Vom Hass einiger Verlage auf die Phantastik

Hallo zusammen!

Selten kommt es vor, dass ich online was sehe, lese und dann direkt zum Blog eile, um zu reagieren. Aber in diesem Falle ist das wohl einfach nötig. Auf Buchreport kann man derzeit einen Artikel zur „Neuinszenierung“ der deutschen Ausgabe der Romane von Terry Pratchett lesen. Und was man da liest, erfüllt mich mit schierem Entsetzen.
Vorweg – drei Dinge werden sich ändern, von denen eine die Übersetzung ist. Anders als scheinbar 95 Prozent der Menschen im Internet empfand ich die alten Pratchett-Übersetzungen von Andreas Brandhorst immer als von einem Metzger des britischen Humors und der englischen Sprache ins Deutsche übertragen. Das heißt nicht, dass die neue Übersetzung nicht potentiell größerer Mist ist, aber da ich diese auch nicht kenne, scheint es mir sinnvoll, diesen Teil hier auszusparen. Dies vorweg.

Pratchett wird in Deutschland neu inszeniert. Das geschieht, weil – und hier zitiere ich Vera Thielenhaus wörtlich, so, wie sie auch in obigem Artikel zitiert wird:

Nichts gegen Fantasy, aber Pratchett wird unter Wert verkauft.

Unter Wert, das heißt für sie: Im Phantastik-Genre untergebracht. Denn, so lernt der aufmerksame Leser direkt, dort wäre er falsch untergebracht, denn – Zitat 2:

Er ist viel mehr als ein Genreautor, weil er so wunderbar bissig-witzig und intelligent erzählen kann. Seine Romane spielen zwar in einer magischen Welt, doch die entpuppt sich schnell als Spiegelbild unserer Gesellschaft.

Im Grunde muss man dazu fast schon nichts sagen. Aber man sollte. Das Fantasy-Genre ist eine Spielart des Science Fiction-Genres (oder ist das ursprünglich gewesen, sage ich mal). SciFi, das ist eine Gattung, die schon immer der Gegenwart auch den Spiegel vorgehalten hat. Bei den bekannten Verfassern von Dystopien (Orwell, Bradbury etc.) ist das offenkundig, aber auch bei den unbekannteren Bücher wie bei dem brillanten „Wir“ von Samjatin war das schon so – Anfang des 20. Jahrhunderts. Und geht man weiter zurück, Wells, Verne, Morus – schon immer war die phantastische Literatur auf ihre Art und Weise „Spiegelbild unserer Gesellschaft“. Und weil Pratchett das sozusagen noch ebenso macht, muss er das Feld jetzt räumen und Kurs auf die allgemeine Belletristik nehmen.
Pratchett ist nun seit fast zwanzig Jahren bei Goldmann (und angehängten Verlagen) untergekommen – und hat alleine dort für 4,6 Millionen verkaufte Exemplare gesorgt. Ich sage es gerne immer wieder: Für Bücher ist das viel, und vor allem macht er dies seit einer sehr langen Zeit mit einer sehr konstanten Kraft. Und Goldmann bzw. Manhattan gehören ebenso zu Random House wie etwa auch Blanvalet – und auch wenn es echt viele, mediokre Bücher im Phantastik-Bereich gibt: Die gibt es auch anderswo. Dafür haben die Verlage zusammen einige der größten Namen des ganzen Genres im Programm, Star Wars, Drachenlanze oder eben das ganze „Lied von Eis und Feuer“ etwa.
Hallo?! Leute?! Ihr habt da erstklassige Autoren und ein paar der Spitzenkräfte des Feldes; aber irgendwie macht es keinen Spaß das bei euch zu kaufen, wenn man gleichzeitig suggeriert kriegt, dass ihr die auch lieber wo anders wüsstet.

