Bei manchen Übersetzungen frag ich mich…

Hallo zusammen!

Es gibt eine Stelle in meinem Biest von Widdau, da hatte ich ursprünglich mit dem Gedanken gespielt, Arthur Millers „The Crucible“ meine Ehre zu erweisen und einen meiner liebsten Sätze daraus zu zitieren.
Um kurz auszuholen: Millers Theaterstück um die Hexenprozesse in Salem dürfte wohl in meiner persönlichen Theater-Top 3 ziemlich unumstößlich beheimatet sein; es könnte sogar auf dem ersten Platz liegen, wenn ich so darüber nachdenke. Ich finde es ist ein ungeheuer starkes, ungeheuer emotionales Stück und es kann, wenn gut aufgeführt, ein atemberaubendes Erlebnis sein.
Sieht man von ein, zwei zumindest von heute aus gesehen etwas obskuren Textstellen ab, so hat Miller hier einen Text gewoben der genau das erfüllt, was man immer von hoher Literatur verlangt. Einen Text, in dem jeder Satz und jedes Wort bis zum Bersten mit Bedeutung aufgeladen scheinen. Ich bin ja durchaus vermutlich noch ein überdurchschnittlicher Theater-Liebhaber meiner Generation, aber an Millers Stück kam bisher für mich nur sehr, sehr wenig auch nur heran.

Zu meiner Textstelle. Da heißt es dort dann direkt zu Beginn:

MRS PUTNAM: You think it God’s work you should never lose a child, nor grandchild either, and I bury all but one? There are wheels within wheels in this village, and fires within fires!

Ich mag diese Stelle unglaublich gerne. Sie erfordert ein bisschen Kontext, aber einerseits finde ich das von ihr geschilderte Bild einfach gut, andererseits ist es sogar eine Referenz auf die Bibel, in der ebenfalls bereits das Bild von Rädern in Rädern (Hes 1,13-21) bemüht wird. Das hat mit Condra zugegebenermaßen wenig zu tun, aber halt durchaus mit dem, was auch Miller da thematisiert.
Aber schwierig, das auf Deutsch zu transportieren.

Was läge also näher, als das mal mit der deutschen Ausgabe von „The Crucible“, also „Hexenjagd“ zu vergleichen?
So marschierte ich also gestern morgen in die Bibliothek, fand zielsicher das Buch und dort auch das obige Zitat. Und das muss ich einfach zitieren! Auf Deutsch heißt die Passage:

FRAU PUTNAM: Ihr seht’s als Gottes Werk an, dass Ihr nie ein Kind noch ein Enkelkind verloren habt, während ich alle bis auf eins begrub? Hier in der Stadt treibt’s um, und es brennt!

Es treibt um?
Und es brennt?
Es brennt?!

Naja, das Ende vom Lied ist wohl, dass Das Biest von Widdau wohl doch keine direkte Miller-Referenz enthalten wird. Nun ja, vielleicht findet sich ja noch eine andere Gelegenheit. Aber trotzdem – der Herausgeber wusste offenbar, warum sich der Name des Übersetzers in der Ausgabe dort nicht finden ließ…

Es brennt?! Nee. Es brennt nicht, aber ich glaub es hackt…

Viele Grüße,
Thomas

4 Gedanken zu “Bei manchen Übersetzungen frag ich mich…

  1. Oh je, ja, das klingt nicht schön. Dass mal eine Übersetzung daneben geht, kann zwar immer einmal wieder passieren.

    Ich weiß noch genau, wie ich beim Malleus Monstrorum die Poplan-Auszüge übersetzt habe und nach all den Mythos-Wesen, die „blablupp von Leng“ und „blabliblapp von ‚Txyz“ hießen zu der „Mother of Pu“ kam und dann „die Mutter von Pu“ daraus machte – absolut peinlich. Zum Glück war es Frank noch im Lektorat aufgefallen und ich habe eine witzige Anekdote zum Erzählen. Denn als er mir schrieb, dass es eben „die Mutter allen Eiters“ war, habe ich geschockt vor dem Monitor gesessen und bin vor Scham versunken. Daher ist es sicherlich immer gut, wenn man als Lektor jemand hat, der sich mit der Materie auskennt und wenn also jemand, der sich mit dem Stück auskennt (zum Beispiel ein Amerikanist *hust*), das lektoriert hätte, wäre ihm vielleicht der Bedeutungsschwund an der Stelle aufgefallen.

    Wobei es natürlich einen Unterschied zwischen Fehler und Nachlässigkeit oder Schlampigkeit gibt, finde ich, denn man merkt doch eben deutlich, wenn der Übersetzer keinen blassen Schimmer hat, was er da genau macht.
    Auch wenn ich zugeben muss, dass ich nicht gewusst hätte, dass es eine Bibel-Anspielung ist, so kann man auch ohne dieses Wissen zumindest vermuten, dass es Vorlagen gibt – und dann sucht man doch mal danach! Schon allein das Google-Fu sollte in unserer heutigen Zeit auch bei Übersetzern nicht all zu schwach sein. So wie oben wirkt die Übersetzung einfach nur, als ob sich jemand daran vorbei gemogelt hat.

    Kleine weitere Geschichte aus den Serien, die ich auch immer wieder gerne bei „unbefriedigenden Übersetzungen“ anführe… mein Lieblingsbeispiel ist bekanntermaßen aus der 4. Buffy-Staffel, wo dann aus „Dagon’s Sphere“ (eine leuchtende, magische Kugel) plötzlich „Dagons Furcht“ wurde und ich mich frage, ob der Übersetzer nur ein Hörbeispiel der Serie hatte und keinen Text.

