Aus Liebe zum Detail

Hallo zusammen!

Heute was aus der Kategorie „Gedankengänge“, aber mal schauen, ob ich das nicht auch kurzfassen kann es wird also mal wieder etwas länger. Es ist auch mehr ein Fall von „laut gedacht“ und weniger eine richtige These, aber es ist ein Thema, das mich schon geraume Zeit beschäftigt.
Ich bin mir unsicher, ob es älter ist als die Arbeit als Lektor; ich bilde mir das schon ein, aber andererseits ist das auch schon wieder eine ganze Weile und das menschliche Gedächtnis ist ja eher nur bedingt gut was Präzision über weitere Zeiträume anbelangt.

Worum also geht es?
Es geht um die kleinen Details.

Ich bin Perfektionist. Das schrieb ich schon häufiger, da warne ich auch manchmal Leute gerne vor, wenn sie mit mir zusammenarbeiten müssen, aber gerade halt wenn es um die winzigen Kleinigkeiten geht, dann packt mich manchmal ein brachialer Ehrgeiz. Dann exportiere ich auch eine Satzdatei lieber noch mal neu, weil ich sehe, dass auf Seite 22 eine Überschrift einen halben Millimeter tiefer sitzt, als sie sollte. „Ich hab das unter Kontrolle“ sag ich mal, ich kann ja auch monatlich Die Tröte veröffentlichen und weiß, dass der geringe Vorlauf niemals nie reicht, alle Fehler zu kriegen. Das bereitet mir keine körperlichen Schmerzen … na ja, schon … aber ich kann damit arbeiten.

Zurück zum Thema. Auch wenn ich einen unerreichbar hohen Anspruch an meine eigene Arbeit lege, so tue ich das nicht zwingend bei anderen. Tippfehler in Büchern ärgern mich genauso wie andere Schludrigkeiten im Alltag, aber ich weiß, dass die passieren.
Ein guter Freund weist mich auch immer wieder darauf hin, dass ich völlig nicht zeitgemäß sei mit meiner Überzeugung, Qualität produzieren zu wollen, aber ich bin nun mal so und kann auch besser tief in der Nacht noch Blogposts schreiben, als das Gefühl zu haben, nicht mein Bestes gegeben zu haben.

Stutzig aber werde ich immer, wenn es diese Fälle sind, in denen man merkt, dass jemand im Grunde auf dem richtigen Weg war, aber dann am Ende einfach nicht völlig nachgedacht hat. Und das sind immer diese Moment, an denen ich mich frage, warum um alles in der Welt da so viel Potential verschenkt wurde. Das klingt jetzt sehr hochgeistig, aber das kann ganz alltäglich sein.
So war ich vor einigen Tagen im Hirschcenter einkaufen; dem einzigen Einkaufszentrum in Aachen, in das ich gerne gehe. Dort war der Schnee geräumt worden und ein Angestellter hatte nicht nur einen Weg quer am Haus vorbei freigelegt, sondern sogar die etwas stiefmütterliche Treppe für die wenigen Fußgänger wie mich geräumt. Aber: Er hatte sie auf der Seite geräumt, die kein Geländer hat.
Das ist doch vollkommen widersinnig und hat, mit der Macht von wahlweise Eisesglätte oder ungeräumten Stufen, alle gute Intention negiert.

Oder: In jenem Hirschcenter gibt es eine Filiale der Boutique Müller. Die hat, was nicht so ganz bekannt ist, eine recht gute Film-Abteilung, weshalb ich da gerne mal reinschaue; und dort gibt es das kostenlose Heft „mbeat“. Die „mbeat“ ist manchmal zu einigen journalistischen Abenteuern fähig, wenn etwa die nächste Staffel „Stromberg“ auf DVD eine gute Bewertung kriegt mit der Ansage, man habe sie noch nicht gesehen, aber die letzte wäre ja auch gut gewesen (!), was auch schon dazu führte, dass eine Freundin mir jüngst sagte, das sei doch für mich eine Art der intellektuellen Selbstkasteiung – aber an sich lese ich das immer recht gerne.
Darin wurde „Skyrim“ besprochen, das Computer- bzw. Videospiel. Der Bericht war nicht sehr tiefgehend, aber an sich durchaus gut aufgemacht. Wenn sie das Spiel nicht wiederholt darum „Sykrim“ genannt hätten. Das ist vollkommen unnötig und lässt auf eine relative Laissez-Faire-Haltung schließen, die viel von dem guten Eindruck direkt wieder erlegt.