Nun aber will man das Revolutionieren. Aber nicht nur, dass der Autor umgesiedelt wird, er wird ja „neu inszeniert“. Das bedeutet drei Dinge: Neben der in Unkenntnis unkommentierten Neuübersetzung sind dort zwei Punkte genannt: Format und Umschlaggestaltung.
Da wäre zunächst der Wechsel von Hardcover auf Softcover. Allerlei unnötiger Unfug wie heraustrennbare Lesezeichen sorgen dafür, dass Thielenhaus es „das Format der Zukunft“ nennt, doch der dicke Haken kommt zum Schluss: Offenbar hat der Formatwechsel nichts an den Preisen getan. Und ganz ehrlich – wenn mir jemand erklären kann, wie ein 18€-Softcover-Roman verkaufsfördernd wirken wird, er möge mich bitte anschreiben.
Zugegeben, die kommende Neuauflage von „Voll im Bilde“ wird „nur“ 14,99€ kosten. Was aber einerseits für 352 Seiten immer noch viel Zaster ist und andererseits immens wirkt, wenn man bedenkt, dass ich das Buch zusammen mit „Alles Sense“ in der alten Übersetzung in einem Band neu im Laden für 8,00€ kriege!

Zuletzt bleiben die Cover. Die sollen ab jetzt „aus einem Guss“ wirken und werden zu diesem Zwecke von Tom Steyer neu umgesetzt. Steyer kommt aus der Werbe-Industrie und baut, da will ich es mal ganz offen sagen: Computer-Müll. Man schaue auf die besagte Neuauflage von „Voll im Bilde“ oder das deutsche Cover von „Der Club der unsichtbaren Gelehrten“ und widerspreche mir.
Vor allem aber großartig ist das Argument, dass die Cover so aus einem Guss wirken würden. Schon richtig. Der Verlag schafft es damit hervorragend, die Bücher genauso langweilig und uninspiriert wirken zu lassen wie so viele andere Titel in ihrem Portfolio auch. Aber irgendwie erscheint es unsinnig, da Pratchett eh seit vielen Jahren immer auf die gleichen Cover-Zeichner gesetzt hat, von denen gerade der aktuelle (Paul Kirby) wundervolle Illustrationen angefertigt hat.
Last but not least – ja, in England sind die alten Pratchetts auch in einer „generischeren“ Aufmachung erschienen. Aber zum einen zusätzlich, nicht anstelle der alten Ausgabe und – vor allem – zum anderen offenbar von jemandem gestaltet, der weiß, was er tut. Das englische „Voll im Bilde“ sieht da übrigens so aus – Moving Pictures.

Nein, ich habe kein Verständnis für diesen Schritt, von der Motivation dahinter mal ganz zu schweigen. Manfred Rüsel, einer der besten Dozenten, die ich je hatte, sagte mal in einem Seminar über Utopien und Dystopien zu uns, wir sollten im Sinne der deutschen Belletristik auch „Schund mal eine Chance geben.“
Es war das erste, aber nicht das letzte Mal, dass man mich mal mehr, mal weniger vor dem Hass warnte, den das deutsche Verlags- und Literaturwesen offenbar zu empfinden scheint, wenn es um Geschichten aus dem Bereich der Phantastik geht.

Vor allem aber möchte ich mit einer ganz klaren Aussage schließen:
Ich werde ab und zu gefragt, warum ich glaube, dass große Verlage teilweise wesentlich größere Probleme mit der Akquise von Neukunden haben als ambitionierte Kleinverlage und Einzelgänger.
Genau wegen so etwas.

Viele Grüße,
Thomas

13 Gedanken zu “Vom Hass einiger Verlage auf die Phantastik

  1. Pingback: Schreibblockade.com | Pratchett muss aus der Fantasy-Nische!

  2. *nickt* Sehe ich genauso.
    Schon traurig, dass das Fantasy-Genre wohl mittlerweile als „nicht wertvoll“ angesehen wird. Wieviele Menschen sich wohl im Laufe ihres Lebens von Fantasy-Büchern inspiriert fühlten? Und das ist dann nicht wertvoll?

    Na dann: Gute Nacht, Verlagswelt

    • Ich hatte halt auch die Hoffnung, dass es sich irgendwann mal bessern würde. Vor allem, das gute Vorbilder aus dem Ausland vielleicht mit der Zeit auch herüber schwappen würden … aber die Buchgestaltung der großen Verlage im Genre-Bereich ist ja nach wie vor großteilig katastrophal zu nennen…

      Viele Grüße,
      Thomas

  3. Das ist aber nicht „mittlerweile“, Julia. Der Kampf ist älter als der Name des Genres. Drunter kommst du nur noch mit Horror und Western.
    Schon Tolkien musste als „Ausnahme-Literat“ wegerklärt werden, wobei der sprachwissenschaftliche Professorentitel natürlich half. Danach ist es kaum besser geworden. Literatur ist anders. ;)

