber nicht auf die unterschiedlichen Lizenzmodelle ein, die prinzipiell von der Wikipedia unterstützt werden – und druckt eben jene Texte in ein Buch, das man dann für teures Geld über die gängigen Kanäle wie Amazon verkauft.
Nicht nur, weil es generell unmoralisch und rechtlich zweifelhaft ist, hier gewissermaßen mit dem Content anderer User Geld zu verdienen, ist das eine problematische Angelegenheit, sondern zudem, weil das Preis-Leistungs-Verhältnis oftmals nicht nur schlecht, sondern geradezu desaströs ist. Das ist insofern wichtig, weil ich hier von einer ganzen, organisiert vorangetriebenen Warenkette spreche, die nicht nur moralisch fragwürdig, sondern auf ganzer Länge ein minderwertiges Produkt ist.

Aber ihr braucht nicht mich, um darauf hingewiesen zu werden, das Phänomen geistert ja schon eine Weile durch die Nachrichtenkanäle, etwa hier via Telepolis. Wie ich schon eingangs schrieb: Man zeige mir einen Zweig, bei dem in einer rechtlichen Grau- (oder Schwarz-)Zone Geld zu holen ist und es sich niemand holt.

Was mich vielmehr beschäftigt hat, waren einige Reaktionen aus dem Umfeld echter, will sagen eigenes Material produzierender on-demand-Autoren. Beispielsweise hier im offiziellen Forum von BoD.
Dort wie auch andernorts wurde, wenn auch nur vereinzelt, ein Ruf laut, der vor allem in die Kategorie „Aber da muss doch jemand was tun?!“ fiel. Da kommen dann Vorschläge auf, wie beispielsweise den on demand veröffentlichenden Verlagen eine größere redaktionelle Verpflichtung zur Überprüfung des bereitgestellten Materials abzuverlangen. Oder gar, vollkommen fernab der Situation (oder auch des Zwecks des nachfolgend genannten Systems), an die Vergabe von ISBN-Nummern zumindest eine grundlegende Qualitätssicherung zu koppeln. Zu Recht wird etwa in dem oben genannten Thread darauf verwiesen, dass auch die ISBN einfach die wirtschaftliche Identifikationsnummer des Buchhandels analog zu EAN im restlichen Warenbedarf darstellt. Aber auch das sind nur einzelne Facetten einer Grundhaltung, die ich bedenklich finde.

Die große, große Gnade, die der Druck on demand gebracht hat, ist die, dass Leute in der Lage sind, eben ohne redaktionelle Einflussnahme Texte publizieren zu können. Das können sie im Internet ohnehin schon, aber eben auf diesem Wege auch im Druckwesen.
Diese Diskussion streift nicht unwesentlich das klassische Argumente, oD-Titel würden ja nur den Buchmarkt überschwemmen und unübersichtlich gestalten. Wie ich aber neulich schon mal schrieb: Google hat vor kurzem den weltweiten Buchtitelbestand auf 130 Millionen geschätzt. Selbst wenn jetzt eine Firma wie Books LLC den Markt mal eben mit 27.000 Titeln flutet, entspricht das 0,02% dessen, was bereits existiert. Wenn die Bücher dieser Welt 10.000 Erbsen wären, hätte Books LLC zwei Erbsen dazu gelegt. Das geht, oder?
Oder sagen wir: Das macht es nun weiß Gott nicht schlimmer.

Tatsächlich erinnert mich dieser Vorstoß, dass da doch mal wer was machen müsste, noch an eine andere Mediendiskussion, die einfach kein Ende nimmt: Der Bereich Mediengewaltforschung.
Nun ist das nicht gerade mein Spezialgebiet und mir vor allem dadurch präsent, dass sich zwei Freunde von mir sehr intensiv mit dem Thema auseinander setzen. Immer wieder wird in dem Bereich der Ruf laut, dass man schärfere Kontrollen brauche und man ja von den Eltern nicht erwarten könne, dass sie da sozusagen in ihrer pädagogischen Pflicht mit dem schnelllebigen Markt und, je nach Quelle, der bösen Industrie mithalten können.
Analog dazu scheint mir hier der Anspruch aufzukeimen, dass da doch jemand den Buchmarkt sauber halten müsse, da man ja schlecht von jedem einzelnen Käufer verlangen könne, dass er diesen ach so vollen Buchmarkt selbst durchblickt.

