Fünf Tipps für frische Autoren

Hallo zusammen!

Die folgenden fünf Ratschläge hatte ich vor einer Weile mal formuliert als kleine Helferlein für meine Mitstreiter bei Geschichten aus Condra: Die blaue Gans. Da ich gerade noch mal über die Mail stolperte und mir dachte, eigentlich sind die auch für andere Leute nützlich, hab ich sie mal leicht überarbeitet (man könnte sagen: ent-personalisiert) und stelle sie hier mal zur Verfügung

1. Es ist leichter, eine volle Seite zu korrigieren als eine leere Seite zu füllen

Selbsterklärend und nicht von mir (ich hab’s von Wil Wheaton, keine Ahnung ob der es geklaut hat) – aber vor allem wahr.

2. Organisation ist die halbe Arbeit

Es gibt gute und erfolgreiche Autoren, die einfach schreiben und schauen, wohin sie die Geschichte führen wird. Stephen King arbeitet ausnahmslos so.
Meines ist es nicht und wenn ihr es versucht und das Schreiben sich dabei falsch anfühlt, eures dann vermutlich auch nicht.
Ich gehe mittlerweile so vor, dass ich eine Geschichte in Sinneinheiten zerlege und mir eine Art Verlaufs- bzw. Baumdiagramm baue. Manchmal ist das ziemlich linear – im Falle vom Biest von Widdau für besagtes, kommendes Buch etwa – und manchmal recht verworren, etwa bei „Das Dorfgeheimnis“ aus Verfluchte Eifel, das ja einige von euch vielleicht auch gelesen haben. Aber es hilft einem, immer die Perspektive zu behalten, wo man gerade in der Geschichte ist und wohin man noch mal genau wollte.
Falls ihr generelle Tipps möchtet, wie man Geschichten auch inhaltlich gemeinhin so strukturiert (3-Akt-Modell, 5-Akt-Modell, Blake Snyders „Beat-Sheet“ und so), der kann mal Bescheid geben, dann blogge ich da auch noch was zu.
Aber ich sage direkt vorweg – wirklich mehr als der „gesunde Menschenverstand“ leisten die Modelle eh nicht. Dass das bis heute gängigste Modell rund 2300 Jahre auf dem Buckel hat, spricht auch dafür, denke ich.

3. Meilensteine

20 Seiten sind voll viel, oder? Scheinen gar kein Ende zu nehmen…
Der einfachste Trick, sich da selber im Guten zu überlisten liegt darin, dass man sich selber kleinere Ziele steckt. Da trifft es sich natürlich besonders gut, wenn man eh schon unter 2. angefangen hat, alles zu gliedern…
Angenommen, man schreibt den Roman zu unserem Barbarenfilm Xoro: the Eifelarean. Ein erstes, messbares Ziel wäre die Handlungseinheit mit dem Rächer am Anfang. Erstes Ziel für den ersten Abend wäre also diese „Szene“. Zack. Erste Seite voll. Dementsprechend wäre dann die zweite Etappe die Handlungseinheit „Hans‘ Lager“ usw. usf.
Es klingt trivial und man neigt dazu sich zu sagen, dass man das ja implizit eh tut. Aber glaubt mir, es hilft. Sonst hätte ich bei Schleier aus Schnee schon lange kapituliert; das Buch hat nach derzeitiger Zählung 40 solcher Meilensteine.

4. Die große Macht von Platzhaltern

Jeder der schreibt, kennt das: Man ist gerade endlich in Fahrt, die Handlung läuft, irgendwie passt alles zusammen, und dann … dann … springt einen heimtückisch irgendein mieses Detail an.
Vielleicht ist es eine Zauberformel, die man ausgeschrieben haben will aber für die spontan das eigene Hecken- und Küchenlatein versagt.
Vielleicht ist es der Name einer Figur oder eines Ortes.
Vielleicht ist es eine griffige, gewitzte Erwiderung.
Vielleicht ist es aber auch ein Handlungselement; etwa die Frage, wie der Protagonist es jetzt schafft, die Fesseln abzustreifen.
Es gibt Autoren, für die funktioniert das Schreiben Satz für Satz. Die hören dann auf, denken nach, gehen zum Buchregal um etwas nachzuschlagen oder weiß der Geier. Ich kann das nicht sonderlich gut und die, die mich gefragt haben, weil es hakt, möglicherweise wohl auch nicht. Ist aber auch nicht schlimm.

Meine Geheimwaffe sind Platzhalter.
Der Schurke sagt: Du kämpfst wie ein dummer Bauer.
Der Protagonist antwortet: [[[gewitzte Erwiderung]]]
Wenn einem später dann einfällt, dass er ja „Wie passend, du kämpfst wie eine Kuh“ antworten kann, kann man das immer noch ergänzen. Und die drei eckigen Klammern tauchen in allgemeinem, geschriebenem Deutsch so selten auf, dass sie spätestens beim Querlesen auffallen und zudem noch bequem per Volltextsuche auffindbar sind, wenn die Zeit reif ist.