    • Wobei ich halt schon finde, dass es uns in Deutschland noch mal ärger zu treffen scheint. Englische Verlage wissen wenigstens manchmal was mit ihren Titeln anzufangen und beispielsweise in den englischen Literaturwissenschaften kannst du wenigstens mal eine Dystopie oder Utopie ansprechen, ohne direkt schief von der Seite angesehen zu werden.
      Das, was in Deutschland oft als „Germanistische und Allgemeine Literaturtheorie“ umhergeistert, ist ja noch mal eine ganze Nummer verstockter…

      Und egal ob früher oder heute, es fasziniert mich immer wieder, dass manche Verlage offenbar Autoren „einkaufen“, ohne selber so richtig eine Idee zu haben, *was* sie sich da ins Boot holen und, vor allem, wie sie ihn dann an den Mann bringen wollen…

      Und das ist schon traurig…

      Viele Grüße,
      Thomas

  4. Naja das liegt vermutlich daran, dass die nicht nur Werbeleute haben, um ihre Cover zu designen (furchtbare Dinger, da kann ich auch gleich Bussi-Bär Heftchen kaufen^^), sondern auch BWLer, um ihre Autoren einzukaufen. Die stellen dann fest: Verkauft sich gut, einkaufen! Und erst der Marketing Abteilung fällt dann irgendwann auf: Ihhhh das ist ja so Gedöns mit Trollen und Zwergen und so…das muss man anders machen!
    Im Land der Dichter und Denker ist eben vor allem Betroffenheitsliteratur in, schau dir an wer und was Literaturpreise gewinnt, dann wirst du das feststellen – und da passt Pratchett nunmal leider wirklich nicht!;)

  5. Pingback: Terry Pratchett soll aus der Fantasy-Nische « Katastrophengebiet

  6. Ja…das ist mal. Nee keine Ahnung was das soll. Habe mir zuerst den Artikel auf Buchreport durchgelesen und als ich dann mal Tom steyer gegoogelt habe hatte ich zuerst gedacht ich wäre auf der falschen seite gelandet. Denn das sieht wirklich nach Computermüll aus. Und ja, in England erscheinen die Bücher zusätzlich in einer, wie es da heisst, Ausgabe für Erwachsene.
    Tja, anscheinend sieht man das hierzulande anders. Es hat lange gedaurt bis sich das phantastische Genre einen respekablen Ruf erworben hat.
    Nein, sowas muss doch echt nicht sein.

    • Dieses Konzept von „adult editions“ ist in England ja insgesamt beliebter; Harry Potter etwa hat das ja irgendwann angefangen. Und wenn das dann so schön wird wie da (such dir mal das entsprechende Cover von „Mort“ raus, das ist ein Traum :)), dann will ich auch gar nicht meckern.
      Sind halt „seriösere“ Ausgaben.

      Und nee, ich meine, nicht mal das gelingt der deutschen Ausgabe. Sie wirkt weder erwachsen noch seriös, nicht schön und eigentlich nicht mal wirklich einheitlich, finde ich.
      Traurig, aber wahr…

      Viele Grüße,
      Thomas

  7. Ich bin erst kürzlich zu Pratchett gestoßen kann hier aber nur zustimmen. Neue Übersetzungen sind nach meiner Erfahrung selten besser und die gezeigten neuen Cover sind nur ‚tot‘.

    • „Tot“ finde ich wirklich eine gute Beschreibung – gefällt mir, trifft die Sache nämlich sehr, sehr gut, denke ich. Danke dir dafür!
      Was die Übersetzung betrifft, so schrieb ich ja schon im Artikel dass ich, anders als scheinbar viele andere, nicht so sehr der Fan der bisherigen Übersetzungen bin; aber wie ich auch schon schrieb – das macht die neuen Übersetzungen auch noch nicht automatisch besser.
      Werde mir beizeiten mal versuchen, im Buchladen ein neues und ein altes „Voll im Bilde“ nebeneinander zu halten und schauen, welcher Eindruck entsteht. Aber mal sehen, wann sich dazu die Gelegenheit ergibt…

      Viele Grüße,
      Thomas

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