Das Geheimnis des vermachten Buches

Hallo zusammen!

Habt ihr Weihnachten gut überstanden? Wenn ich die Besucherzahlen richtig lese, haben erfreulich wenig Leute Heiligabend am Rechner gesessen, aber dann erfreulich viele Leute am 25. 12. auch die Zeit gefunden, meine Kurzgeschichte hier zu lesen. Sehr schön.

Für heute habe ich aber noch mal ein ganz eigenes Thema. Es ist (mal wieder) eines, das mir sehr am Herzen liegt. Und wie dann immer wird es länger.
Es wird ja oft darauf verwiesen, dass Leute bei neuen Medien den Fehler machen, immer nur eine Analogiebildung zum alten Material zu suchen, aber erst nach langer Zeit auf neue Ideen kommen. Siehe digitale Musik – es ist erstaunlich, wie lange es gedauert hat, bis eines der entscheidenden Argumente überhaupt, nämlich der Kauf einzelner Lieder statt ganzer Alben, überhaupt bis in die Köpfe vorgedrungen ist.

Im Bereich eBooks beginnt dieses Denken langsam, im Bereich „Book on Demand“ scheint hingegen derzeit vor allem der Gedanke vorzuherrschen, die bedarfsgedruckten Bücher als Brückenlösung zwischen digitalem Buch und dem traditionellen Weg zu sehen. Da wird auf die Möglichkeiten hingewiesen, wie bei einem großen Verlag zu veröffentlichen und darauf, dass es wenig kostet, große Publikumsbereiche zu erreichen. Und das ist auch alles gleichermaßen wahr, gut und mir sehr lieb.
Aber es endet ja nicht damit.

Genauso wie es einfach und bezahlbar ist, über Anbieter wie Lulu oder meine Präferenz BoD Bücher für den breiten Markt herzustellen, so ist es auch einfach, Bücher in winzigen Stückzahlen herzustellen.
Das ist mehr „ein Novum“ als man auf den ersten Blick meint. Sicher, an sich war das traditionell weniger erstrebenswerte Äquivalent zu einem professionell verlegten Buch immer der Druck in Kleinauflage. Der Autor, der selber in Kleinauflage drucken lässt, hat daher auch immer noch ein wenig den Ruf des Dilettanten an sich haften. Aber auch hier hat sich etwas verändert: Die Qualität.
Es gibt rein von der Fabrikationsqualität her absolut keinen Unterschied zwischen beispielsweise Einfach Filme machen, was nach wie vor mein mit Abstand erfolgreichstes Buch ist (Danke übrigens, all ihr Weihnachtskäufer!), und Ballett im Bunker, dessen Auflage für alle Ewigkeit auf 14 handnummerierte Stück begrenzt sein wird. Schlicht, weil es aus dem gleichen Werk kommt. Die Einzelexemplare kosten aber, wenn man von einer gleichen Ausstattung ausginge, in beiden Fällen das gleiche. Und das ist ein Novum.
Eines, das ganz neue Optionen eröffnet.

Vielleicht nicht zwingend wirtschaftliche Optionen. Wobei man natürlich sagen muss, dass „Limited“, „Special“ und „Collector’s Editions“ sicherlich den jüngeren Medienmarkt nicht wenig geprägt haben. Aber dennoch, die Idee hier zielt auf eine ganz andere Ebene ab.
Denken wir uns das ganze als Szenario: Irgendwann in der Zukunft wühlen meine Kinder, Enkel oder irgendwer in der Liga durch meine Hinterlassenschaften, meine Bücher. Da werden sie dann sicherlich die Titel finden, mit denen ich sie Zeit ihres Lebens genervt habe, gar keine Frage. Aber man stelle sich vor, darunter steht dann noch ein Buch. Sagen wir ein aufwendiger Bildband, groß, vollfarbig, glänzende Seiten. Ein Buch, dass sie so noch nie gesehen haben und das, in seiner ganzen Konzeption, neugierig macht.
Als Grundidee ganz spannend, oder?

Sicher, die Idee macht ein paar eher dreiste Erwartungen. Etwa, dass sich jemand für den Nachlass interessiert. Aber ich nehme mal an, wenigstens bei der eigenen Familie kann man das unterstellen. Und dann auch, dass sie das Buch interessiert. Das ist natürlich nie garantiert.
Aber ich finde, ein solches Buch hat immensen Reiz. Hohe Produktionsqualität, auch in der Gestaltung, bedeutet hoher Aufwand. Aber wenn es das Buch nur ein Mal gibt, was war es dann, was diesen Aufwand gerechtfertigt hat? Wenn der Inhalt sich nicht gleich erschließt, oder wenn er vielleicht inhaltliche Fragen aufwirft, dann macht es das doch nur umso spannender, oder?

