Das Etewaf-Dilemma

In der Januar-Ausgabe der Wired (Ausgabe 19.01) ist ein sehr lesenswerter Artikel zufinden, der das Ende des Nerd-Tums in seiner jetzigen Form prophezeit. Nein, im Grunde nicht mal vorhersagt, sondern vielmehr bereits jetzt attestiert. Der Artikel ist auch online auf der Webseite der Wired lesbar.
Kernthese geht auf etwas zurück, was dort „Etewaf“ genannt wird – ein Akronym, stehend für „Everything that ever was – available forever“, also „Alles was jemals war – für immer verfügbar“. Ein interessantes Konzept, über das einmal nachzudenken lohnend ist. Zumal es zu einem Problem führt, dass vermutlich niemand kommen gesehen hat.

Das Internet hat Wissen ubiquitär gemacht, also allgegenwärtig. Theoretisch gesehen zumindest ist alles wissen dieser Welt mittlerweile nur noch eine einzige Eingabe bei Google entfernt. Und in Zeiten von Smartphones und schnellen Handy-Datentransfers ist auch diese Google-Eingabe gewissermaßen 24/7 (nahezu) überall möglich.
Aber warum ist das ein Problem? Für Nerds, aber eigentlich in meinen Augen für jeden, der gerne mit Medien umgeht?

Um das näher zu umreißen, muss ich kurz einen Schritt zurück machen: Ich war als Jugendlicher ein sehr großer Nerd. Ich meine, ich bin es immer noch, aber durchaus anders, denke ich.
Ich war in den 90ern ein wirklich großer Akte-X-Fan. Wirklich groß. Ein Mitschüler von mit und ich, wir spielten so zu Zeiten der fünften Staffel auch gerne Episoden-Raten. So würde einer vielleicht sagen „Der Zug“ und der andere würde auswendig wissen, dass die Folge im Original „731“ hieß und die zehnte Episode der dritten Staffel war. Das meine ich, wenn ich „großer Nerd“ sage.
Es gibt noch heute in meinem Elternhaus einen Ordner mit meinen Notizen, denn ich war wild entschlossen, die großen Geheimnisse der Rahmenhandung der Serie zu knacken … was sich, in Retrospektive, natürlich massiv als vergebene Liebesmüh erwiesen hat. Sagen wir, das habe ich echt nicht kommen sehen, Herr Carter.
Aber nahezu ohne jedwede Informationsquelle von außen, wenn man vielleicht mal von viel zu spät erscheinenden „Staffelführern“ im Taschenbuchformat absah, lockte die Serie geradezu dazu, diesen Fanatismus zu entwickeln. Heute dagegen kann ich es einfach googeln. Habe ich auch gemacht, denn dieses Insider-Wissen ist schon lange wieder aus meinem Gehirn gewichen.
Das geht konform mit dem „Otaku“-Gedanken des Wired-Artikels, also der Idee, dass damals halt jeder Nerd dazu tendierte, in irgendeinem Gebiet dann der Insider im Freundeskreis zu sein.

Ist das, worauf ich hinaus will, jetzt also verletzter Stolz? Eine Art Qualitäts- und Alleinstellungsmerkmal eingebüßt zu haben, weil das Internet den gleichen Nutzen bieten kann, nur für die breite Masse zugänglich?
Aber nein, das ist es nicht. Meine Kritik geht sogar mehr in die andere Richtung: Nicht, dass ich kein „Otaku“ mehr sein kann, sondern eher, dass es auch für mich keine anderen „Otakus“ mehr gibt.