Aber es gibt so viele Ausrutscher in diese Richtung, oder in eine andere, wo man dann merkt – ich denke, das ist der Knackpunkt – dass zwar irgendjemand schon irgendwie bei der Sache war, aber er sich einfach keine Mühe gegeben hat.
In meiner Küche steht eine Dose des Enerydrinks der Coca-Cola-Company, der auf den ziemlich „krassen“ Titel „Relentless“ hört. Was fällt da auf?

Rechnen mit der Coca-Cola-Company

Zum einen hat mutmaßlich bei denen auch keiner mal die Sekundärbedeutungen nachgeschlagen (Webster Third New International Dictionary defniert das u.a. als „mercilessly hard or harsh“; super, genau das will ich trinken), zum anderen ist da auf der Dose etwas ganz bemerkenswertes zu lesen: Sie enthält 485 ml. Und das entspricht, laut der Dose, ca. 2 Gläsern zu 250 ml (siehe nebenstehendes Foto).
Nun, liebe Firma … nein. Das entspricht einfach nicht einander. Nein.

Oder, so als letztes Beispiel: Ich hab mir die Tage ein kleines Kondensator-Mikrofon gekauft. Das kommt sogar mit einer kleinen Hülle einher, da es aufgrund seiner kompakten Bauweise perfekt geeignet ist, um es etwa auch bei Messen, auf Reisen, bei Vorträgen und dergleichen griffbereit zu haben. Das Mikrofon passt auch perfekt in die Hülle hinein.
Also tat ich es hinein, schloss sie, freute mich … und blickte dann auf das USB-Kabel. Das beim Gerät dabei war. Das zwingend notwendig ist. Ohne dieses Kabel (oder ein technisch gleiches, halt) macht das Mikro nichts. Aber das passt nicht mit in die Hülle.
Argh?

Solche Dinge ärgern mich. Wohlstands- und Luxusprobleme mag man einwenden, vermutlich zu Recht. Aber es sind halt vor allem alles Dinge, wo entweder nachlässig gearbeitet wurde, oder aber jemand zwar eine gute Idee hatte, aber sie einfach niemand zu einem Ende denken wollte. Was vermutlich auf das gleiche hinausläuft.

Ich bin nicht der einzige, dem das so geht. Seth Godin – generell spannender Kerl – hat im Rahmen der GEL 2006 einen tollen Vortrag gehalten, den ich mir sehr zu Herzen genommen habe. Es geht um genau solche und artverwandte Fälle – bzw. um die Frage, wann denn Dinge „broken“ sind, also wörtlich „kaputt“.
Es ist ein guter und interessanter Vortrag. Ich weiß nicht, ob ich den hier schon einmal verlinkt habe, aber falls nicht, unbedingt mal anschauen. Und falls doch … na ja, der ist auch beim zweiten Mal noch unterhaltsam.

So, nun aber genug für heute. Wichtig ist mir nur noch zu erwähnen, auch wenn ich weiter oben mal „Argh“ schrieb, dass es mich weniger in dem Sinne ärgert, dass es mich zornig macht. Es füllt mich vielmehr einfach mit Unverständnis. Mit Unverständnis, und der Frage, warum andere Leute offenbar in diesem Punkt halt einfach anders zu funktionieren scheinen als ich.
Ich kenne die rationalen Argumente im Sinne von „Warum für 99% Qualität 100% Einsatz geben wenn ich auch 80% Qualität mit 60% Einsatz bekomme“ und so, aber ich könnte das glaube ich einfach nicht.
Könnt ihr das?

