Haben Sie schon mal über die Ausrichtung von Buchrücken nachgedacht?

Hallo zusammen!

Es ist mal wieder Zeit, eine dieser manchmal heimlich gestellten, sich aber selbst vermutlich noch viel öfter gefragten Fragen rund ums Buch ins Licht zu zerren. Diese hier ist empirisch sogar besonders leicht einzuleiten, sofern man selber ein, zwei Regale mit Büchern hat – aber ich will mal ein Beispiel aus meinem Schrank anbringen.

Ein Teil meiner Film-Theorie-Literatur; gut erkennt man die unterschiedliche Textausrichtung auf deutschen und englischen Buchrücken

Nebenstehend sieht man eines meiner Regalfächer mit der Film-Theorie-Literatur. Und wenn man jetzt so mit dem Blick die Buchrücken lang fährt, so stellt man schnell man schnell eine Diskrepanz fest, die man wie gesagt in nahezu jedem Buchregal wird finden können: In einigen Fällen verläuft die Schrift von unten nach oben, so dass man den Kopf nach links neigen muss, um es ordentlich zu lesen, in anderen Fällen von oben nach unten, so dass eine Rechtneigung notwendig wird.
Nur, wie kommt das?

Zunächst mal muss man weiter festhalten, dass eine Bestandsaufnahme schnell zeigt, dass es sich dabei um ein Phänomen handelt, das je nach Land anders ausfällt. Es ist kein Zufall, dass hier die deutschen Bücher in die eine, die englischen Bücher in die andere Richtung geneigt stehen. Es gibt zwar Ausnahmen, doch alles in allem kann man aus diesen Ausrichtungen durchaus die Regel ableiten. Natürlich gibt es dann als dritte Variante noch Bücher, die dick genug sind, um den Titel horizontal aufzubringen (etwa „1001 Filme“ auf dem Foto, ganz rechts) sowie einige andere Ausnahmen, aber die will ich hier erst einmal außen vor lassen.

Frank Herbert: Dune. Englischsprachige Ausgabe.

Schauen wir also einmal, was die Vorzüge beider Varianten sein könnten. Die angelsächsische Version punktet vor allem, wenn das Buch auf dem Tisch liegt. Dann kann nämlich das Cover nach oben zeigen und zugleich der Text auf dem Buchrücken gelesen werden. Meine englische „Dune“-Ausgabe macht das rechts soweit hübsch vor. Wer häufiger Bücher herumliegen hat, wird das schnell bemerkt haben und wer perfektionistisch veranlagt ist, wird vermutlich bei deutschen Titeln daran verzweifeln, dass es, wie man es auch legt, irgendwie verkehrt ausschaut.

Frank Herberg: Dune. Deutschsprachige Ausgabe.

Was uns zu dem nebenstehenden Bild bringt, meiner deutschen „Der Wüstenplanet“-Ausgabe nämlich. Das Problem wird sofort sichtbar – wobei man auch gelegentlich liest, dieser „Bug“ sei ein „Feature“, weil es dazu führe, dass egal wie das Buch liegt, immer eine der beiden Informationsflächen lesbar sei, entweder das Cover oder der Buchrücken. Denn nicht auf jedem Backcover steht drauf, was für ein Buch es ist.
Weil ich das aber für eine ziemliche maue Erklärung halte, hab ich mal weiter recherchiert und schon vor Jahren hier mal in einem Kommentar auf eine Theorie hingewiesen, die zwar esoterisch anmutet, aber zugleich zu oft auftaucht, um einfach ignoriert zu werden.

Wir westliche Menschen lesen ja von links nach rechts bekanntermaßen. Das hat, zunächst einmal, noch keine Bewandnis, bis man ein obskures Stück Trivia mit einbezieht, dass man so erst mal einfach als gegeben nehmen muss: Statistisch gesehen neigen Leute eher dazu, ihren Kopf zum Betrachten einer ganzen Reihe von links nach rechts in die linke Richtung zu kippen. Hat man aber nun erst einmal den Kopf nach links geneigt, so kann man die von unten nach oben geschriebenen Buchrücken bequem lesen, die typisch angelsächsisch ausgerichteten Texte dagegen nicht.
Nimmt man also diese Prämisse mit der Links-Neigung als gegeben an, so erkennt man in der Tat einen praktischen Nutzen in der hiesigen Version, sofern das Buch wirklich aufrecht im Regal steht.

Sagt man dazu „Nein“, wird es allerdings schnell kompliziert und letztlich unlösbar. Einige Textstellen sprechen davon, dass sich das aus der Art und Weise hergeleitet habe, wie im Ingenieur-Wesen und bei architektonischen Skizzen Vertikaltext angebracht würde, aber bestenfalls verschiebt das nur weiter die Frage, warum man das dort so macht.
Wieder andere sprechen von einer Mischung aus Willkür und „Das haben wir doch schon immer so gemacht“, was zu gleichen Teilen frustrierend und wahrscheinlich sein kann.

