Haben Sie schon mal über die vordersten Seiten eines Buches nachgedacht?

Hallo zusammen!

Was findet man vorne in einem Buch? Triviale Frage, oder?
Viele Bücher haben ein Inhaltsverzeichnis, die meisten modernen Bücher haben ein Impressum und manchmal gibt es ganz am Anfang eine Zusammenfassung des Inhalts. Richtig?
Richtig.
Aber davor? Was kommt davor?

Schauen wir uns das doch mal an!

Gehen wir mal von einem Hardcover-Exemplar aus, denn das ist ja im Grunde der Klassiker. Zumal es auch einfach mehr zu entdecken gibt. Zu den Themenfeldern des Einbands komme ich mal wann anders – schlagen wir doch mal ein Beispielexemplar auf.

Umschlag-Innenseite des ersten Lemony-Snicket-Romans "The Bad Beginning

Nebenstehend sieht man, was sich einem enthüllt, wenn man „The Bad Beginning“ aufschlägt, den ersten Band von „Lemony Snicket’s Series of Unfortunate Events“. Ohnehin ein sehr liebevolles Buch. Ich hab es aber ausgesucht, weil es sehr typisch ist. Dort sieht man ein Blatt, offenbar mittig gefaltet, dass sich vom vorderen Deckel – also dem Cover – bis zum Buchblock spannt. Dies ist das Vorsatz. Bevor jemand zum Kommentarfeld greift – ja, das Vorsatz.
Es gibt eine ganze Menge Begriffe, um das weiter zu klassifizieren, von denen ich mal hier noch besonders die Doublure erwähnen will. Die – gerne auch völlig eingedeutscht Dublüre geschrieben, was mir persönlich aber irgendwo das Hirn schmerzen lässt – bezeichnet eine geschmückte Innengestaltung. Das leitet sich davon aber, dass der Schmuck des Einbandes gedoppelt (frz.: „doubler“) wird.

Umschlag-Innenseite der aktuellen Auflage von "Maigret und Pietr der Lette"

Während da in älteren Büchern tatsächlich vor allem florale Muster und dergleichen dominieren, kann man in heutigen Büchern dort noch eine ganze Menge anderer Sachen vorfinden. Relativ beliebt sind Karten, wie etwa im Falle von Simenons „Maigret und Pietr, der Lette“ (rechts nebenstehend), oder aber einfach grafische Werke zur Einstimmung auf das Buch selber, wie am Beispiel der französischen Tim-und-Struppi-Ausgaben zu beobachten (unterhalb).

Umschlaginnenseite von "Les Cigares du Pharaon"

Der Schmutztitel meiner Shakespeare-Gesamtausgabe

Geht man weiter vor, so stößt man in der Regel zunächst auf eine Seite, auf der sehr schmucklos nur der Titel des Werkes vermerkt ist. Nehmen wir ab hier „William Shakespear: The Complete Works“ als Beispiel, denn das Buch macht noch etwas anderes, sehr klassisches. Aber der Reihe nach. Diese schmucklosere Seite nennt man Schmutztitel, ein Begriff aus einer Zeit, als Bücher noch nicht durch Einbände geschützt waren und der daher recht wörtlich zu verstehen ist.

Auf der linken Seite ein Frontispiz, rechts die Titelseite

Eine Seite vorangeblättert stößt man auf die in der Regel hübscher oder größer aufgemachte Darstellung des Titels. Dort werden oft Autor, Titel, Verlag und Ort genant, wobei nichts davon zwingen ist; die Seite nennt man daher konsequent Haupttitel oder Titelseite.
Interessant und Grund für eben dieses Beispiel ist die Abbildung Shakespeares auf der vorigen, der zweiten Seite – also der Rückseite des Schmutztitels.
Heute findet man dort oft Autorenvita oder eine Zusammenfassung des Buches, manchmal auch eine Übersicht über andere Titel des gleichen Verfassers oder etwas in der Art. Früher war es wesentlich klassischer, den Verfasser durch ein Symbol oder eine Illustration zu kennzeichnen. Manchmal fand man dort auch eine Zeichnung, die zum Inhalt des Buches passte. Man nennt diese Illustrationen Frontispiz; der Begriff leitet sich vom französischen „frontispice“ ab, Stirnseite, das wiederum aus dem Lateinischen herkommt. Direkt aus dem Lateinischen kommt hingegen die Bezeichnung als Vakatseite, wenn sie absichtlich leer bleibt. Das kommt von „vacare“, also „leer sein“; Vakatseiten gibt es nicht nur am Anfang eines Buches, aber das wird ein anderes Mal Thema sein.