5. Gebt dem Text Zeit, euch ans Herz zu wachsen

Kennt ihr dieses Gefühl, dass euch beim Schreiben beschleicht und euch konstant einflüstert: „Das ist nicht gut genug! Das ist keine Literatur!“
Ja? Gut, ich auch.
Legt diesem Gefühl kameradschaftlich den Arm um die Schultern, spaziert mit ihm innig den Flur herunter … und dann reißt die Tür zur Besenkammer auf, stoßt die blöde Sau hinein und schließt gut ab.
Dann schreibt zu eurem Meilenstein. Und dann schreibt noch einen Meilenstein. Vielleicht noch einen. Und dann schaut mal langsam noch mal in die Kammer, ob das Gefühl nicht vielleicht in der Zwischenzeit verdampft ist.
Worauf ich hinaus will?
Gebt eurem Text Zeit, ein bisschen zu reifen. Wenn man etwas geschrieben hat, dann wirkt das oft erstmals einfach wie komisches Geschreibsel in Word. Irgendwie … fehlt einfach das Besondere, das ein Text haben sollte?
Das ist ein Trugschluss, den man getrost ignorieren sollte. Auch „echte Autoren“ schreiben in Textverarbeitungen und ein nicht gesetzter, nicht gedruckter Text sieht immer aus wie irgendein Geschreibsel in Word. Eine Word-Datei von Neil Gaiman sieht auch nicht anders aus als die von einem anderen Autor. Und sie sieht niemals so aus, als gehöre das in ein Buch.
Ich rate nicht, die eigene Befähigung zur Selbstkritik abzuschalten, aber ich rate sehr wohl dazu, diese besondere Ausprägung des inneren Schweinehundes zu ignorieren und Text, bevor ihr ihn verwerft, wenigstens 48 Stunden ziehen zu lassen. Oftmals ist man selber positiv überrascht, wenn man darauf zurückblickt.
Wenn auch nicht immer.

Viele Grüße,
Thomas

4 Gedanken zu “Fünf Tipps für frische Autoren

  1. Falls ihr generelle Tipps möchtet, wie man Geschichten auch inhaltlich gemeinhin so strukturiert (3-Akt-Modell, 5-Akt-Modell, Blake Snyders „Beat-Sheet“ und so), der kann mal Bescheid geben, dann blogge ich da auch noch was zu – BESCHEID

  2. Ich finde es immer wieder interessant, dass man bei solchen Themenn von 5 Menschen 6 Meinungen einholen kann – ein paar der Dinge, die du sagst, kommen mir seeeehr bekannt vor, aber andere gar nicht.;)
    Das mit dem Überarbeiten zum Beispiel ist ganz sicher so wahr, wie es nur sein kann, aber ich bin z.B. noch nie auf die Idee gekommen mir über Konzepttheorien Gedanken zu machen…manchmal schreibt sich eine Geschichte von alleine und manchmal eben nicht, ich fürchte ich bin da sehr un-intellektuell.;)
    Meilensteine sind in jeder Arbeit wichtig denke ich, sonst verliert man schnell die Lust, zumal wenn man das alles „nur“ neben seinem normalen Leben betreibt, aber so einen kleinen inneren Zweifelteufel hab ich – zum Glück? leider? – auch nicht. Andererseits brauche ich ja auch immer eeeewiges Backgroundprocessing, um mich überhaupt mal durchzuringen irgendeine Geschichte „zu Papier“ zu bringen, vielleicht findet die natürliche Auslese einfach da schon statt?

    Nichtsdestoaber werde ich natürlich deine Theoriekonzepte und Konzepttheorien aufmerksam lesen, also immer her damit!:)

    • Ja, gut, du wärst jetzt nicht die erste, die mir Vergeistigung vorwirft und umgekehrt wärst du auch nicht die erste, der ich dann sage: „Ja, toll, oder?“ ;)
      Geisteswissenschafts-Geek zu sein ist wie eine Allergie – los wirst du das eh nicht, also kannst du genauso lernen, damit zu leben ;)

      Aber ich schweife ab. Ich hinterfrage tatsächlich irrsinnig viel, wie genau ich eigentlich arbeite und sauge geradezu auf, was auch immer ich darüber erfahren kann, wie andere Leute arbeiten, immer auf der Suche nach einem Kniff, der auch für mich funktionieren könnte.
      Darum etwa fasziniert mich Stephen King auch sehr – der arbeitet einfach auf eine Art, die ich niiiieeeemals für mich adaptieren könnte. Klar kann ich einfach drauf los schreiben, aber … ich glaube ich könnte nicht schreiben und schauen, wohin es mich bringt. Ich muss einfach wissen, wo ich hin will.
      Was nicht heißt, dass ich nicht auch schon manches Mal von Figuren überrascht worden bin, im Schreiben. Was manche Autoren gerne mal sagen, nämlich, dass ihre Figuren Eigenleben entwickeln beim Schreiben, das ist schon echt wahr.

      Das mit dem Background-Processing ist ein interessanter Gedanke. Ich habe da schon mal vor Urzeiten was in die Richtung geblogt (hier 2010 und hier 2009, Letzteres mit einem überraschenden Kommentar-Geber darunter), aber das Thema bis heute noch nie so richtig, richtig abgegrast. Aber auch noch nicht fertig durchdacht.
      Ich habe irgendwann neulich mal gezählt, dass ich an (ich meine) fünf Romanen gedanklich „arbeite“ … immer nur einen Stein pro Woche, maximal, aber mit der Zeit werden halt dennoch zunehmend Wände daraus. Aber an dem Punkt, an dem ich a) das aktuelle Projekt abgeschlossen habe und dann b) eines der „Neuen“ an Kontur gewonnen hat, geht es in die nächste Phase. Dann folgt eine grobe Skizze des Verlaufes – und die quälende Frage, was ich da eigentlich gerade tue setzt, wenn, erst danach ein.
      Sozusagen in den zwangsläufig folgenden Wochen, in denen ich langsam Fleisch auf dieses Skelett bringe, da nagt es dann. Aber wie gesagt, man lernt mit sowas zu leben ;)

      Viele Grüße,
      Thomas

      PS: Nee, kurze Antworten, das kann ich irgendwie echt nicht ;)

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