Rechteverwalter, Interessenvertreter und ein Weihnachtsmark

Hallo zusammen!

Manch einer hat es vielleicht schon aufgeschnappt, aber der Weihnachtsmarkt in Aachen, legendär wie er ist, hat einen stummen Anfang genommen. Keine Weihnachtslieder schallen durch die Gassen, Stille erfüllt die stille Nacht. Und warum?
Weil die GEMA die Gebühren erhöht hat und, laut Vertretern der Stadt, die weihnachtliche Beschallung von 4.000€ auf 12.000€ hoch-explodiert ist (Quelle).

Soweit, so bekannt. Die meisten Aachener, mit denen ich gesprochen habe, begegnen dem Phänomen mit Spott und Häme, Anwohner und Aussteller zeigen sich gleichermaßen angetan von der angenehmen Ruhe. Für Besucher allerdings ist es natürlich doof und ein Stück der typischen Atmosphäre geht zweifellos verloren, ob nun im Guten oder Schlechten.

Aber ich möchte hier kurz auf eine Perspektive hinweise, die ich bisher nirgendwo betrachtet gefunden habe: Die der Interpreten. Die GEMA, so steht es auf deren Webseite, dient zur Vertretung der Interessen der Musikschaffenden. Sehr nobel also. Direkt auf der Startseite steht ganz episch „Ich bin Mitglied bei der GEMA! Weil Musik die Menschen in allen Zeiten und Kulturen berührt.“ (Der Slogan rotiert; neu laden, bis man eine ältere Dame sieht; da steht es.)
Aber angenommen ich bin jetzt Interpret und habe, unter anderem, zahlreiche Weihnachtslieder eingespielt. Dann gibt es vermutlich zwei Möglichkeiten, warum ich das getan habe. Die eine ist die Liebe zum Geld, die andere ist die Liebe zur Musik. Ist es das Geld, so ist der Vorstoß der GEMA für mich doof, denn wenn eine Stadt wie Aachen stumm bleibt oder aber wie Monschau auf GEMA-freie Titel umsteigt, verdiene ich auch nichts daran. Wenn ich aber aus Liebe zur Musik agiere, ist es noch viel schlimmer, denn dann hat mir die GEMA gerade die Chance genommen, dass hunderte und tausende Besucher des Marktes meine Lieder hören können. Sie hat mich ein riesiges Publikum gekostet.

Das ist ein Risiko, das man eingeht, wenn man, bildlich gesprochen, als Zwerg seine Rechte in die Hände eines Riesen legt. Der Riese agiert, wie es aus seiner Perspektive sinnvoll erscheint und mit dem Geschick, dass seine wuchtigen Ausmaße halt zulassen. Zwar kann der Riese viel schneller viel mehr Orte erreichen und den Zwerg souverän vor allem beschützen, was die Welt ihm entgegen wirft, „Diebe“ etwa, die seine kreativen Ideen rauben wollen. Allerdings wird der Zwerg im Schatten des Kolosses an irgendeinem Punkt auch recht entsetzt sein, was dieser Riese für eine Schneise der Verwüstung hinterlässt auf diesem Pfad.
Dann kann er rufen, kann er brüllen, aber nur selten schafft es eine einsame Stimme dann, zum Ohr des Riesen herauf zu klingen.

Das Bild lässt sich auf den Buchmarkt übertragen. Damit meine ich gar nicht mal die VG Wort, die zwar unübersichtlich, aber insgesamt deutlich nahbarer ist als die GEMA, sondern die bekannten, großen Verlage.
Wucht und Kraft, durchaus Schutz und vor allem Reichweite bringen sie mit.
Aber man lässt den Riesen damit dann auch die Richtung bestimmen. Ob einem das Endprodukt dann zusagt, oder nicht.

Einfach mal ganz vorweihnachtlich darüber nachdenken.

