Vom tragischen Verlust des Mittelmaßes

Hallo zusammen!

Das heutige Thema ist eines, das mir sehr am Herzen liegt und zugleich eines, mit dem ich gerade im Internet quasi tagtäglich konfrontiert werde. Wenn ihr seid wie ich, dass hängt ihr gerne auf Filme-Gerüchte- und Filme-Hinter-den-Kulissen-Webseiten herum wie etwa ComingSoon.net oder auch, ganz klassisch, IMDb.com.
Genauso geht es mir aber mit einer zweiten Leidenschaft, Videospielen, die mich großteilig allerdings nur auch eine Seite – Gametrailers.com – führt. Das Phänomen, auf das ich hinaus will, ist aber stets gleich: Es gibt kein Mittelmaß mehr.

Entweder etwas ist cool, etwa Peter Jacksons erste Video-Nachricht vom Set von „The Hobbit“, dann ist das ultimativ gut. Die geilste Erfindung seit der Entdeckung von Kaffee, besser als alles was je war und definitiv besser als alle Inhalte aus den umliegenden Artikeln.
Ist etwas dagegen schlecht oder wird so wahrgenommen, so ist es ultimativer Mist. Absolute Grütze, die niemals hätte produziert werden dürfen. Bockmist, der bestenfalls auf den Kompost gehört hätte und offenbar geradezu ein persönlicher Affront gegen jeden, der es wahrnehmen muss. Unnötig zu sagen zugleich ein Zeichen von Dummheit, sollte es jemand doch gut finden.

Und was da kritisiert wird. Der neue Spiderman-Film etwa, der wird scheitern, weil die Augen seiner Maske die falsche Farbe haben, wenn ich einigen Kommentatoren bei ComingSoon glaube.
Und nicht selten lassen mich solche Kommentare ratlos, jüngst aber auch immer öfter nachdenklich zurück.

Ich denke, es ist eine verlässliche Aussage, wenn ich feststelle, dass viele Dinge, mit denen ich in meinem Leben Spaß hatte, nicht überragend gut waren. Bei Videospielen etwa – gerade als Jugendlicher habe ich auf meinem SNES viel gespielt und nicht alles davon waren das, was man heute AAA-Titel nennen würde. Spaß gemacht hat es dennoch.
Man könnte die Gründe dafür in einer differenzierenden Kritik darlegen, etwa wie wir es bei den Rezis auf der DORP versuchen, die ich in letzter Zeit ja auch wieder regelmäßig schreibe. Oder aber man geht den Internet-Weg und watscht alles ab, was eine Schwäche hat.

Randbemerkung:
Interessant ist, dass aber der einzige Bereich, den ich so kenne, der sich wirklich einmal bewusst damit auseinandergesetzt hat, wie er bewertet, der besagte Videospiel-Bereich zu sein scheint. Da gab es vor mittlerweile längerer Zeit mal eine ganz interessante Debatte, in der Boris Schneider-Johne massiv Stellung gegen Prozentwertungen bei Videospielen bezog (Der Spieletest ist tot) und dafür u.a. von der Chefredakteurin der PC GAMES ziemlich was vor den Bug bekam (Keine Wertung, keine Eier). Eine Debatte, die ich insofern spannend finde als dass Schneider-Johne seinerzeit zu den Pionieren gehörte, die das ganze heute klassische Wertungssystem in deutschen Spielezeitschriften überhaupt begründet haben.
Aber das Unterthema ist ein eigenes Post zu anderer Zeit wert.

Diese Diskussion ist jetzt natürlich erst einmal noch relativ weit weg von Büchern, meinem primären Tätigkeitsfeld. Aber auch nur relativ weit.
Wenn Spiele unter 85% schon als Kram angesehen werden, den man bestenfalls als rabattierten Budget-Titel in Erwägung ziehen würde, dass deutet dass auf einen Missstand in der Skalierung, oder in der Wahrnehmung der Skala hin.
Aber gilt das für Bücher nicht genauso? Klar, es gibt die Bestseller und – ich sage mal mutig: unabhängig davon – die wirklich guten, ja brillanten Titel. Und natürlich gibt es Mist. Aber was ist mit den Sachen dazwischen?
Von den vielen, vielen Büchern in meinem Besitz sind nicht alles herausragende Titel. Aber auch nicht alle, die nicht herausragend sind, sind Mist. Viele dieser Bücher sind „okay“. Aber auch „okay“ ist ja schon in den Dunstkreis der Beleidigungen eingerückt und fungiert teilweise als höfliches Synonym für „Kauf es nicht!“