Seit jungen Jahren bin ich Videospieler (jepp, und lese dennoch viel und schreibe, Studium der Literaturwissenschaften und so was). Seit der Erstausgabe der „Video Games“ las ich dann dazu auch entsprechende Videospiel-Magazine. Wer dahingehend nostalgisch veranlagt ist, findet die Erstausgabe neben zahlreichen anderen Heften übrigens auch im Netz – extrem spannend, so von 2011 aus betrachtet!
Die Video Games war damals eindeutig ein Tor in Themenfelder, an die ich sonst nie die Nase bekommen hätte. Nischen-Konsolen wie das NeoGeo etwa, bei dem jedes einzelne Spiel mehr kostete als das Hauptgerät des zeitgleich verfügbare Super Nintendo, weil in den Hüllen mehr oder weniger einfach die Platinen der Spielhallen-Automaten steckten. Und oft saß ich vor dem Heft und hatte im Grunde gar keine Idee, was genau ich da vor mir hatte.
Heute ist das alles viel einfacher geworden. Alle meine Infos kriege ich heute komprimiert und in bewegter Form leichter geboten – und kostenlos. Bei Gametrailers.com etwa. Und wenn ich etwas sehe, was ich haben möchte, muss ich mich nicht mehr telefonisch bei hoch dubiosen Versandhändlern anrufen und unter Umständen Wochen warten, bis mich ein Spiel erreicht. Ich könnte es jetzt bestellen und, wenn ich wollte, morgen früh gegen sieben Uhr in den Händen halten.

Das wiederum klingt jetzt vermutlich verdächtig nach „früher war alles besser“, aber während diese Interpretation meiner Zeilen sicher auch nicht ganz falsch ist, ist es doch auch zugleich nicht genau der Punkt, auf den ich hinaus will.
Der Wired-Artikel fürchtet um die Nerd-Subkultur und sorgt sich, dass die Jugendlichen von morgen kein Insider-Wissen mehr kultivieren können, weil es bei ubiquitärem Wissen per Definition schon keine Insider mehr geben kann.
Meine Bekannte Néo konterte, als ich ihr von dem Artikel erzählte, das noch immer ein Unterschied zwischen abrufbarem Wissen auf der einen, und dauerhaft präsentem Wissen auf der anderen Seite bestünde. Auch das ist zweifelsohne richtig, wenn auch anno Smartphone halt zumindest diskutabel. Wer es mal erlebt habt, weiß, dass es ungeheuer nervig sein kann, mitzukriegen, dass jemand etwa auf einer Party gemachte Aussagen via Smartphone verifiziert – aber das ist noch mal ein anderes Thema, dass ich zumindest für heute auf einen Link zu einer TED-Talk beschränken will.

Um dahin zu kommen, wohin ich will, möchte ich mir ein Schlagwort borgen, das gerade im deutschen Rollenspiel-Bereich gerne geschwungen wird – die Rede ist von „sense of wonder“.

SENSE OF WONDER n. a feeling of awakening or awe triggered by an expansion of one’s awareness of what is possible or by confrontation with the vastness of space and time

Es geht also auch sozusagen im eine Form von Kreativität.

Ich muss im Grunde nicht mehr selber über eine Serie nachdenken, alle Infos liegen ja bereits im Netz bereit. Im Grunde gibt es keine unbekannten Produkte, keine geheimen Schnittfassungen von Filmen mehr, zu denen man online nicht zumindest etwas finden kann. Etewaf halt.
Man sollte ja meinen, so etwas wäre eine gute Sache. Ich widerspreche da aber.

Das Internet stellt für diese kleinen Mysterien des Alltags einen Sargnagel dar. So wie Mitte des letzten Jahrhunderts klar wurde, dass es zunehmend weniger „verlorene Orte“ auf der Welt noch zu entdecken geben würde, so sind auch die El Dorados und Shangri-Las der Popkultur letztlich entmachtet worden.

Ich bin mir der bodenlosen Ironie bewusst, dass ich diesen Text im Internet veröffentliche. Unter Hyperlinkverweis auf die Wired. Gerade die Wired.
Internet macht mein Leben, wie es ist, gerade erst möglich – ich blogge, ich veröffentliche mit BoD, habe schon manche Webseite mitgestaltet und bin bei Facebook aktiv. All das ist durchaus cool!
Ich finde auch gerade längere Texte zu Themen, recherchierte Dossiers oder auch subjektive Blog-Thesen, ungeheuer spannend. Das Internet ist zweifelsohne ein sehr wertvoller Wissenspool und eine brillante Publikationsbasis. Die Allgemeinzugänglichkeit des Internets hat den vielleicht größten Paradigmenwechsel im Informationswesen der Menschheit ausgelöst.
Und natürlich ist all das, worüber ich hier schreibe, ein reines Wohlstandsproblem.

