Frohe Weihnachten! Und ein Geschenk!

Frohe Weihnachten zusammen!

Ich wünsche euch allen ein schönes, friedvolles Weihnachtsfest und ein paar ruhige, besinnliche Tage! Lasst euch reich beschenken, genießt ein wenig die Ruhe nach dem Sturm, der die Vorweihnachtszeit in der Regel immer ist.

Und damit es nicht heißt, ich hätte euch nichts unter den Baum gelegt – am Ende des Postings gibt es einen „Weiterlesen“-Button, der euch zu einer kleinen Kurzgeschichte bringt. Die ist nicht weihnachtlich – kommendes Jahr gibt es eine Weihnachtsgeschichte, versprochen – aber schön, wie ich finde. Sie wurde bisher nicht veröffentlicht und war nur ein Mal im Rahmen eines LARPs aus Textdokument zu finden.
Viel Spaß damit!

Die Weihnachtstage wird hier nun auch Ruhe herrschen – aber ich hab noch was, bevor das Jahr sein Ende nimmt, das sei schon einmal versprochen!

Viele Grüße,
Thomas


Thomas Michalski

Locklicht

Als eines Abends die junge Fraglinde das Haus noch einmal verließ, um nach den Tieren zu sehen, erblickte sie, als sie schon wieder auf dem Weg ins Haus hinein war, ein eigenartiges Licht jenseits der Felder. Sie zögerte, überlegte kurz, dem alten Oheim Bescheid zu geben, aber neugierig wie eine Katze machte sie sich letztlich selbst auf den Weg.
Vielleicht war es ein seltener Reisender, jemand Besonderes, und sie könnte dann die spannende Kunde davon verbreiten. Ja, daran hätte sie Spaß, dachte sie bei sich.
Also ergriff Fraglinde die alte Laterne vom Schober und entzündete ein kleines, zaghaftes Licht. Sie warf den schweren Lodenmantel über ihr zartes, weißes Hauskleid, schlüpfte in ihre schweren Stiefel, die sie im Hühnerstall immer trug, und machte sich auf den Weg, dem fremden Licht entgegen.

Sie hatte die Felder bereits überquert und zögerte. Noch immer schien das Licht in der Ferne, war nicht näher gekommen, aber auch nicht weiter weg. Trieb dort jemand sein Spiel mit ihr? Ein Spiel von Arglist und Tücke? Aber wer sollte das sein, niemand kannte ihren Hof und konnte wissen, dass sie sanftes Wesen dort lebte.
Also setzte sie ihren Weg fort.

Sie war bereits eine Viertelstunde gegangen, hörte schon kaum mehr die Geräusche von zuhause, als es zu regnen begann. Sie zog den Mantel enger um sich und maß mit großen Schritten durch das weicher werdende Erdreich. Das hohe, nasse Gras ragte manchmal weit genug auf, um über die Stiefel zu reichen und leicht über ihre Beine zu streifen, doch sie ignorierte all das.
Sie wollte wissen, was es mit dem Licht auf sich hatte.

Nach einer halben Stunde des Weges traf sie auf einen alten Mann. Er saß dort, gewunden und runzelig, am Fuße eines alten Baumes. Knarrend ertönte seine tiefe Stimme, jedoch fest, als habe sie schon manchem Sturm getrotzt.
„Kindchen“, dröhnte sie, „dich schickt das Schicksal! Meine Lampe ist zerbrochen, dort hinten im Wald. Ich bin gestürzt, sie barst, die Flamme erlosch und das Öl ist ins Erdreich gelaufen.“
„Das ist ja schrecklich!“ entfuhr es Fraglinde, sich plötzlich der schweren Last ihrer Laterne bewusst werdend. „Hast du es weit nach Hause, Großväterchen?“
„Oh ja, weit hab ich’s. Sag, magst du mir nicht dein Licht schenken?“
Fraglinde zögerte. Immerhin war es ihre Laterne und sie war alleine, mitten im Wald. Aber dann wiederum war es eine ungewöhnlich helle Nacht und selbst die dichten Wolken schienen das Mondlicht nicht ganz aussperren zu können. Außerdem folgte sie selbst ja noch immer dem anderen Licht und zur Not würde sie am Tage heimkehren.
„Aber gerne, Großväterchen“, sagte sie und stellte das metallene Gehäuse vor ihm ab. Sie nickte ihm noch einmal zu und eilte dann weiter.

Der Weg war schwierig. Der Boden war uneben und immer wieder stolperte sie über Hindernisse, die sie im Dunkeln gar nicht ausmachen konnte. Doch Fraglinde verzagte nicht, immerhin sah sie noch immer das fremde Licht vor ihr. Wer auch immer es führte schien aber sehr geschickt, denn all die Tücken und Hürden des Sumpfes brachten es nicht einmal zum Schaukeln.
Sie war so damit beschäftigt, unter dem hämmernden Regen sich ihren Weg zu bahnen, dass sie das Schluchzen beinahe überhört hätte. So aber blieb sie stehen, blickte sich um und meinte schließlich, eine Silhouette unter den Bäumen ausmachen zu können.
„Heda, Mädchen“, fragte sie, „was weinst du?“
Das Schluchzen verstummte und eine blonde, schlanke Gestalt hob ihr Haupt. Das Mädchen war dürr wie die Halme am Rande eines Sees und hell und gelblich war die Farbe der Haare, die regennass ihr weißes Gesicht umschlossen.
„Kommst du nicht nach Hause?“ erkundigte sich Fraglinde weiter.
„Ich hab meine Schuhe im Sumpf verloren. Nun hab ich keine mehr und komm nicht voran.“
Fraglinde biss sich auf die Lippen, spannte ihre Zehen in dem harten Leder an, aus dem ihre Stiefel gefertigt waren. Dann fällte sie eine Entscheidung.
„Möchtest du meine haben?“ fragte sie.
Das blonde Ding nickt voller Eifer. Also zog Fraglinde ihre Stiefel aus, erschauerte als ihre blanken Füße auf den nassen Matsch traten, der mittlerweile im Regen fast zu ertrinken schien, und warf ihre Stiefel herüber.
Sie nickte noch einmal, dann eilte sie weiter. Sie durfte das Licht nicht verlieren.