Wer nun also selber Bücher publiziert, der kommt immer mehr in die Situation, dass er seine Werke einem Markt übergibt, der binär rezensiert. Wahlweise 1, das Buch ist herausragend, oder 0, das Buch ist Schrott. Und wenn die Videospiel-Skalen ein Indiz sind, ist dies zwar die Wahl zwischen einer von zwei Fassungen, aber keine Wahl zu je 50%.
Es wird zudem auch immer schwieriger, beispielsweise im Netz über so etwas zu reden. Da kritisiert Person A ein Element an Produkt X, und sofort entflammt Person B und faucht, A solle nicht so jammern sondern dankbar sein, so ein tolles X zu haben. Dass A X vielleicht auch durchaus gut findet, aber ein bestimmtes Element eines komplexen Gesamtwerks gerne kritisieren würde – eine Kritik, die letztlich für die Macher wiederum wertvoll sein kann, um einen eventuellen Missstand zu bemerken und zu beheben – wird dadurch aber immer schwerer.

Der Verlust eines ordentlichen Kritikertums ist herb, viel herber als man vielleicht auf den ersten Blick meinen sollte. Er schlägt in alle Richtungen aus – es kostet letztlich gute Kritiker ihren „Job“, denn während der Kritiker noch an seiner Argumentation feilt, hat der Rest schon „voll scheiße ololol“ in irgendein Forum gepostet.
Er kostet aber letztlich auch den Markt, denn in einer Situation, in der niemand mehr gewillt ist, etwas anderes als ein möglichst perfektes Erlebnis zu erfahren, in dieser Situation verliert er zugleich die Chance darauf, viele kleine Perlen in imperfekten Werken zu entdecken.
Und zuletzt kostet es die Macher, denn aus dem vorigen Punkt ergibt sich für diese, dass die Chance, entdeckt zu werden, erheblich sinkt. Wer schreibt schon ein perfektes Debüt.

Aber was kann man dagegen tun?
Zunächst mal vor der eigenen Haustüre kehren – selber differenzierte Meinungen kundtun. Und wenn im Freundeskreis jemand anders pauschal in die zwei Schubladen von Gut und Böse teilt, eben diesen mit der von Kindern perfektionierten Frage des Schreckens piesacken: „Warum?“
Und nicht zuletzt kann man auch selber den Willen zeigen, vielleicht auch mal eine Produkt eine Chance zu geben, obschon man schon ahnt, dass es nicht der Überflieger ist. Nicht aus Nettigkeit, um das noch einmal klar zu sagen. Sondern weil „nicht absolute Spitzenklasse“ eben nicht gleichbedeutend ist mit „absolut nicht zu gebrauchen“.

Übrigens ganz spannend daran angeschlossen ist in gewisser Weise auch die Frage, wie objektiv Kritiken überhaupt sein können. Aber das ist ein Fass, dass mache ich mal ein anderes Mal auf, denke ich.

Viele Grüße,
Thomas

3 Gedanken zu “Vom tragischen Verlust des Mittelmaßes

  1. Danke, Thomas! Du sprichst mir einmal wieder aus der Seele.

    Ich finde es auch sehr schade und größtenteils sogar ärgerlich, wie schwarz/weiß vieles gemalt wird. Das mag mir hin und wieder auch mal passieren, denn wenn man Feuer und Flamme ist, ist es natürlich schwer, seine Begeisterung zu zügeln, wenn man von etwas berichtet. Andererseits fällt es einem schwer, seinen Frust nicht abzuladen.

    Trotzdem versuche ich zumindest bei meinen „Rezensionen“ in meinem Blog (in Anführungszeichen, da das doch eher „Spielerlebnis-Berichte“ sind als Rezensionen) da auch keine zu großen Extreme zu machen. Das bedeutet, ich finde es wichtig, dass wenn ich wirklich begeistert von einem Spiel war (bspw. Castlevania, Assassin’s Creed 2, Valkyria Chronicles), dass die Leute sich auch sicher sein können: Die taugen was. Wichtig ist mir aber selbst bei solchen Sachen dann immer darauf hinzuweisen: „Wenn man das Genre mag.“ Und selbst bei Assassin’s Creed 2 werde ich nicht müde auf das fürchterliche Tutorial und die wirklich mieserable Erklärung hinzuweisen – trotzdem ein geniales Spiel. Ich finde aber, dass positive Bewertungen viel glaubwürdiger und „echter“ werden, wenn man auch gerade solche Sachen erwähnt. Daher fahre ich auch weniger auf der „Rezensions“-Schiene, als vielmehr auf der „Erlebnis“-Schiene. Wie erlebe ich ein Spiel? Und schreibe dazu auch gerne mehrere Blog-Beiträge, damit man sehen kann, ob sich dieser Eindruck im Verlauf ändert.