Viele Grüße,
Thomas

2 Gedanken zu “Rechteverwalter, Interessenvertreter und ein Weihnachtsmark

  1. Also erstmal möchte ich sagen: Schönes neues Layout!;)
    Die VG Wort ist mir so noch nie begenet, aber der Vergleich hat mit Sicherheit etwas für sich – ich finde das Beispiel Weihnachtsmarks zeigt auch mal wieder wie sehr kreatives Arbeiten heutzutage unterschwellig vernetzt ist. Ich glaube kaum einer macht sich heutzutage Gedanken darüber, wenn er irgendwo was veröffentlicht, dass damit auch Rechte abgetreten werden können für Dinge, an die man nichtmal gedacht hat – Übersetzungsrechte, Verfilmungsrechte, Drehbuchrechte, Vertonungsrechte, Merchandise, Hörbücher, und was weiss ich noch. Ich finde es eine gruselige Vorstellung, dass das im Zweifel alles nicht mehr beeinflussbar ist, wenn man erstmal den Vertrag unterschrieben hat…es sei denn man macht’s wie die Rowling, ich glaube die war da schon ziemlich fortschrittlich in ihren Verhandlungen!;)

    • Danke für das Lob am Layout :)
      Werde da auch noch was zu schreiben, aber da ich die letzten Tage bereits in weiser Voraussicht ob meiner Auslastung vorgefüttert hatte, hatte ich zwar Zeit für die Umstellung des Desisgns, aber nicht, um es zu kommentieren ;)

      Zur VG Wort sei gesagt, dass du vermutlich schon dutzende Male mit denen zu tun hattest. Auf den meisten Copyshops in Aachen kleben auf den Kopieren große Runde Aufkleber der VG Wort, meist ausgewaschen-türkis oder rot. Die signalisieren, dass hier Abgaben die Runde gemacht haben die dazu genutzt werden, einen Ausgleich für die Kopien zu leisten, die aus Büchern etwa für Uni-Zwecke gemacht werden.
      Du kannst als Autor in nahezu jedem Bereich Geld von der VG Wort beantragen und musst dafür auch nicht einer GEMA-artigen Sekte beitreten. Wohl aber läuft das wahlweise über die Absatzzahlen (Belletristik), ein Mal pauschal bei ausreichendem Absatz im ersten Jahr (Sachbücher), nach Artikelmenge wenn das veröffentlichte Organ (etwa die Zeitung) eine ausreichend große Auflagenstärke hat oder auch nach Hits, wenn du das relativ komplizierte Tracking-System etwa für dein Blog in Anspruch nimmst.
      Die VG Wort ist eine gute Sache, aber sie lässt das Campus-System der RWTH wie ein Meisterwerk in Usability und Übersichtlichkeit wirken ;)

      Zur Rechteabgabe – das ist halt fast immer irgendwie problematisch; auch bei on-demand-Anbietern muss man natürlich gründlich die AGB lesen und schauen, ob einem das letztlich zusagt oder nicht.
      Aber ich habe beispielsweise einen Kumpel, der hat ein Manuskript für einen Verlag geschrieben als Auftragsarbeit. Nur bringt der Verlag das Buch seit Jahren nicht auf den Markt. Sehr viel Arbeit und Mühe – lektorierend auch von mir – sind in den Titel gegangen, aber da der Verlag auf den Rechten sitzt, kann er es nicht mal mehr anderweitig veröffentlichen.
      „Hätte er den Vertrag besser gelesen“ mag man sagen und natürlich stimmt das einerseits, andererseits gilt das auch für die GEMA – entgegen der landläufigen Meinung gibt es ja durchaus Möglichkeiten, als Musiker nicht in den Bereich der GEMA zu fallen. Wenn man denn will.
      So ist es halt auch mit den Verlagen. Mehr kreative Kontrolle bedeutet auch immer mehr Arbeit, mehr Verantwortung und eine höhere Komplexität. Nur leben wir anno 2010, fast 2011, in einer Zeit in der man als Autor diese Entscheidung frei treffen kann.

      Und wie ich immer sage: Ich würde niemandem zum einen oder anderen Weg explizit raten, das muss jeder selber wissen.
      Aber die Wahlmöglichkeit. Von der sollte man wissen.

      Viele Grüße,
      Thomas

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