Eine Verpackung für Eingeweihte

Hallo zusammen!

Heute nur ein Kurzer für den Abend:

EF 50mm f/1.8 II. Denn Canon weiß: Wer nicht weiß, was das ist, braucht es auch nicht.

Schon gut eine Woche jetzt steht auf meinem Schreibtisch ein kleiner, eigentlich recht unscheinbarer Karton auf meinem Schreibtisch. Neben der Hersteller-Bezeichnung steht darauf auch, was es ist. Da steht: „EF 50mm f/1.8 II“.
Mancher mag jetzt nicken, manch anderer völlig irritiert die Stirn in Falten legen. Die fragliche Verpackung jedenfalls ist nebenstehend in einem Meer aus Bokeh schwimmend abgebildet.

Für jene, die das bisher kryptisch finden: Es ist ein Kameraobjektiv für Canon-Spiegelreflexkameras. Es ist passend für Kameras mit einem EF-Bajonett, hat eine feste Brennweite von 50mm, die größtmögliche Blendenstufe liegt bei f1.8 und es handelt sich um ein Exemplar der Baureihe II, die von den meisten Leuten (mit Recht) als ihrem Vorgänger unterlegen angesehen wird.
Anschlussart, Brennweite, Blendenzahl und Baureihe. Nun gut.

Was mich an diesem Karton so absolut fasziniert ist der Mangel an Informationen. Es ist nicht wie bei einem Apple-Karton, der eine stilistisch noble Darstellung des Produktes, das Firmenlogo und sonst nur viel weiß bietet. Ich käme nicht auf die Idee, bei obigem Karton von schlichter Eleganz zu sprechen.
Minimalistisch, ja. Vor allem aber ist es ein Produkt, das im Grunde nur der verstehen kann, der Teil der Zielgruppe ist. Und es wurde gestaltet in dem festen Bewusstsein, dass man andere Käufer auch nicht braucht, behaupte ich.
An einer Stelle steht auf dem Karton in (geschätzt) 8pt. das Wort „Objektiv“, und das war es dann auch schon damit.

Ich finde das insofern faszinierend, weil man offenbar wissentlich darauf verzichtet, Gelegenheitskäufer „mitzunehmen“, sozusagen. Und damit steht das Design der Verpackung in einem krassen Gegensatz zu dem, wie viele, viele andere Produkte aufgemacht werden. Wo dann auch noch jedes noch so erdenkliche Feature erwähnt wird, ein ehemals schönes Design in Presse-Zitaten voll des Lobes ersäuft oder auf einer DVD auch mal drei oder vier Aufkleber prangen, immer abhängig davon, wie lange sie schon im Laden liegt und welcher Darsteller seither zu neuerlichem Ruhm durch aktuellere Filme gekommen ist.

Für Bücher gilt das ja stellenweise genauso. Wenn etwa „Von dem Autor von XY“ größer auf dem Einband steht als der Name des Autors selber. Oder wenn der Name „Wolfgang Hohlbein“ riesig aufgemacht ist, obwohl er nur der Herausgeber der Reihe ist und der Name des Autors – vielleicht – klein in der Ecke steht.

Ich weiß noch nicht genau, was ich aus diesen Überlegungen machen möchte.
Aber es fasziniert mich auf jeden Fall. Das wollte ich mit euch teilen.
Wenn ich zu einer Erkenntnis gelange, lest ihr es ja sowieso zuerst hier! Vielleicht liegt die Faszination auch einfach darin, dass man bei diesem Produkt tatsächlich weiß, wer die Zielgruppe ist? Wie ist eure Meinung dazu?

Viele Grüße,
Thomas

4 Gedanken zu “Eine Verpackung für Eingeweihte

  1. Solche Produkte (Verpackungen) lagen damals auch nicht auf dem Grabbeltisch oder in frei zugänglichen Regalen. Die lagen im Fachgeschäft in einer Vitrine hinter dem Verkäufer und nur der holte die raus.
    Von daher – ja, das war nur für Leute, die es ohnehin wollten. Werbung wurde woanders gemacht (Zeitung, TV etc). Die Verpackung an sich musste nicht werben.

    • Hallo Chris!
      Danke für den ergänzenden Kommentar. Der Verweis auf „damals“ tut dabei nicht mal Not – ich hab das Objektiv vor ungefähr einer Woche in einem Elektronikhandel meiner Wahl erworben – und dort, wie du richtig sagst, kombiniert mit einem Verkäufer, der es mir aus der Vitrine holt.
      Ich denke auch nicht, dass das früher mal zwingend anders war, gerade der Bereich „Fotografie“ hat sich ja schon immer einen gewissen Raum für eigene Sprache und Kommunikation bewahren können.

      Allerdings – und das ist interessant, denke ich – wird halt an vielen Stellen anders gearbeitet und das Produkt selbst zu einem Werbebanner für sich selbst gemacht. Insofern finde ich deinen Einwurf besonders gut – du hast Recht, Werbung wird woanders gemacht. Oder sollte woanders gemacht werden.
      Viele heutige Verpackungs-Konzepte scheinen das aber anders zu sehen.
      Und ich persönlich muss sagen, ich finde die Canon- (oder teilweise auch Apple-) Lösung dahingehend durchaus attraktiv.
      Weniger ist manchmal mehr, sozusagen.

      Viele Grüße,
      Thomas

  2. Der Trend, die Verpackung als Marketinginstrument zu nutzen, wird weiter zunehmen. Was aber nicht bedeutet, dass sie immer zwangsweise vollgetextet sein muss. Denke, wir werden im Verlauf der nächsten Jahre auch immer mehr Leute sehen, die ihr Handy auf ein Produkt halten und sich so Informationen abholen, die auf der Verpackung selbst höchstens über einen Barcode oder Ähnlichem zu sehen sind.
    Alleine die gesetzlichen Verordnungen sorgen dafür, dass der Text immer mehr wird (bei Foto-Objektiven allerdings nicht ;)

    • Das ist ein sehr interessanter Gedanke, finde ich. Jedes Buch hat eine ISBN, zumindest jedes Buch im Handel. Die Idee, das im Laden zu „piepsen“ und dann auf dem Handy Rezensionen, Berichte etc. aufsuchen zu können, das ist natürlich schon irgendwie sexy.
      Ich persönlich stehe zwar noch immer sehr auf kleine, urige Läden und selbstständiges Schmökern, aber die Attraktivität der Idee kann ich nicht verleugnen.

      Ein Werbe-Negativ-Beispiel war für mich aber noch Ende letzten Jahres mein neues Handy. Der Karton selber (Nokia 6700 Classic) war schon nicht so richtig schön. Dazu kam dann aber noch eine Papp-Banderole der Firma, eine zweite Papp-Banderole die mir erklärte, mit diesem Handy zugleich ein Musik-Album als digitalen Download zu erwerben (was unter OS X wie erwartet nicht geklappt hat) und last but not least ein farblich unpassender Aufkleber, der mir erklärte, dass ein vollständiger Film auf dem Handy vorhanden sei (was er nicht wahr).
      Von nicht eingelösten Versprechen abgesehen – das war halt einfach totales Kraut und Rüben ohne Sinn und Verstand.

      Ich verstehe einfach nicht, wie man so etwas gestalten kann ohne ein schlechtes Gewissen zu haben…

      Viele Grüße,
      Thomas

      PS: Mit dem Handy aber bin ich vollauf zufrieden – das der Vollständigkeit halber ^^

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