Warum manche Arbeit für mich Freizeit ist

Hallo zusammen!

Direkt vorweg: Das vergangene Wochenende, allem voran unser Auftritt in Stolberg, war absolut phantastisch! Ich kann mich nicht erinnern, bei einem Tanzauftritt unsererseits mal so viel Spaß gehabt zu haben und das ist ein Thema, das ich im Laufe der Woche auf jeden Fall noch vertiefen will.

Der heutige Einwurf kommt aber sozusagen von zwei anderen Seiten (diese definitiv etwas defekte Metapher bitte ignorieren), wenn auch er auch in gewisser Weise mit dem Thema verbunden ist. Aber am Sonntag hatte meine Mutter Geburtstag und auch dort wurde das mit dem Tanzen kurz angesprochen. Im Zuge dessen sprachen wir dann auch darüber, warum Leute so etwas eigentlich machen. Also tanzen, oder Bücher schreiben, oder Karneval auf die Bühne treten wie im Falle einiger Verwandter von mir. Und es ist ja auch irgendwie eine berechtigte Frage.

Es ist ja, wie man oft mit implizit negativem Beigeschmack hört, nicht normal, dass man das tut. Die Normvorstellung ist wohl nach wie vor eher, dass man nach seinem Arbeitstag vor dem Fernseher landet, und nicht, dass man dann noch wirklich viel Energie in andere Projekte investiert, die man zwar aus Spaß betreibt, aber die dennoch im Herzen Arbeit sind.
(Außer, dass das natürlich eine maßlos selektive Wahrnehmung seitens der Vorwerfenden ist, denn gemäß eines ewig schwankenden und nie fixierten Kodex sind manche Aktivitäten, wie Handwerken, durchaus legitim, manche, wie Modelleisenbahnbau, eigenwillig, aber okay, und andere, wie LARP, halt was für Freaks, aber ich schweife ab.)

„Ich hab so schon zu viel Stress“, heißt es dann. Oder, ganz beliebt: „Ich hätte da gar keine Zeit für.“ Und ich denke das ist beides je ein Fehler in der Einschätzung. Beginnen wir mit der Zeit – da hat Holger gerade einen schönen Blogartikel zu geschrieben. Eigentlich anlässlich des diesjährigen NaNoWriMo, aber es passt auch hier perfekt.
Es ist nicht die Zeit, die einem fehlt, es ist der Wille, dem inneren Schweinehund eins zu verpassen und sich die Zeit halt zu nehmen. Manche Leute sind was das angeht absolut hardcore; Gary Vaynerchuk etwa. Den hab ich hier ja schon mehrfach zitiert und mag viel von dem, was er tut, aber seinen Ansatz, 24/7 an 365 Tagen im Jahr immer zu schuften, den teile ich nicht. Ich denke man sollte an sich immer fleißig sein und halte Fleiß durchaus für eine Tugend. Aber man sollte das nicht in einem Maße machen, dass etwa die eigene Gesundheit darunter leidet.
Es ist, wie Holger schreibt, vor allem eine Frage des persönlichen Zeitarrangements und der Prioritätensetzung. Ich hab auch so Tage, an denen ich einfach nur vor der X-Box oder dem SNES hocken will und irgendwo zwischen „L.A. Noire“ und „Super Turrican“ entspanne. Der einzige Trick ist es, eine bewusste Entscheidung zu treffen, wie viel von dieser „Entspannungszeit“ es einem Wert ist, das Wunschprojekt zu verfolgen. Und dann muss man es einfach machen.

Ja, aber was ist mit dem ersten Einwand, mit dem Stress?
Das Paradoxon daran ist, dass ich motivierter Laufe, wenn nicht die einzige Energie, die ich investiere, allein in die beruflich Arbeit geht; selbst wenn ich dadurch insgesamt mehr investieren muss. Es ist natürlich Aufwand, jeden zweiten Freitag eine Tanztrainings-Einheit vorzubereiten. Es ist nicht viel Arbeit, aber die Musik will ausgewählt, ggf. neu angeschafft, die Tanzfolge will vorgeplant sein und dann noch alles auf dem Laptop vorbereitet, damit man es vor Ort direkt hat. Vor Ort, stimmt, da muss man ja auch noch hin.
Aber ich mache das gerne. Und es gibt mir eine Menge zurück; unterm Strich mehr, als ich investiert habe. Das ist es, denke ich, was viele Außenstehende nicht erkennen; Erfolg ist auf kommerzieller Ebene messbar, aber darum geht es bei einem Hobby ja nicht einmal. Und dieser innere Erfolg, den spürt man zwar; aber ich bin mir unsicher, ob man ihn nachvollziehen kann, wenn man ihn nicht einmal persönlich erfahren hat.

Tatsächlich aber bin ich mit meiner Einschätzung da nicht einmal alleine. Die Oktober-Wired hat einen wundervollen, auch online lesbaren kurzen Artikel, vielmehr eine Kolumne, mit dem Titel Overworked, Overwhelmed, Overscheduled? Work More veröffentlicht, und im Grunde trifft er genau den gleichen Nagel auf den Kopf.

