Die Familie des 21. Jahrhunderts

Hallo zusammen!

Vorweg ein Wort der Warnung: Dieser Artikel hat zunächst einmal nichts mit irgendeinem meiner üblichen Themen zu tun – jedenfalls der hier im Blog. Wer mich persönlich kennt, der wird einige Gedankengänge sicher schon mal gehört haben.
Ich betreibe die Seite hier nun seit Ende Juni 2008 und normalerweise halte ich mich mit persönlicher Weltanschauung, sofern sie nicht die üblichen Steckenpferde Bücher, Schreiben, Film, Tanz etc. betreffen, recht stark zurück. Aber es geht ja auf Weihnachten, da wollte ich dieses Thema hier einfach endlich mal aufgreifen.
Ich verstecke es aber für alle, die es nicht interessiert, hinter einem „Weiterlesen“-Button.

Allen, die hier nun aussteigen wollen, wünsche ich schon mal einen schönen Tag und viele Grüße!

Noch da? Cool.
Es gibt eine Reihe Konzepte, die mein Denken, mein Leben, ja, meine Weltsicht stark beeinflusst haben. Und während vieles davon echt kluges Zeug ist, von antiken, griechischen Philosophen bis zu modernen Autoren tiefgründiger Romane, so gibt es einen Satz, ein Zitat, das sich für mich in den letzten Jahren immer mehr als eines der zentralen Elemente in meinem Leben erwiesen hat.
Und es kommt … aus einer englischen Sitcom.

Jepp, das sitzt und schmerzt zutiefst, aber pardon Platon, sorry Kant, dieser Punkt geht klar an „Spaced“.
Die Serie kennt hierzulande eh kaum einer, aber wenn man sagt, dass Regisseur und männliche Hauptdarsteller identisch sind mit denen aus „Shaun of the Dead“ und „Hot Fuzz“, dann kriegt man oft ein Nicken. Wenn das auch die Herleitung noch nicht logischer macht.

In der vorletzten Episode der Show wird, in Variationen, mehrfach das gleiche Zitat gebracht:

„They say the family of the 21st Century is made up of friends, not relatives.“

Zu Deutsch also, frei übersetzt:

„Man sagt, die Familie des 21. Jahrhunderts bestünde aus Freunden, nicht Verwandten.“

Ich muss weiter ausholen, merke ich. Ich stamme zwar aus einem personenarmen Haushalt, wohl aber auch einer großen Familie. Michalski-Familienfeste neigen dazu, ganze Gärten zu füllen und sind durchaus stets bemerkenswerte Ereignisse. Doch auch wenn ich viele meiner Verwandten im Grunde nur ein bis drei Mal pro Jahr auf dem einen oder anderen Fest sehe, so weiß ich doch, dass die Familie da ist. Ich mag meine Familie, ich weiß, dass man mit den Leuten durch dick und dünn gehen kann und ich glaube fest, dass sie immer da sind, wenn einer von uns sie braucht.
Es ist also wichtig zu betonen, dass ich das hier alles nicht „anstelle“ meine, sondern … anders.
Als meine Eltern in den 70ern gebaut und dann in Folge das Haus fertig ausgebaut haben, wenn im Garten oder im anliegenden Wald Arbeit zu erledigen war oder auch als ich damals aus dem Schoß der eigenen Familie nach Aachen gezogen bin, so war es eigentlich stets an Familienmitgliedern, dort zu sein und zu helfen. Familien neigen dazu, einen gewissen Wissens- und Fertigkeitspool anzuhäufen, und es ist für mich selber immer wieder erstaunlich zu sehen, was wir alles so im direkten Umfeld mobilmachen können, wenn es nötig ist.
Und doch, so bemerke ich, verschob sich das mit der Zeit immer weiter in den Freundeskreis hinein. Bei meinem letzten Umzug waren es dann vor allem meine Freunde, die halfen. Und zwar in einem Umfang, dass ich Leute, die schon auf dem Hinweg waren, angerufen und heimgeschickt habe, weil so viele Helfer da waren. Das ist vielleicht nicht die Norm, aber es zeigt, dass sich eine Nische – Hilfe im direkten Umfeld – verlagert hat.
Aber auch zu anderen Anlässen sind es Freunde, an die man sich wenden kann und an die man sich wendet. Auch in ernsten Momenten, wo Beistand nötig war, fand ich diesen im Freundeskreis. Und auch wenn man das selbst in sehr alten Romanen schon findet – die engen, vertrauten Freunde – so ist dieses komplexe Netzwerk in diesem Ausmaß, denke ich, durchaus ein Produkt unserer Zeit.