Ich für meinen Teil finde beide Ansätze ganz griffig – der Vorteil der Lesbarkeit bei den englischen Titeln, wenn sie auf dem Tisch liegen und die leichtere Lesbarkeit bei den deutschen Titeln, wenn sie im Regal stehen.
Und während ich an dieser Stelle nun ausnahmsweise keine ultimative Wahrheit bieten konnte, so beantwortet es die Frage hoffentlich dennoch, so gut man sie denn halt beantworten kann.

Viele Grüße,
Thomas

Bibliographie der Bildquellen:
Herbert, Frank: The Great Dune Trilogy. London: Gollancz 1979. Bei Amazon kaufen.
Herbert, Frank: Der Wüstenplanet. Farbig illustriert. München: Heyne 1985. Bei Amazon kaufen.

2 Gedanken zu “Haben Sie schon mal über die Ausrichtung von Buchrücken nachgedacht?

  1. Ich bin ein Fan der Variante, bei der die Schrift von oben nach unten verläuft, wie bei deiner englischsprachigen Ausgabe von Dune. Meine Begründung dazu findet sich aber nicht bei deiner Aufzählung, weswegen ich sie gerne ergänze. Ich lese vor allem Roman-Reihen und bei denen ist es relevant, die in der korrekten Reihenfolge zu lesen. Und wenn man die Bücher sortiert, so landet das erste links im Regal und das letzte rechts (und in der nächsten Reihe, etc.). Wenn ich nun links in der Reihe beginne die Buchrücken zu lesen, kann ich ohne Probleme nach rechts weitergehen, also der logischen Reihe und der gewohnten Leserichtung folgten.
    Das gilt im übrigen nicht nur für Buchrücken, sondern auch für DVDs, wie mir ein Blick in mein Regal gerade wieder bestätigte. Interessanterweise sind die Xbox-360-Spiele durchgängig mit Schrift von oben nach unten verlaufend versehen.

    • Ich kann natürlich gut nachvollziehen, dass man Reihen in der Lesereihenfolge von links nach rechts ins Regal stellt; mache ich ja auch. Spannend hingegen finde ich, dass du daraus einen Vorzug der Leserichtung von oben nach unten ableitest.
      Ist das reines Bauchgefühl?
      Ich frage deshalb, weil mein Bauchgefühl sozusagen entgegen strebt, und ich ‚typisch deutsch‘ ausgerichtete Reihen viel angenehmer zu überblicken finde als die Alternative. Ich hab beides hier, mich spricht die Variante von unten nach oben mehr an; aber wie ich schon in dem Artikel schrieb, so ist das etwas, was leider auch noch nie wirklich ausschöpfend erforscht wurde.

      Es gibt eh noch eine Handvoll Theorien, die ich übersprungen habe. Beispielsweise gibt es auch Leute, die dir zustimmen würden, aber aus anderem Motiv heraus, indem sie argumentieren, wir läsen ja auch von links nach rechts und von oben nach unten.
      Ist korrekt, funktioniert als Analogie nur nicht, weil hier die Reihenfolge vertauscht wird, denn selbst typisch angelsächsisch ausgerichtete Buchrücken liest du bestenfalls oben nach unten (Buch für Buch) und in zweiter Instanz von links nach rechts (die Reihe entlang).

      Wo ich hingegen mehr zu sagen kann sind die anderen Medien. Weder CDs noch DVDs noch BluRays haben eine Norm. Ende. Da herrscht Kraut und Rüben quer durch alle Nationen, Kontinente und Ländercodes.
      Bei der X-Box ist die Sache anders, aber auch aus einfachem Grund: Da hat Microsoft die Hand drauf; ähnlich wie vermutlich Sony bei der PS3 und Nintendo bei der Wii, aber die hab ich ja beide nicht. Aber Microsoft haben schon immer sehr viel Wert auf Corporate Identity gelegt und forcieren gewissermaßen Einheitlichkeit im Regal.
      Der Gedanke dahinter ist ja einfach: Wenn du durch den Laden gehst, eine grüne „DVD“-Hülle siehst und unterbewusst die restlichen Designmerkmale erkennst, weißt du direkt „Oh, was für die 360“ …

      Das ist aber auf jeden Fall beeindruckend, Buchverlage schaffen das ja in der Regel nicht einmal innerhalb ihrer eigenen Reihen … aber das weißt du selber gut genug, das weiß ich ;)

      Viele Grüße,
      Thomas

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