Was also, zum Geier, will ich eigentlich erreichen?
Problembewusstsein!

Nichts unterhalb eines Atomkrieges wird das Internet noch einmal aus unserer Kultur bringen. Aber ich finde, man sollte sich bewusst machen, was das für Konsequenzen hat. Dass der Gewinn von Wissen wenigstens zum Teil auch mit „sense of wonder“ bezahlt wird, was letztenendes eine endliche Ressource zu sein scheint.
Und dass man, wenn man in seinem Alltag auf etwas stößt, was einen mit einer derartigen Faszination erfüllt, einfach wissen sollte, dass man etwas ungeheuer wertvolles gefunden hat.
Und es dann vielleicht einfach mal nicht direkt in der Wikipedia nachschlagen.

Viele Grüße,
Thomas

2 Gedanken zu “Das Etewaf-Dilemma

  1. Ich sage ja schon seit geraumer Zeit, dass das Internet die wichtigste Entwicklung seit dem Buchdruck ist, da es die Weitergabe und den Umgang von Wissen verändert hat. Was schlußendlich zu einem kulturellen Umbruch führen MUSS. Wir befinden uns in einer sehr spannenden Zeit, in der die Möglichkeiten der globalen Kommunikation für Wirtschaft, Kultur und auch Regierungsformen wie die Demokratie gerade erst erfasst, aber oftmals auch bekämpft werden.
    Die Allgegenwärtigkeit von Information und Wissen macht ja hoffentlich nicht nur bald Sendungen wie „Wer wird Millionär?“ überflüssig, sondern auch unser bisheriges Schulsystem. Wieso sollte ich irgendwo und irgendwann wissen, wer 1984 deutscher Meister in einer Sportart war oder wie wieviele Wochen der Song X von Band Y im Jahre 2005 sich in den Top 10 hielt? Dieses Wissen liegt EXTERN auf Abruf bereit… FALLS ich weiß, wie und wo ich zu suchen habe. Und das ist die neue Kompetenz, die wir lehren und lernen sollten. Nicht Wissen zu sammeln, sondern sich anzueignen, zu sortieren und zu verwalten. Denn das Internet nutzt mir nichts, wenn ich nicht weiß, nach welchen Begriffen ich wo zu suchen habe. Ebensowenig, wie mir eine Bibliothek nutzte, wenn ich den Zettelkasten nicht bedienen konnte. Und selbst wenn ich passende Quellen finde, heißt das noch lange nicht, dass ich anhand der gestellten Aufgabe ordnen und aufbereiten kann.
    Und das ist das größte Drama der Umstellung auf Bachelor/Master. Die Fähigkeit der Geisteswissenschaftler bestand nur darin, in geordneten Bahnen denken und analysieren zu können. Das wurde weitestgehend durch Auswendiglernen für die nächste Klausur ersetzt, die nur eine von vielen ist. Pauken statt Denken ist exakt der falsche Weg, die „Elite“ von morgen heranzuzüchten.

    • Ich denke man muss hier auf verschiedene Aspekte eingehen.
      Was den kulturellen Paradigmenwechsel an sich betrifft, ich denke da sind wir uns einig. Wobei ich insgesamt da die digitale Massenkommunikation zusammenschnüren würde; ich denke Handys haben die Art, wie wir leben, ebenfalls signifikant verändert. Ich bin ja nun ein wesentlich aktiverer Handy-Benutzer als du, denke ich, aber ganz generell ist der Einschnitt nicht zu übersehen. Oft sind es ja nur kleine Sachen, aber die Gesamtwirkung ist groß.