Netzwerk, das ist natürlich eh so ein Punkt. Wenn ich Freunde sage, dann meine ich nicht Leute auf einer Freundesliste. Ich nehme an, das ergab sich bereits aus dem zuvor genannten Kontext. Ich denke, es ist dennoch erwähnenswert und mag auch durchaus fast schon ein Anzeichen direkt der nächsten Kehre sein, die dieses Themenfeld machen wird, gewissermaßen mit der Generation der „digital natives“, die ja in rasantem Tempo heranrauscht.
Ich habe eine Menge Leute in meinem Leben, die ich mag. Und durchaus viele davon würde ich auch als Freunde bezeichnen. Das ist allerdings nicht alles der Personenkreis, den ich mit diesem „Familie des 21. Jahrhunderts“-Gedanken meine. Hier greift einmal mehr, dass man den alten Umkehr-Trugschluss vermeiden sollte.
Sprich: Jede Amsel ist ein Vogel, aber darum ist noch nicht jeder Vogel eine Amsel.
Und ich vermute in meinem direkten Umfeld wissen die, die ganz eng an mir dran sind, auch durchaus, dass ich dies sehr zu schätzen weiß.

Vielleicht liegt ja doch mehr Wahrheit und Wert in der Natur einer Sitcom, als ich das anfangs unterstellt habe. In gewisser Weise sind Sitcoms ja auch immer Spiegel ihrer Zeit – und dahingehend hat sich doch einiges geändert. Viele frühe Gassenhauer in dem Umfeld drehten sich auf die eine oder andere Art und Weise um große Familien, ob nun Huxtable, Connor oder Bundy. Die moderne Sitcom hat sich dahingehend verändert. Das Format von geschilderten Freundeskreisen ist wesentlich dominanter geworden – ob jetzt in weiteren Sinne „Friends“, „Coupling“ oder eben „Spaced“. Sind wir also von unseren Lebensumständen mehr oder weniger fort von dem klassischen Familienkonzept gedrängt worden?
Andererseits kann ich diese Beispielliste, so überzeugend sie auf den ersten Blick scheinen mag, relativ zügig selber dekonstruieren. Vielleicht hat sich der Fokus wirklich verschoben, aber auch heutige Sitcoms haben teilweise noch große Familien und auch schon damals gab es welche, die sich um Singles drehten. Aber „Spaced“ und „Männerwirtschaft“, das sind schon unterschiedliche Produkte.

Doch – und hier kommen wir an den Punkt, warum ich dieses Thema unbedingt vor Weihnachten einmal anschneiden wollte – das ist nicht nur eine These, die aus Pragmatismus geboren wurde. „Ich habe Freunde, die mir helfen, darum sind die so etwas wie Familie“ ist nicht der Leitgedanke.
Gerade jetzt vor Weihnachten ist mir das noch mal klar geworden, denn im Grunde ist es fast schon anders herum. Es geht eine große Stärke, aber auch ein großes Maß an Identität für jeden Menschen aus seinem direkten Umfeld hervor. Und wenn man das Glück hat, von einem Umfeld umgeben zu sein, dem man sich ehrlich gegenüber zeigen kann, dann geht daraus auch eine große Kraft hervor.
Das ist denke ich an sich auch eines dieser Konzepte gewesen, die früher, wenn nicht exklusiv, aber dann doch zumindest sehr verstärkt beim „eigen Fleisch und Blut“ lagen. In Familien wird man geboren und man hält zusammen, ob man nun in allen Punkten einer Meinung ist oder nicht. Das gibt einem auch die Chance, so zu sein, wie man ist, auch wenn das vermutlich bei jedem Menschen ob spezifischer Macken irgendwann einmal nicht einfach ist. Die schreibende Person hier mit eingeschlossen.

