Wie viel Dialekt verträgt meine Geschichte?

Hallo zusammen!

Ich saß eben erneut an meinem Beitrag für Geschichten aus Condra und stieß nun schon zum zweiten Mal auf das gleiche Problem: Der Dialekt.
Meine Geschichte spielt in einem Ort, der auch für Eingeweihte bereits jetzt so etwas wie das Musterbeispiel für Hinterwäldler-Dörfer darstellt. Würde man in Platons Ideenraum die Idee des von der Kulturgeschichte irgendwie vergessenen Dorfes besuchen, so stünde man im Ort meiner Handlung.
Und da das gesamte Setting Condra, das ist ja kein Geheimnis, so etwas wie die Fantasy-Variante der mittelalterlichen Eifel darstellt, ist die Mundart vor Ort zweifelsohne eben auch das – Eiflerisch. De facto ist so, wie es bei uns zumeist praktiziert wird, das „Condrianische“ eine Art wilde Mischung aus den lokalen Dialekten der Bereiche Imgenbroich, Monschau, Rohren und Rurberg auf der einen Seite, sowie des Raumes Schleiden auf der anderen Seite. Wer die Ecken nicht kennt, aber auf eine Karte schaut, mag sich wundern, denn eigentlich liegen die meisten dieser Orte relativ eng beieinander. Wer die Eifel aber kennt, der weiß auch, dass das nichts zu sagen hat.

Sieht man einmal von einzelnen, lichten Flecken wie eben beispielsweise der für ihre Tuche berühmten Stadt Monschau ab, sind große Teile der Weltgeschichte an der Eifel respektive vor allem ihrem kargen, schroffen Land und ebenso schroffen Wetter abgeprallt. Das umfasst auch durchaus den Bau von Straßen und weitläufigeren Hauptverkehrswegen. Es sind mehrere komplette Heere in dieser Region im Laufe der letzten 800 Jahre in der Region gescheitert – nicht bezwungen, aber verhungert und erfroren.
Das alles führte dazu, dass oft selbst Nachbarorte selten mehr als flüchtigen Kontakt miteinander hatten und daher auch sprachliche Entwicklungen teilweise sehr isoliert stattgefunden haben. Ich sage es immer wieder gerne – ein Freund von mir und ich, wir haben es mal bei einer Zählung auf insgesamt gut 16 Worte für „Kartoffel“ gebracht.

Doch zurück zum Thema. Sowohl die Einzeldialekte wie auch der Mix, den wir intern verwenden, haben das gleiche Problem: Die Anzahl derer, die es wirklich verstehen können, ist ziemlich begrenzt. Das Problem der korrekten Schreibweise mal außen vor lassend.
Was also tun?

Ich bin mir selber dahingehend noch unsicher. In meinem Beitrag „Dialektal, lieber Leser, dialektal“ über Verfluchte Eifel schrieb ich: „Das Platt in beiden Novellen, sofern noch vorhanden, ist sehr gezähmt und wird das auch bleiben.“
Meine Lösung in der entstehenden Kurzgeschichte ist nun etwas anders. Ich versuche, jedwede Verständnisschwierigkeit durch die Reaktionen der umstehenden Leute bzw. durch die Schilderungen des Erzählers abzufangen. Das Verständnis des Lesers ist damit direkter an das Verstehen der Protagonisten gekoppelt und er wird dadurch stärker in deren Situation hineinversetzt. Das wiederum klappt natürlich nicht für solche, die des Eifler Platt mächtig sind und daher eventuelle Passagen verstehen, die erst mal Unklar bleiben sollen. Ich denke aber, in dem Falle wird das durch den Reiz aufgewogen, sich eben genau diesen Wissensvorsprung qua Herkunft verdient zu haben.
Und wer generell an solchen Sprachspielen keine Freude hat, der wird die entsprechenden Passagen – bisher sind es glaube ich drei – auch einfach ausblenden können.

Dennoch frage ich mich, warum es mich immer wieder zu diesem Thema führt. Schleier aus Schnee greift das Topos gar nicht auf, aber sowohl beide Novellen aus Verfluchte Eifel wie eben jetzt auch diese Kurzgeschichte hier spielen auf der gleichen Klaviatur. Ich nehme an, es hat wirklich etwas damit zu tun, in der bisweilen eigenbrötlerischen Eifel aufgewachsen zu sein und daher teilweise sehr aktiv mit Dialekt bzw. wenigstens Regiolekt in Verbindung gekommen zu sein.
Es hat auch viel damit zu tun, das Sprache ungeheuer identitätsbildend ist, was ja auch schon in zahlreichen Konflikten in der Geschichte der Menschen Thema war, ganz gleich ob man die Menschen jetzt zu Latein, Englisch oder Spanisch zwingen wollte oder will.
Ein großartiger Filmtipp dazu ist übrigens „The Wind that Shakes the Barley“ – aber das würde jetzt hier den Rahmen sprengen. Einfach gucken, aber im O-Ton.

Unterm Strich bleibt zu sagen, dass eigentlich nahezu jedes Detail in Condra auch irgendwie eine Liebeserklärung an die Eifel ist, jene Region, in der es so kalt ist, dass Hemingway in seinem Roman „Über den Fluss und in die Wälder“, die Schlacht im Hürtgenwald verarbeitend, beschreibt, wie die Verstorbenen so schnell gefrieren, dass ihre Gesichter rötlich bleiben.
Und das ist etwas, was Geschichten aus Condra durchaus unter anderem auszeichnen wird. Das Land, das ist fiktiv. Das Lebensgefühl aber, das ist echt.