Fraglinde kam immer schlechter voran. Ihre blanken Füße sanken tief in den morastigen Boden, ihre Zehen drangen tief in das fahrige Erdreich ein. Wurzeln umfingen ihre Haut und Distelsträucher rissen keine, schmerzhafte Wunden, die maßlos brannten, als das schlammige Wasser in sie eindrang.
Noch immer sah sie das Licht vor sich und das alleine gab ihr Zuversicht. Sie hatte schon lange aus dem Sinn verloren, wo sie genau war, hatte jede Orientierung fahren lassen auf der Spur dieses seltsamen, faszinierenden Scheines.
Plötzlich fuhr ein Blitz vom Himmel nieder, spaltete ein altes Ahorn zu ihrer Linken entzwei, ließ die Wellen im unebenen Boden zwischen ihr und dem Baum wie schwarze Klüfte vor ihr klaffen und Fraglinde erschrocken aufseufzen. Doch der Schrecken rührte von etwas ganz anderem her, denn das Licht des Blitzes hatte auch einen jungen Mann erhellt, der keine zwei Schritt von ihr entfernt zwischen zwei alten Weiden im Wald stand.
„Oh Mädchen!“ rief er aus. „Dich und nur dich hab ich ersehnt!“
„Was willst du?“ entfuhr es Fraglinde, die Finger so hart zu Fäusten verkrampft, dass ihre Knöchel hervortraten.
„Mir ist schreckliches widerfahren! Ich war in diesem Wald unterwegs, als ich im Dunkeln einen Abhang nicht sah und in die Tiefe rutschte. Aber nicht nur, dass ich so meinen Weg verlor, nein, mein Mantel verfing sich in einem dornigen Gestrüpp und ich konnte ihn nicht mehr erreichen.“
Fraglinde zögerte. Ihr war plötzlich unglaublich warm unter ihrem Mantel, nach all den Anstrengungen ihres Weges, und er wog schwer, voll Wasser gesogen wie er war. Sie musterte den fremden Jüngling, doch nichts von dem, was sie zuvor erschreckt hatte, war noch in seinem Gesicht zu erahnen. Flehend blickte er sie aus grünlich schimmernden Augen an und reckte ihr eine Hand entgegen mit fingern, filigran und schlank wie die Äste einen kleinen Baumes.
„Nun gut“, sagte sie schließlich, „dieser Wald scheint vieler Leute Not zu beherbergen.“ Mit zitternden Fingern löste sie die Fibel und öffnete den Mantel. Plötzlich war es kühl um sie und der Wind zog an ihrem weißen Kleid, als sie dem Fremden den Mantel zuwarf. Es war, als trüge der Wind den schweren Lodenstoff weiter und schlinge ihn wie von Geisterhand um den Leib des Mannes.
Sie nickte noch einmal und setzte dann ihre Reise fort.

Das Licht kam endlich näher. Nicht so schnell, wie es sollte, so als werde der Träger zwar langsamer, aber bliebe dennoch nicht ganz stehen. Aber es kam näher.
Ihr Kleid war durch das Unterholz zerrissen und hing ab den Knien in Fetzen, klebte ansonsten klatschnass an ihrem Leib. Sie zitterte wie Espenlaub, ihre Füße waren rötlichbraun verkrustet und nur leidlich gelangte sie noch vorwärts.
Doch das Licht kam näher.
Das war alles, was zählte.
Alles. Was zählte.

Sie erreichte es auf einer großen Lichtung. Es war hell, viel heller als sie gedacht hätte, viel heller als sie für möglich gehalten hätte. Aber da war es. Ausgezehrt und verfroren tat sie einen Schritt hinaus auf die Fläche.
Sofort merkte sie, dass der Boden trügerisch war. Sie sank bis zum Knöchel hinein und leichte Wellen breiteten sich auf dem aus, was sie gerade noch für moosige Erde gehalten hatte. Aber das Licht, es war so schön.
Sie tat weitere Schritte. Die Kälte war ihr egal, ihre Beine wärmten sich bereits mit jedem Schritt wieder. Ihre Schuhe waren ihr egal, denn jeden Schritt, den sie tat, machte sie auf dem weichen, verzeihenden, zärtlichen Boden, der nun bereits ihre Hüfte umspielte. Ihre Laterne brauchte sie nicht mehr, denn sie hatte das Licht gefunden.
Als sie es letztlich erreichte, verloren alle anderen Hürden ihres Lebens jedwede Bedeutung. Der Quell des Lichtes schloss seine sanfte Umarmung um sie, seine Finger strichen über sie hinfort und als sie ihre Lippen öffnete, drang nicht einmal mehr ein Seufzen zwischen ihnen hervor.

Leicht wehte der Mantel über einer Weide.
Farn streifte leicht über ihre Stiefel hinweg.
Ihre Laterne stand am Fuße einer alten Eiche mit verwucherten, kranken Wurzeln.
Und dann, kurz nach Mitternacht, verlosch das kleine Licht, das darin brannte.

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