Ich denke aber, auch dahingehend hat sich viel in unserer Gesellschaft getan, was diesen Wandel weiterhin möglich macht. Wir haben bereits ein großes Maß an Uniformität abgelegt und stehen nun deutlich besser aufgestellt als eine Gesellschaft da, die Extrovertiertheit und Andersartigkeit verarbeiten kann. Und ich denke, es hätte auch nicht Lady Gaga bedurft, uns ein Lied dazu zu singen.
Jetzt schreien viele auf und bringen viele Gegenbeispiele und haben damit Recht – aber schaut doch einfach mal, wie es exakt hier bei uns vor 100 Jahren ausgesehen hat. Oder noch vor 50. Oder 30.
Wir trauen uns vermehrt, wir selbst zu sein. Wir zeigen und geben uns ehrlicher und geben damit Menschen, die uns auf freundschaftlicher Ebene nahe stehen, die Chance, uns – und zwar wirklich uns – auch wirklich ins Herz zu schließen. Und das gibt uns die Chance, in dieser zu findenden Akzeptanz für die Art, wie wir sind, Kraft und Mut zu finden, halt so zu sein, wie wir sind. Und das Gefühl des Rückhalts dazu – und damit verbunden dann eben dieses Gefühl, eine Familie zu haben.

Diese Umgebung, diese 21.-jahrhundertliche Familie, ist auch in reinen Kreativfragen eine kaum zu schlagende Keimzelle. Schon seit Jahren habe ich die unglaubliche Kraft für mich entdeckt, die auf kreativer Ebene aus langen Gesprächen in Cafés erwächst. Wenn nichts dazwischenkommt, sollte ich sogar just in dem Moment, wo sich dieser Artikel hier selbstständig ins Netz wuchtet, in so einem Café sitzen. Es geht dabei dann auch nicht darum, konkret über Probleme oder Denkfragen zu diskutieren. Kann, aber muss nicht. Oftmals geht es auch einfach nur darum, den Kopf frei zu bekommen. Und, zentral, auch einfach mal man selbst zu sein. Ungeschminkt auf jeder Ebene, sozusagen.
„Wege, unsere Batterien aufzufüllen“ ist ja auch so eines dieser Themen unserer Zeit. Nun, das ist auf jeden Fall einer meiner Wege.

Es sei angemerkt, dass dieser ganze Ansatz, dieses Maß an Weltsicht vor allem von einem bestimmten Umfeld ausgeht und mir das sehr bewusst ist. Wie alle Abarten des Egalitarismus – das ist ein Thema für sich, aber dazu gehören diese Gedanken sicher auch – so ist auch dies hier von einem gewissen Bildungsstand abhängig und gleichermaßen funktioniert es sicherlich besser, wenn man nicht aus einer unterdrückten Minderheit in irgendeiner Form stammt.
Das weiß ich auch.
Wie ich schon sagte, Gegenbeispiele sind an sich leicht zu finden.

Aber darum das auch alles unter der Prämisse, dass es ein Aspekt meiner Weltsicht ist und etwas ist, was mich persönlich sehr prägt. Doch in einer Zeit der Unsicherheit, in der auch gerade „alte Werte“ (mit Vorsicht zu behandeln) ins Wanken geraten, liegt gerade darin etwas, was mir persönlich Kraft und Rückendeckung gibt, um meinen Weg zu gehen. Und darum ist es auch etwas, über das sich zu schreiben lohnt.

Das, letztlich, trifft dann doch auch wieder, worum es in diesem Blog geht.
Ich habe einige Freunde, die mich regelmäßig darauf hinweisen, dass ich ja schon irgendwie ein versponnener Künstlertyp sei.
Und es ist ein Kompliment.
Denn sie wissen es, und sind dennoch da.
Und darum weiß ich das auch sehr zu schätzen.

Viele Grüße,
Thomas

Ein Gedanke zu “Die Familie des 21. Jahrhunderts

  1. Pingback: Freundschaft, Liebe, Dopamin | Thomas Michalskis Webseite

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s