    Beispielsweise war ich von „Star Wars: Force Unleashed 2“ ziemlich frustriert – aber am Ende dann doch bereit zu sagen, dass es an einigen Stellen schon Spaß gemacht hat und cool war. Mein Fazit war, dass es für 20 Euro eine nette Anschaffung ist, aber für den Vollpreis, den ich bezahlt hatte, zu viel Frust erzeugte, als dass ich ihn gerne bezahlt hätte.

    Ähnliches gilt, wie du treffend sagst, für den Buchbereich. Ich stöbere manchmal in Literaturblogs und kann da echt nur den Kopf schütteln, wie ultimativ und endgültig viele Bewertungen dargelegt werden – meist sogar mit persönlichen Beschimpfungen des Autors, wie er sich dies und das doch leisten kann.

    Wobei persönliche Beschimpfungen des Autors ich sowieso absolut daneben finde – im Internet wird da aber gerne mal dazu gegriffen. Das finde ich sehr schade und rücksichtslos. Aber im Internet lässt sich eben viel leichter beschimpfen – die Distanz zum Menschen dahinter scheint doch größer. Vielleicht liegt es daran. Außerdem will sich sicherlich jeder mal fühlen wie Reich-Ranicki und findet das toll.

    Ich muss gestehen, so eine Phase hatte ich bei Kinofilmen mal. Das ist zum Glück auch schon über zehn Jahre her. Da bin ich nicht in einen Film gegangen, um ihn zu sehen, sondern um seine Fehler zu finden und mich dann in Newsgroups darüber auszulassen. Irgendwann hat mir dann ein guter Kumpel gezeigt, dass es viel mehr Spaß macht, Spaß zu haben und seitdem kann ich auch viele Dinge sehr viel differenzierter sehen und auch berichten.

    Ich wünschte mir da wirklich mehr „Erlebnisberichte“ und weniger wertende Rezensionen. Denn daraus kann man viel besser ablesen, was da passiert ist beim Leser oder Spieler – außerdem ist es viel persönlicher. Klappt natürlich nicht in der üblichen Rezensionsform. Leider ist es ja auch heute wirklich immer noch so: Gute Rezensionen interessieren niemanden – Verrisse gehen immer. Leider wie bei Nachrichten…

  2. Noch ein Nachtrag: Kann man auch sehr schön bei Serien-Bewertungen sehen. Mein Lieblingsbeispiel ist „Lost“. Da sehen Menschen die komplette Serie, haben sogar Spaß bei den Folgen der letzten Staffel, aber nur weil ihnen das Ende nicht gefällt, ist plötzlich dann mindestens die letzte Staffel, häufig sogar die gesamte Serie Mist. Da fehlt mir einfach die Differenzierung und ich finde das absolut unfair Serien gegenüber.

    Eine weitere Serie bei der das häufig passiert, ist „Heroes“. Eine großartige Serie, die sicherlich gerade gegen Ende hin immer wieder schwächelt, aber so viele kleine Momente hat, die absolut großartig sind.

    Oder auch ein Lieblingsbeispiel bei Filmen von mir: „Spider-Man 3“. Wird allgemein als schlechter Film bewertet. Ich bin auch unzufrieden rausgegangen und war enttäuscht, nachdem ich den ersten und den zweiten so großartig fand. Aber nachdem ich den Film noch zwei/dreimal gesehen hatte, sind mir Sachen aufgefallen, die _echt_ gut sind. Damit sage ich nicht, dass „Spider-Man 3“ toll ist, aber es gibt definitiv Stellen darin, die es wert sind, gesehen zu werden (und damit meine ich nicht die CGI, sondern die emotionalen Charaktermomente). Nur mit Schwarz/Weiß-Ansichten klappt sowas natürlich nicht.

  3. Tja, wie wahr, wie wahr …

    Meiner Meinung hat das hauptsächlich mit dem Medium Internet zu tun und der Tatsache, dass hier Meinungen geschrieben und nicht ausgesprochen werden. Dass nur verzögert auf Argumente reagiert werde kann und nicht direkt aus dem Augenblick heraus, spielt sicher auch eine Rolle.

    Aber egal wieso, es ist schade um das Mittelmaß.

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