    Auch sehr schön ist eine Stelle in „Dawson’s Creek“, bei der irgendjemand verletzt wird und alle ganz panisch werden (ich kann mich nicht mehr so gut an die Umstände erinnern) und Jenn dann sagt: „This is something we didn’t learn on ER.“ Auf Deutsch wurde dann daraus: „Das haben wir nicht in der Notaufnahme gelernt“ – und schon war die schöne Serienreferenz zu „Emergency Room“ verschwunden und man kann sich ziemlich sicher sein, dass Jenn niemals irgendwie in einer Notaufnahme gelernt habe.

    Oh, und einen habe ich da auch noch aus den Simpsons, wo dann aus „The tree kicked the bucket“ plötzlich „der Baum hat den Eimer getreten“ wurde und der Übersetzer das idiom vollkommen ignoriert hat.

    Ja, ja, Übersetzungen. Einfach sind sie natürlich nicht und so Klöpse passieren immer und ich denke, das ist menschlich. Da ich ja hin und wieder auch selbst schon übersetzt habe, bin ich da immer hin- und hergerissen: einerseits will man „seine“ Leute dann ein wenig in Schutz nehmen, denn Fehler sind menschlich, andererseits sind solche Fehler leider mittlerweile zu häufig, als dass man da die Augen verschließen sollte und peinlich sind sie allemal.

    Übersetzungen sind eben kein einfaches Handwerk und daher werden wir auf ein fehlerfreies, wie das folgende hier wohl noch lange warten dürfen: http://www.youtube.com/watch?v=h2OfQdYrHRs&feature=player_embedded

    Entschuldigt aber natürlich nicht fahrlässiges oder schlampiges Übersetzen und dass oben bei deinem Beispiel noch nicht einmal probiert wurde, das Englische einigermaßen nahe zu übersetzen, wirkt eher, als ob der Übersetzer überfordert war.

    • Ich denke halt auch, dass es da drei Arten von Fehlerquellen gibt – Unwissen, Schlampigkeit und eben Lustlosigkeit.
      Das „Crucible“-Beispiel fällt für mich klar in die letztgenannte Kategorie, ebenso wie etwa dein Beispiel aus den Simpsons. Einen ähnlich legendären Stellenwert genießt bei uns übrigens eine Passage in Futurama: Sie passieren einen Affen, der ein großes Fass wuchtet.
      O-Ton: I know that monkey! His name is Donkey!
      Deutscher Ton: Diesen Affen kenn ich doch. Sein Name ist Esel.

      Ich weiß, das ist so oder so nicht 1:1 zu übersetzen. Dennoch rettet es weder den Klang, noch den Gag der Szene und ist, kombiniert mit dem visuell einfach vorhandenen Affen und der Bezeichnung Esel, einfach schmerzhafter Bockmist.
      Aber Ivar Combrinck – der damals zuständig war (verstarb 2006) fand die Kritik an seinen Übersetzungen, Zitat aus der „Zeit“, „kleinkariert“.
      Bei uns im Freundeskreis ist, leicht paraphrasiert, „Ich kenne diesen Affen, sein Name ist Esel“ jedenfalls zu einer Art redensart geworden, um eine Synchro mit einem Satz abzuqualifizieren…

      Aber so Fälle gibt es irgendwie ja immer wieder, da braucht es auch nicht den „Wir übersetzen ‚Control-Alt-Delete‘ mit ‚Alternativkontrolllöschung“-Tross von Futurama.
      Noch so ein All-Time-Fav kommt für mich aus „Der dreizehnte Krieger“ (dt. aus dem Kopf zitiert):
      O-Ton: Met you your match? Met you your match with the eaters of the dead.
      Synchro: Spielst du ein Spiel? Spielst du ein Spiel mit denen, die die Toten essen?
      Da war ich ehrlich fassungslos… ^^

      Ich hatte auch mal Kontakt zu jemandem bei Feder&Schwert, weil ich in einer Rezi (wie ich meine mit Recht) moniert habe, dass die anspielende Überschrift „Rats in the Walls“ in einem Warhammer-Abenteuer nur unglücklich mit „Ratten in den Wänden“ übersetzt worden sei.
      Dann hab ich bei Band 2 geholfen, da die Anspielungen auszuscouten … und nie wieder was von denen gehört.
      Undank ist der Welten lohn, und so…

      Mit Buffy und Angel fange ich erst gar nicht an, glaube ich, sonst wird das Post hier noch länger ^^

      Viele Grüße,
      Thomas

  2. Auweiah…ich bin immer wieder dankbar, dass wir ne englischsprachige Theatergruppe sind! Ich glaub auf deutsch wär‘ mir das nicht über die Lippen gegangen, ist ja gruselig!!!;)

    • Schön ist übrigens, dass kurz darauf einer der „schönsten“ Sätze des Stückes fällt: „Wo ist mein Holz!“

      Wir hatten uns doch immer ein wenig über die von Nico eh großartig vorgetragene „Where is my wood“-Sache gewundert, oder? Ich finde, in der Übersetzung kriegt das einen ganz neuen Sinn!
      Miss Putnam sagt es brennt, und da schwant dem Reverend Übles und er fragt mal lieber nach, was eigentlich aus seinem Feuerholz geworden ist :D

      Viele Grüße,
      Thomas

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