      Ich stimme dir auch zu, das Medienkompetenz im Endeffekt *das* Ding ist, worauf es alles hinauslaufen muss. Die Möglichkeit, Informationsquellen sinnvoll zu nutzen, zu finden und zu filtern ist jetzt schon essenziell und wird es nur mit jedem Tag mehr werden.
      „The Daily“, Murdochs neue rein für iPads konzipierte Tageszeitung, soll täglich 100 Seiten Umfang haben. Alleine das zu werten und zu filtern – und dann hat man ja im Grunde dennoch nur einen Kontakt mit der Außenwelt gehabt für den jeweiligen Tag – ist eine immense Aufgabe. Vor allem, weil Medienkompetenz, soweit ich das weiß, auch bis heute nicht in der Schule vermittelt wird oder werden kann (weil dafür qualifiziertes Lehrpersonal halt auch fehlt).

      Ich gebe allerdings zu, dass bei mir ein gewisser Pessimismus ebenfalls mitschwingt. Ich persönlich denke durchaus, das personale Kompetenz und nicht-extern abgelegtes Wissen durchaus sinnvoll sind, vor allem und gerade in komplexeren Zusammenhängen.
      Um mal was aus meinem aktuellen Alltag zu nehmen – wenn du dich mit Brecht auseinandersetzt, dann steht der natürlich in einem bestimmten Kontext. Dieser Kontext ist einerseits literaturhistorisch, denn Brecht stellt ja gerade sein episches Theater konfrontativ gegen Aristoteles‘ Poetik, und andererseits natürlich historisch, denn Brecht war jemand, der dem Kommunismus nahestand in der Zeit des dritten Reiches.
      Natürlich kann ich sowas alles auch nachlesen. Und ein guter digitaler Artikel wird das wohl auch mit Hypertext bewerkstelligen oder unterstützen. Die Sache ist halt nur, dass diese Netze von Zusammenhängen unglaublich komplex sind und mit jedem Bisschen Wissen, was ich sozusagen nicht präsent habe, sondern erst abrufen muss, wird es in meinen Augen schwieriger, das „Gesamtbild“ wahrzunehmen.
      Ich bin niemand, der an All-Erklärungs-Theorien glaubt, no way. Aber ich denke, vermutlich analog zur Medienkompetenz geht halt auch die Fähigkeit der Kontextualisierung einher – und die wiederum funktioniert meiner Meinung einfach besser, wenn es letztlich auf eine eigene, selbst „geschaffene“ Wissensbasis fällt.
      Ich fand es in meinem erste Philosophie-Semester schrecklich, dass wir mehr oder weniger einen Schlagwortsatz mindestens je wichtigem Philosophen der Weltgeschichte lernen mussten, fand das zu oberflächlich. Aber es führt halt umgekehrt dazu, dass du, wenn du später irgendwo halt Carnap oder Wittgenstein liest, zumindest schon mal eine grobe Idee hat, in welche Richtung der ganze Kram gehst, ohne direkt noch mal zwei weiteren Links folgen zu müssen.

      Wo wir dann wieder d’accord sind, ist die generelle Beurteilung des Bachelor-/Master-Systems. Ich habe da – lustiger Weise sogar vor fast exakt einem Jahr – auch mal hier an dieser Stelle etwas dazu geschrieben, wie du auch hier nachlesen kannst, was ziemlich genau in die gleiche Richtung geht.
      Es gibt Ausnahmen, gerade das Aachener GermLit-Institut gibt sich große Mühe, da zunehmend Verbesserungen vorzunehmen. Wirklich spürbar. Allerdings ist das System in sich einfach schon fehlkonstruiert, was oft weiter reicht, als es ein Institut alleine verändern kann. Und ich muss ganz ehrlich sagen – vielleicht ist das für die, die jetzt anfangen, schon besser – aber wenn ich die Literatur-Semester damals nicht schon mal im Magister besucht hätte, ich hätte nicht zwingend das Gefühl, eine gute Ausbildung erhalten zu haben.
      Aber das passt irgendwie auch wieder zudem, was ich vorher sagte. Von Ausnahmen abgesehen, fehlt auch hier oft der vermittelte Kontext. Ich denke mancher BAler kann zwar wie aus der Pistole geschossen die richtigen Fragen beantworten, aber er kann das, was er da sagt, schlicht nicht in den richtigen Kontext setzen.
      Und das ist fatal und wird nur fataler.

      Viele Grüße,
      Thomas

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