Aber nun gut, ich wünsche euch einen schönen Tag!
Nächstes Mal: Zwischenstände!

Viele Grüße,
Thomas

4 Gedanken zu “Aus Liebe zum Detail

  1. Ich versuche es mit dem goldenen Mittelweg – ich arbeite zwar nicht gerne schluderig, kann das aber dem gewollten Ergebnis anpassen.
    Wenn ich beispielsweise einen Blogeintrag mache und nach 2x Korrekturlesen und Veröffentlichung am nächsten Tag feststelle, dass immer noch 3 Kommas fehlen und 2 Worte nicht groß geschrieben sind, lasse ich das meistens einfach so stehen, weil ich davon ausgehe, dass 90% der Leser es sowieso überlesen und die die es bemerken, es mir wohl vergeben werden.;)
    Bei einem Text, Buch oder ähnlichem achte ich schon recht akribisch auf Details, aber finde mich innerlich auch damit ab, dass ich nie 100% aller Fehler finden werde…
    Solange man sich nicht völlig bekloppt macht für Details, die nacher sowieso niemand beachtet, ist doch alles in Ordnung, oder?:)
    VLG Ela

    • Also grundsätzlich, ja, solange ist alles in Ordnung.
      Aber im Zweifelsfall gilt es halt auch, selber damit zufrieden sein zu müssen. Und natürlich weiß ich, dass Fehler passieren und ich weiß auch, dass vieles, was mir auffällt, anderen niemals in den Sinne käme.
      Vermutlich sogar bei meinem Beispiel oben mit „Sykrim“ … ich vermute gemäß der „Wenn der erste und der letzte Buchstabe stimmen, erledigt das Hirn schon den Rest“-These werden viele das einfach überlesen haben.

      Aber ich kann die Erkenntnis, dass ‚fehlerfrei‘ ein letztlich fast unerreichbares Ideal ist, zwar vielleicht als Prämisse menschlicher Arbeit tolerieren, aber kann es als nicht als Maxime meines Handelns akzeptieren (wow, heute mal fachwortig hier, ey ;)). Mir ist auch bewusst, dass das letztlich in den meisten Fällen dazu führen wird, dass ich mehr tue, als ich an sich tun müsste oder als vielleicht auch von außen von mir erwartet wird.
      Aber ich habe halt den Anspruch, kein perfektes, aber ein „möglichst perfektes“ Projekt abzuliefern.

      Doch, das schrieb ich im Artikel ja schon, das erwarte ich gar nicht vom Rest der Welt. Und das wiederum sage ich gar nicht irgendwie von oben herab, sondern mehr im Sinne von „kann ja nicht jeder den selben Dachschaden haben wie ich“ ;)

      Viele Grüße,
      Thomas

  2. Aber das steht doch CA. 2 x 250 ml ;) Da kann man dem armen Menschen, der das verbrochen hat doch keinen Vorwurf draus machen. Er war sich halt nicht sicher und hat deshalb extra einen ungefähren Wert angegeben *hust*…

    • Ich wüsste halt echt gerne, wo es passiert ist.
      Ein entsprechender Eintrag mit „6 x [Glassymbol]“ ist auf der 1,5-Liter-Flasche in meinem Kühlschrank ja auch drauf. Ist es also ein Layouter gewesen, der ob der obskuren Füllmenge einfach in der ‚corporate identity‘ hängen geblieben ist, oder ob das noch mal eine andere Quelle hatte.

      Aber ich gehe davon aus, dass es, gemäß der Varianten, die in dem verlinkten Vortrag von Godin erwähnt werden, definitiv ein Fall von „not my job“ sein dürfte ;)

      Viele Grüße,
      Thomas

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