Über die Illusion von Verlässlichkeit

Hallo zusammen!

Wer vielleicht meinen Vortrag über Selbstverlage auf der RPC gehört hat, oder aber sonst schon mal mit mir über das Thema sprach, kennt mutmaßlich das eine Argument, dem ich immer wieder generell zustimme, das sich gegen Print on Demand richtet.
Und heute reisen wir sogar zurück ins Mittelalter, um uns mit dem Dilemma mal von einer neuen Seite her zu befassen.

Das Argument, kurz zum Einstieg gesagt, lautet: Da jedes Buch on demand separat gedruckt wird, ist es theoretisch (und je nach Anbieter auch praktisch) möglich, in der laufenden Auflage und bei gleich bleibender ISBN etwas am Inhalt zu verändern, ohne dass das auf den ersten Blick ersichtlich sein muss.
Wenn dann aber jemand im Rahmen einer wissenschaftlichen Arbeit auf die meine verweisen will, sich nun ein Dritter das gleiche Buch zur Bestätigung der Quelle holt und dort eine Abweichung feststellt – aber eben nicht, weil das Zitat falsch ist, sondern weil der Textblock sich seither geändert hat – dann ist das ein Problem. Meine generelle Antwort darauf ist immer, dass es ein Kompetenzproblem ist. Will sagen, etwas, was halt nicht zuletzt in die Verantwortung des Autors gelangt, wenn er auf diesem Wege publiziert. Es ist immens aufwendig, aber gekonnt haben Verlage das bisher auch schon – alleine weil nicht selten Buchblöcke und Cover getrennt produziert und erst stoßweise verleimt und versendet werden – und daher lag die Verantwortung bei ihnen. Nun also beim Autor.

Das löst das Dilemma natürlich nicht. Genauso wenig wie das, was ich heute beschreiben möchte. Aber ich hege die Hoffnung, dass es dennoch einen Lehreffekt hat und einen Lerneffekt mit sich bringt.

Wer sich mit der Geschichte deutscher Literatur befasst hat oder gar Germanistik studiert(e), der kennt vermutlich den Roman „Erec“ von Hartmann von Aue. Das Buch ist quasi Pflichtprogramm für jeden, der Mittelhochdeutsch lernt, also – brutal vereinfacht gesagt – das mittelalterliche Deutsch. Das ist so vereinfacht, dass es falsch wird, aber für den Zweck dieses Artikels soll das reichen.
Auch ich hab das Buch aus diesem Grunde im Schrank, in einer Taschenbuchausgabe aus dem Fischer-Verlag, 25. Auflage aus dem Jahre 2003. Die hat auch ein ganz interessantes Nachwort, in der das Phänomen, von dem ich hier schreiben will, auch angerissen wird.

„Erec“, übrigens Teil der ganzen Gralsdichtung und benannt nach seinem Helden, seinerseits im Ausland (und damit in den meisten Filmen und modernen Adaptionen) weitestgehend ignorierter Ritter, ist vermutlich zwischen 1180 und 1190 entstanden, also vor etwas mehr als 800 Jahren. Die älteste uns überlieferte Quelle ist allerdings keine dieser Originalhandschriften, sondern die so genannte „Ambraser Handschrift“ (auch „Ambraser Heldenbuch“ genannt), die der Zöllner Hans Ried verfasst hat.
Das Problem? Ried hat diese für Kaiser Maximilian verfasst, und zwar zwischen 1502 und 1515. Nun muss man wissen, dass man damals noch anders mit Texten umging und oftmals die Sprache bei der Abschrift direkt modernisierte und an aktuelle Lesegewohnheiten angepasst hat. Ried als Mann der frühen Neuzeit schrieb und sprach aber schon nicht mehr Mittelhochdeutsch, sondern eben Frühneuhochdeutsch.
Seine Vorlage ging über die Jahrhunderte verloren, seine Adaption aber gibt es bis heute.

Aber jetzt ist der Text aber doch Mittelhochdeutsch gewesen und man kann sich in der Forschung ja schlecht sagen lassen, hier mit einer solchen Umformung zu arbeiten, oder? Was tut man also?
Man formt zurück! Kein Witz: Das Mittelhochdeutsch des Erec, den man heute kauft, ist ein Phantasiegebilde, das versucht, anhand anderer Quellen und vor allem mit viel gutem Willen die Gedanken des Autors in ihren ursprünglichen Sprachstand zurückzuversetzen.
Stellt euch mal vor, ihr hättet einen Text auf Bayrisch. Den übersetzt ihr dann in einen der Dialekte des Rheinlandes, Eifler Platt oder Kölsch etwa. Und den gebt ihr dann einem Bayern, damit der es wieder ins Bayrische bringe.
Schlimmstenfalls ist auch der „Erec“ in Buchform genau so „original“ wie das, was da herauskommen mag.

Wenn ihr eine Ausgabe vor euch habt, die mit einem vollständigen Prolog beginnt, so ist das übrigens noch heikler. In Rieds Text fehlt der völlig, was bedeutet, dass wir ihn in keiner deutschen Überlieferung mehr vorliegen haben.
Was wir aber natürlich haben ist das Original „Erec et Enide“ von Chrétien de Troyes, von dem ausgehend Hartmann seinen Text geschrieben hat. Nur hat Chrétien Altfranzösisch geschrieben und alles, was auf dem Buchmarkt herumgeistert, Mittelhochdeutsch anmutet und ein Prolog des Erec ist, ist vermutlich daher rekonstruiert. In dem Punkt ist zumindest meine Ausgabe aber ehrlich und weist das aus.

Wozu der lange Exkurs, den vermutlich auch nicht jeder so spannend findet wie ich?
Es geht um die Verlässlichkeit einer Quelle, sowie der Quellenlage. Wobei man diese Argumentation allerdings in beide Richtungen fahren kann, wenn man zu dem Ausgangspunkt dieses Artikels zurückfindet.
Entweder man vergleicht die Unverlässlichkeit der Quellen im Beispiel mit der Unverlässlichkeit der Quellen durch willkürliche On-Demand-Drucke und schwingt das Beispiel als Waffe genau gegen diese neue, impertinent unverlässliche Produktionsweise.

Oder aber man dreht den Spieß um und stellt sich einfach der Bereitschaft, zu akzeptieren, dass dieses ganze Gebilde der Geisteswissenschaft, dass seit vielen Jahrhunderten dem geradezu zwanghaft Wunsch unterliegt, belegbar, faktisch und präzise zu sein, dies aber ohnehin nur in einer Illusion tut.
Natürlich ist Referenzierbarkeit wichtig und natürlich bin auch ich dagegen, nicht zu versuchen, gerade eben durch korrektes und sauberes Arbeiten einen praxisnahen Umgang mit dem ganzen Themenfeld zu erreichen.
Allerdings geht es mir um den Maßstab. On demand zu drucken wird Thema bleiben. Es ist ein Produktionsverfahren, das ohnehin entweder nicht mehr gehen wird oder aber nur ein Zwischenschritt zu noch unsichereren, weil variablen digitalen Inhalten ist. Und kann so ein Produktionsverfahren wirklich ein solches Damoklesschwert für eine Wissenschaft sein, die im Grunde zugeben muss, dass nicht mal ihre primären Untersuchungsgegenstände wirklich existieren?

Ich vermute nicht.

Viele Grüße,
Thomas

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