Ich mag ja durchaus die Idee von Rätseln oder Fragen, deren Lösung Leute mit ins Grab nehmen. Ich bin weder bei dem einen noch dem anderen Experte, aber ob nun Fermats letzter Satz oder Poincarés Vermutung, es ist irgendwie reizvoll, dass man etwas hinterlässt, was posthum Leute noch beschäftigt.
Nur geht es mir weniger um großläufige Thesen von immenser Bedeutung, sondern mehr einfach darum, ein bisschen Spiel mit „Wer war er (bzw. bei anderen ggf. sie) eigentlich?“ zu betreiben. Wirklich als Spiel. Keine große Botschaft, keine große Wahrheit … außer vielleicht einen Aspekt, einen Gedanken, eine Seite von einem selbst zu inszenieren, die andere eventuell so gar nicht kennen.
Sicherlich ist das etwas, was man auch anderweitig machen kann. Handgeschriebene Bücher oder etwa Koffer, Kartons und Kisten mit Andenken können das auch, nur als Beispiel. Aber zwei Dinge sind anders: Der hochwertige Druck gibt dem Ganzen etwas Intentionale. Und vielleicht noch wichtiger: Es ist bewusst und vollständig konstruiert. Je nach Können bis ins kleinste Detail.

Ich für meinen Teil, oder sagen wir „der komische Künstlertyp in mir“, ist ungeheuer angefixt von dieser Idee. Und dabei bin ich durchaus willens, das noch ein kleines Stück voran zu tragen. Gemeinsam mit einer nicht näher benannten Freundin werde ich – ich sage mal vorsichtig – ab dem kommenden Jahr an einem Fotoband arbeiten. Wobei man aufgrund des umfassenden Gestaltungskonzeptes wohl auch Artbook sagen kann. Ich werde den nach diesem Post wohl bestenfalls sporadisch, vermutlich sogar nur ein Mal noch bei Fertigstellung erwähnen. Der Band wird limitiert sein … und zwar auf die Anzahl der Beteiligten, also vermutlich uns beide. Es wird, das ist im „on demand“-Bereich ja möglich, jedem Buch eindeutig zugewiesen sein, wessen Exemplar es ist. Er wird vom Aufwand her deutlich über meinem Durchschnitt liegen, sowohl was den Aufwand der Fotos wie auch den des Layouts betrifft. Und wenn überhaupt werde ich wohl mal ein Foto oder so davon online zeigen. Also eines des Buches, keines daraus.
Und es wird definitiv Fragen aufwerfen für die, die darin blättern werden.

Grundsätzlich gibt es wohl zwei Varianten, wie man auf die Idee reagiert. Entweder man findet sie doof, das kann ich mir vorstellen, oder es geht einem wie mir. Bei mir war es, als der Gedanke kam, als hätte etwas „klick“ gemacht. Die Idee fühlte sich einfach richtig an. Und die Idee einen riesigen Aufwand nicht für ein möglichst großes, sondern sehr privates Publikum zu machen ist auf ihre Art umso reizvoller.
In gewisser Weise ist glaube ich der Gedanke, dass in unserer Zeit, in der alles eigentlich immer und überall verfügbar ist, etwas nicht einfach verfügbar ist, eine reizvolle Idee. Das zeigt sich in den zuvor genannten limitierten Editionen, die natürlich irgendwie aufgrund ihrer großen Zahl schon wieder ad absurdum geführt werden. Aber beispielsweise auch in dem Videospielprojekt „Chain World“, das exakt auf einem einzigen USB-Stick existiert und insofern nur in einer einzigen Instanziierung und nur rein physisch getauscht werden kann – wen das interessiert, in der Wired 19.08 war ein spannender Artikel dazu, den es auch mittlerweile online gibt.

Doch zurück zu dem Buch. Das ist kein Projekt einer Art, wie ich mir vorstellen kann, ein zweites Werk anzugehen. Schleier aus Schnee, Die blaue Gans und Konsorten werden natürlich daraufhin ausgelegt sein, möglichst viele zu erreichen. Genauso wie die hoffentlich noch vielen Nachfolgeprojekte. Und ich hoffe sehr, dass es auch immer viele geben wird, die erreicht werden wollen. Denn ich werde ja nicht müde, zu betonen, das nichts trauriger ist als ein Künstler, gleich welchen Mediums, ohne Publikum.
Aber der Gedanke, in diesem Gesamtfundus „Lebenswerk“ etwas gemacht zu haben, was nur für seine Nächsten, Engsten und Liebsten ist, was aber zugleich qualitativ einem professionellen Werk in nichts nachsteht, vielleicht sogar im Gegenteil, der ist ungeheuer reizvoll.

Oder nicht?

Viele Grüße,
Thomas

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s