Viele Grüße,
Thomas

2 Gedanken zu “Wie viel Dialekt verträgt meine Geschichte?

  1. Über Dialekte habe ich mir auch schon häufiger Gedanken gemacht. Das Problem ist immerhin auch: Das kann sehr schnell sehr gekünstelt aussehen, wenn man es nicht richtig hinbekommt.

    Ich tendiere daher dazu, Dialekte mehr oder weniger außen vor zu lassen. Wobei das vermutlich schwer geht, wenn man wirklich viel Lokalkolorit mit reinbringen will, wie bei deinen Geschichten. Ich meide sowas zugegebenermaßen meist.

    Eine ähnliche Sache habe ich aber bei meinem NaNoWriMo-Roman jetzt dieses Jahr gemerkt: Die Protagonistin ist eine Deutsche, die in Amerika lebt und einen harten deutschen Akzent hat. Das kann man natürlich schwer darstellen, wenn man auf Deutsch schreibt. Ich habe mir lange den Kopf darüber zerbrochen, was ich genau damit mache – ob ich dann nicht doch auf Englisch schreiben sollte, um das zu transportieren.

    Ich bin dann allerdings dazu übergegangen, es in die Beschreibungen mit einfließen zu lassen – das klingt ähnlich, wie dein Ansatz, den du beschrieben hast mit den Reaktionen. Denn die Gesprächspartner reagieren eben manchmal auf den Akzent, um den Leser hin und wieder darauf hinzuweisen.

    Im Gegenzug konnte ich es mir allerdings nicht nehmen lassen, ein paar Dialogpartner sie mit mal „Fräulein Müller“ oder „Fraulein Muller“ anzureden, auch wenn das ein wenig inkonsequent ist, aber – wie ich fand – ganz sympathisch da ein wenig Sprachunsicherheiten reinbringt und auch die amerikanischen Charaktere skizziert, ob sie auf die Umlaute achten und damit umgehen können.

    Das ist zwar nun ein wenig anders gelagert, da es sich immerhin eher um Akzent und nicht um Dialekt dreht, aber ich dachte, es passt trotzdem ganz gut und ist vielleicht interessant.

    Ein super spannendes Thema, wie ich finde, bei dem ich aber – wie du siehst – auch noch nicht so ganz zu einem Ergebnis gekommen bin; aber auch schon darüber stolperte.

    • Das Deutsch-Englisch-Phänomen ist ja auch noch mal ein ganz eigenes Thema, aber du hast Recht, rein pragmatisch gesehen ist es dennoch im Grunde genau die gleiche Baustelle.
      ich finde deinen Ansatz jetzt auf jeden Fall ansprechender als die geschilderte Alternative, denn ich fürchte, es ist nicht gerade das beste Mittel, wenn du deiner Protagonistin einen ja doch häufig auch eher humoristisch konnotierten Einschlag in der Sprache gibst. Das reicht ja irgendwie von Englisch à la Arnold Schwarzenegger („Remämbär sät Ei sett I wutt kill ju last“, quasi) bis hin zu wirklich bewusstem Umgang mit dem Stilmittel – kennst du die Mangas zu Hellsing (also die Vorlage der Animes)? Die Nazis da sprechen auch alle lautmalerisch geschrieben mit deutschem Akzent … das ist eher knifflig, teilweise und im Comic zugleich noch einfacher von der Textmenge her zu stemmen als bei einem Roman, vermute ich…

      Davon ab – die generelle Idee, die Protagonistin zu einer Deutschen in Amerika zu machen finde ich sehr schnieke :)

      Zuletzt zum Lokalkolorit: Das Teuflische ist ja auch, dass du im Dialekt unter Umständen ganz andere Sachen aussagen kannst, als eine vergleichbare Aussage im Hochdeutschen haben würde. Ich finde dahingehend sind Übersetzungen aus schweren Dialekten (ich grenzte das in meinem Artikel ja schon mal ohne weitere Erklärungen von Regiolekten ab, aber ich schätze, sowas ist dir in der Amerikanistik auch begegnet, oder?) gar nicht so anders als solche aus anderen Sprachen.
      Ein sozusagen kolloquiales Beispiel:
      Neulich noch sprach ich mit einem Kumpel, der zwar 30 Kilometer und eine dieser o.g. natürlichen Sprachbarrieren (in dem Falle, ein bis in die 20er hinein fast unwegbarer Wald) weiter, aber eben auch in der Eifel aufgewachsen ist, über den Unterschied folgender Sätze:
      Wenn ein „Hochdeutscher“ [!] sagt: „Wir hier sind feine Leute“, dann ist das Wort für Wort im Denotat gleich mit „Mir he sinn fing Lück.“ Aber das Konnotat ist eine gaaaaaaanz andere Angelegenheit ;)
      Da wäre ich jetzt durchaus neugierig, wenn du dich für eine Prise Empirie hergibst – musst ja nicht mal sagen, was genau, aber hast du eine Idee, gibt es da ein Bauchgefühl, wo ungefähr der Unterschied zwischen beiden Varianten liegt?

      Fände ich ganz spannend in dem Kontext…

      Viele Grüße,
      Thomas

      PS: Aachen liegt übrigens auch nur rund 60 Kilometer von Schleiden entfernt. Aber Öcher Platt verstehe ich, wenn die richtig loslegen, mit keinem Wort mehr ;)

      PPS: Was ich übrigens oft ganz verschweige ist, dass wir in der Eifel auf noch zwei separate Sprachgruppen haben. Ausnahmslos alles, was ich schreibe, bezieht sich auf die Nordeifel, die bei aller Eigenbrödlerei vor allem eine Abart des Ripuarischen, gerne mit bastardisierten, französischen Lehnworten spricht. Die Südeifel-Dialekte gehören eher zum moselfränkischen Raum. Davon mag ich mich auch distanzieren ;)

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