Links Impressum, rechts das Inhaltsverzeichnis

Die nächste Doppelseite führt in bekanntere Gefilde. Links das Impressum, rechts das Inhaltsverzeichnis; oder in diesem Falle, der Beginn des Inhaltsverzeichnisses.
Dieser Block von Schmutztitel bis Impressum– sowie eventuelle Zusätze wie das Inhaltsverzeichnis in diesem Falle, die sich je nach Buch dort noch einfinden können – nennt man übrigens die Titelei. Die Titelei ist bereits Teil der eigentlichen Buchseiten; das bedeutet, in der Regel zählt der Schmutztitel als Seite 1, weshalb Romane beispielsweise oft auf Seite 5 oder 7 beginnen. Zumindest in diesem Falle ist der Shakespeare übrigens ein schlechtes Bespiel und macht es anders.
Allerdings werden die Blätter zwar mitgezählt, die Titelei wird in der Regel nicht jedoch paginiert, das heißt es sind dort keine Seitenzahlen zu finden.

Das sind sie also – die ersten Seiten eines Buches. Und wie so manches andere auch am Objekt Buch, so gehören wohl auch sie zu den Sachen, mit denen jeder, der gerne liest, viel und oft zu tun hat, aber über das nur eine Minderheit sich wohl jemals bewusste Gedanken gemacht hat.

Und ihr seid nun ein Teil dieser Minderheit. Willkommen im Club.

Viele Grüße,
Thomas


Bibliographie der Bildquellen:
Hergé: Les Aventures de Tintin * Les Cigares du Pharaon. o.O.: Casterman 2006. Bei Amazon kaufen.
Shakespeare, William: The Complete Works. New York: Gramercy Books 1997. Bei Amazon kaufen.
Simenon, Georges: Maigret und Pietr der Lette. Sämtliche Maigret-Romane Band 1. Zürich: Diogenes 2008. Bei Amazon kaufen.
Snicket, Lemony: The Bad Beginning. A Series of Unfortunate Events, Book the First. New York: HarperCollins 1999. Bei Amazon kaufen.

8 Gedanken zu “Haben Sie schon mal über die vordersten Seiten eines Buches nachgedacht?

  1. Pingback: Restebloggen (80) « überschaubare Relevanz

  2. Hallo,
    wirklich ein sehr schöner Beitrag.
    Danke. Ich freue mich immer, wenn ich noch was lernen kann.
    Übrigens haben auch die deutschen Ausgaben von „Tim und Struppi“ eine graphische Doublure.
    Gruß
    Jürgen Schulze

    • Hallo Jürgen und danke für das Feedback!
      Ich hab zumindest das tapfere Ziel, dieses Jahr auch wieder häufiger derartige Beiträge zu schreiben, nachdem ich fast ein Jahr nicht dazu gekommen bin. Aber da gibt es so viel zu entdecken rund ums Buch, wäre eine Schande, die Chance nicht zu ergreifen. Und ich erkläre ja auch so gerne :)

      Die deutschen Ausgaben kenne ich tatsächlich quasi nicht. Die hab ich zwar als Kind gelesen, aber wo ich schon mein Französisch vor einer Weile wieder aufgearbeitet habe, schaffe ich sie mir nun halt direkt im Original an :)
      Schaue ich mir beim nächsten Ladenbesuch aber auch mal an!

      Viele Grüße,
      Thomas

  3. Ich fands auch sehr interessant zu lesen.

    Irgendwie hab ich mich schon immer gefragt, wieso bei Büchern die Nummerierung erst bei Sieben oder Acht los geht. Auf den logischen Gedanken, dass man die nicht nummerierten Seiten auch mitzählt, bin ich nicht gekommen – herrje, manchmal steht man ziemlich auf dem Schlauch.

    Vielen Dank für die Aufklärung^^

    Es grüßt das Lonster

  4. Pingback: Bücher über alles » [Buchsplitter] 20. Januar 2012

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