Meine Antwort dazu ist: Doch. Das kann man erwarten. Muss man erwarten können.
Ob man es gutheißt oder nicht: Die Zeiten haben sich geändert und der Buchmarkt liegt nicht mehr in der Hand einiger, großer Verlage. Deren Filterfunktion war zweifelsohne gegeben und sie ist es auch bis heute, solange man bei den Büchern der großen Verlage bleibt.
Aber die hundertprozentige Marktkontrolle kriegt niemand mehr wieder. Die ist fort, wenn es sie je gegeben hat. Xerox haben eine Druckeranlage vorgestellt, die innerhalb von drei Minuten on demand ein geleimtes, farbig eingeschlagenes Taschenbuch drucken kann, derzeit mit Titeln, die das Gerät über Google Books bezieht. Das ist 2010.
Man stelle sich einfach mal kurz kühn vor, wie das 2015 oder 2020 aussehen kann. Ich hab das auch lange eher für SciFi gehalten, aber der Buchladen der Zukunft, der ein Buch nicht vorrätig hat, sondern druckt, wenn ich nachfrage und bei dem ich es trotzdem nach Minuten schon mitnehmen kann? Durchaus vorstellbar.
Vor allem bleiben gedruckte Bücher auf diesem Wege ein Medium, das nicht derart massiv vom eBook überholt werden muss, wie es einige Szenarien schildern.

Aber zurück zum eigentlichen Thema. Der Markt hat sich verändert oder ist, präziser gesagt, massiv im Wandel. Die Technologien sind da. Genauso wie wir nicht mehr nur drei, oder nicht mehr nur 30 Programme im Fernsehen haben, genauso wie das Internet zunehmend ein ubiquitärer Begleiter ist, genauso ist der Buchmarkt offen und das wird er auch bleiben. Kein Verbot dieser Welt wird dies im Rahmen eines demokratischen Landes noch mal eindämmen können.

Aber wie kann man dieser Lage Herr werden?
In dem man dieser Technik Herr wird.

Der Buchkäufer der Zukunft wird lernen müssen, selbstständig etwas mehr zwischen Spreu und Weizen zu trennen, wenn er bei Amazon surft. Er wird selbstständig erkennen müssen, dass Bücher mit Titeln wie „Aaskäfer: Gerippter Totenfreund, Totengräber“ möglicherweise Kopien aus der Wikipedia sind. Und warum sollte er das tun?
Weil er gigantisch belohnt wird – denn ein offener Buchmarkt ist nicht nur offen für Schund und Betrug, er ist auch offen für Qualität abseits des Massengeschmacks und, vor allem, für Innovationen. Denn die meisten Autoren on demand die ich kenne, verlegen ihre Werke mit Leidenschaft und Hingabe.

Der „feste“ Buchmarkt ist ja auch kein idealisierter Traum, sondern auch harte Wirtschaftsrealität. Die Zeiten, in denen Buchhändler vorne im Laden jene Bücher auslegten, die sie selber gut fanden und zu denen sie auch viel sagen konnten sind gerade im Bezug auf die großen Ketten ebenso vorbei wie jene Zeit, in der vor allem die Visionen der Autoren die Innovationen des Marktes vorangetrieben haben – wenn es diese Zeit denn jemals gab.
Bücher nach Bedarf zu drucken minimiert die Kosten so weit, dass wir tatsächlich wieder viel mehr Kraft an die Autoren geben können. Und das ist ein Wert, den man nie unterschätzen darf.

Wenn euch jemand anspricht und von dem Missbrauch der Technik, und es ist vor allem ein technisches Phänomen, des on demand-Drucks erzählt, dann nickt nicht und fordert härtere Kontrollen.
Verweist auf positive Beispiele. Gute, inhaltlich wie technisch gelungene Titel, die eben on demand veröffentlicht werden.
Und dann lasst letztlich den freien Markt den neuen Torwächter sein.

Viele Grüße,
Thomas

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