Theorien der Dramaturgie, Teil 2 von 3: Das Fünf-Akte-Modell

Hallo zusammen!

Legen wir direkt los:
Das Fünf-Akte-Modell wird auch in den Weiten des Internets allen möglichen Leuten zugeschrieben. Es sei von Aristoteles, liest man da (was falsch ist; der Mann war das mit den drei Akten … sowie sehr viel Dramentheorie, die hier den Rahmen sprengen würde), oder von Gustav Freytag (was ebenfalls falsch ist). Erstmalig in Theorie erwähnt wird das Modell in Form einer Forderung in Hoarz’ „Ars poetica“, verwirklicht findet man es in der römischen Tragödie bei Seneca.
Aber das nur am Rande, schauen wir einmal auf den Kern der Sache.

Das Modell gliedert eine Geschichte, der Name sagt es, in fünf Akte, die anders als bei dem Drei-Akte-Modell vergangenes Mal in etwa gleich groß zu sein scheinen.
Am Anfang steht die Exposition. Das kennen wir schon: Es werden die handelnden Personen vorgestellt und der drohende Konflikt, das Problem, was die Handlung antreiben wird, wird sozusagen vorstellig.
Im zweiten Akt, der Komplikation, wird die Situation kritischer und die Handlung „spitzt sich zu“, wie man landläufig sagt. Man spricht auch von Epitasis, also der „Anspannung“ des Geschehens.
Zu einer Maximierung dieser Anspannung kommt es im dritten Akt, der Peripetie. Darunter versteht man die Verkehrung der Glücksumstände des Protagonisten ins Negative. Schien vorher noch alles unsicher, ist jetzt klar, dass es nicht nur ein Problem gibt, sondern dass letztlich alles an einem seidenen Faden zu hängen scheint; jedenfalls aus Sicht des Protagonisten.
Waren bisher alle Handlungen dadurch geprägt, dass die handelnden Figuren etwas wollten, so kippt diese Lage nun für die zweite Hälfte der Handlung und wird nun davon dominiert, dass die Figuren etwas (tun) müssen. Es tritt die Retardation ein, ein verlangsamendes Trudeln gewissermaßen. Auf eigene Art und Weise wird erneut die Dramaturgie ausgedehnt, denn wenn dieser vierte Akt ein Sturz ist, so muss der fünfte Akt der Aufprall sein – doch kommt dieser einfach noch nicht und das Leid der handelnden Figuren wird immer weiter gestreckt.
Am Ende steht, zumindest in der klassischen Lehre, dann auch unausweichlich die Katastrophe. Andere, neutralere Bezeichnungen für diesen letzten Akt wären Lysis (also das Auflösen eines geknüpften Knotens) oder auch Dénounement. Im Kern ist es aber stets das gleiche: Der zuvor etablierte, auf die Spitze getriebene und auf sein Ende zugetrudelte Konflikt findet einen Ausklang und die Geschichte nimmt ihr Ende.

Ich gebe zu, das las sich vermutlich relativ technisch, aber damit sind wir auch relativ weit in den dunklen Keller der geisteswissenschaftlichen Fachsprache herabgestiegen. Fassen wir das noch mal vereinfacht zusammen, sieht das grob so aus:

1. Akt: Vorstellung von Figuren und Konflikt
2. Akt: Der Konflikt spitzt sich zu, die Lage wird ernst
3. Akt: Der Konflikt erreicht seinen ultimativen Höhepunkt
4. Akt: Alle Figuren sind durch den Konflikt aus ihren normalen Bahnen gerissen
5. Akt: Der Konflikt wird gelöst, „so oder so“

Eigentlich recht überschaubar und mit einem gewissen Maß an Abstraktion sehr gut auf alle möglichen Genres und Formate übertragbar. Aber ist es ein Allheilmittel?
Sicherlich nicht.
Auf den Vorwurf der Schematisierung von Geschichten will ich auch hier nicht eingehen – letztlich sind es doch Schemata, was erwartet man – aber eine Sache stört mich bei dem Modell bis heute gewaltig: Die Positionierung des Höhepunktes in der Mitte irritiert mich massiv. Da gefällt mir Fields Begriff des zentralen Wendepunktes noch immer besser, aber selbst der ist nicht ohne Makel. Aber angenommen ich schnappe mir den „Herrn der Ringe“. Zunächst mal habe ich das Problem, dass durch die Aufteilung in sechs Bücher ich gerade in der Mitte von „Die zwei Türme“ einen obskuren Perspektivwechsel unterbringen müsste, was sich in der Theorie schwer einbetten lässt. Dann hab ich noch Aspekte wie die Rückkehr ins Auenland, die eindeutig nach der Auflösung des Konfliktes liegt (Sauron ist bereits erledigt), aber dennoch auch nicht recht im obigen Modell Niederschlag findet.
Nun ist Tolkiens Epos auch kein Musterbeispiel an Erzähldramaturgie, aber es hat nun doch viele, viele Fans gefunden und ich denke, es eignet sich daher durchaus gut, um einen Einwand zu formulieren.

Der würde übrigens teilweise auch auf das kommende Modell übertragbar sein. Aber dazu dann morgen mehr an dieser Stelle.

Viele Grüße,
Thomas

Ein Gedanke zu “Theorien der Dramaturgie, Teil 2 von 3: Das Fünf-Akte-Modell

  1. Pingback: Die Eckpunkte einer Dramaturgie | Eifelarea Film

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