Das wichtigste daran aber, da sind die Wired und ich, Vaynerchuk und vermutlich auch Holger uns einig, ist, dass man tut, woran das eigene Herz hängt. Dass man etwas tut, bei dem es zwar Arbeit ist, aber bei dem es sich gut anfühlt, diese Arbeit zu investieren. Weil es sich am Ende lohnen wird, aber auch, weil der Weg das Ziel ist.
Denn auch das ist noch mal ein Argument gegen den Einwand, keine Zeit zu haben. Den wenn du für das, für das dein Herz schlägt, keine Zeit hast oder aufbringen willst – ja, Mensch, wofür denn dann?

Viele Grüße,
Thomas

2 Gedanken zu “Warum manche Arbeit für mich Freizeit ist

  1. Als Mensch mit mehr Hobbies als jemals in ein einziges Leben passen werden, kann ich dazu nur aus ganz vollem Herzen sagen: JA! ;-)

    Ich bin ja so ein Mensch, der gerne auch mal in seiner Freizeit in so ein „Du musst aber noch…“ Denken verfällt – das macht auf Dauer kaputt und ist denke ich auch einer der Gründe, warum ich so 24/7 „Schaffensmenschen“ nicht zustimmen würde.
    Man muss sich eben bewußt dazu entscheiden, ich glaube da hast du einen Nagel mitten auf den Kopf getroffen.
    Ein Abend/Tag/Wochenende vor der XBox „leistet“ and messbaren, anfassbaren Ergebnissen gar nichts, kann aber genau das sein, was mein Kopf und mein Bauch gerade brauchen/wollen. Dann kriegen sie das auch. In dem Bewußtsein, dass sie sich am nächsten Wochenende vermutlich wieder für Sport, Schreiben, Malen/Zeichnen/Basteln oder sonstwas entscheiden.;-)

    Das Zeitargument kommt mir allerdings auch immer wieder vor und ist lustigerweise völlig unlogisch – wir verbringen (wenn wir Pech haben) 8-10Stunden eines normalen Arbeitstages mit Arbeit&Arbeitsweg. Nimmt man dann noch einen gesunden Nachtschlaf von 8Stunden an, hat man immer noch 6Stunden Tag übrig. Lassen wir davon mal 2 auf Frühstück und 2 auf Abendessen entfallen (und das ist wirklich SEHR großzügig gerechnet), hat man 2Stunden übrig irgendwas „Schönes“ zu tun – man muss sich eben nur entscheiden diese „Quality-Time“ auch zu nutzen.
    Ich nutze diese Zeit ab und zu dazu mich Nachmittags nochmal ne Stunde aufs Sofa zu legen und gar nichts zu tun – und selbst dann kann ich noch was anderes machen danach!;-)

    Ich glaube es ist einfach so, dass viele Menschen einfach in einem Trott stecken, der ihnen als „normal“ vorgelebt wird – Aufstehen, Arbeiten, Fernsehen, Schlafen…
    Da kommt man wohl nur raus, wenn man die entsprechende Begeisterung für andere Dinge aufbringt!

    • Ich denke auch, der Kern des Ganzen ist es, diese Dinge zu finden, für die man halt aufblühen kann. Aber zumindest meiner Erfahrung nach hat man da durchaus einen Instinkt für – man muss dem nur trauen.
      Ich war mir, abseits aller Hobbys, auch beim Studium anfangs nicht sicher. Ich bin an die Literaturwissenschaft auch vor allem gekommen, weil ich gerne las und in Deutsch gut war … das klang also sinnvoll. Außerdem fand ich Journalismus cool,, das schien da ja mit drin zu sein. Aber nachdem ich auch da meine Füße ins Wasser gesteckt hatte, war die Frage schnell geklärt: Nach den ersten 90 Minuten dort wusste ich, JA, das will ich machen.

      Aber ich glaube auch, viele Leute nehmen heute schon gar nicht mehr an, dass sie sozusagen glücklich sein können, oder etwas in ihrem Leben haben können, das sie glücklich macht.
      Es ist alt auch nichts, was einem die Massenmedien vormachen. Selbst die TV-Leitbilder, angefangen beim Tatort-Kommissar, machen uns ja vor allem vor, wie sie trotz dem Gewicht der ganzen Welt, das bisweilen auf ihnen lastet, eben doch „ihre verdammte Pflicht“ tun. Und auf jeden Sherlock oder Kreutzer (oder Mulder, wenn wir mal was weiter zurückgreifen), die ganz offenbar wirklich in dem, was sie tun, aufgehen, kommen halt Dutzende anderer.
      Und haben wir Leute, die wirklich eine Leidenschaft haben und darin aufgehen, dann finden wir auch sicher eine Casting-Show, die nicht nur die zum Narren machen wird, sondern vermutlich auch gleich Hunderten den Mut nimmt, es mal zu versuchen, weil die Wertungsrichter der Sendungen auch den eigenen, inneren Zensor tapfer mit neuem Material gefüttert haben.
      Ach, selbst bei den oben genannten Ausnahmen ist es ja letztlich so, dass gerade die als Freaks dargestellt werden; ich hätte echt gerne mal eine Statistik, wie viele Zuschauer sich sozusagen eher auf der Seite von Sherlock, und wie viele sich eher auf der Seite von Watson fühlen; jetzt mal gemäß der BBC-Serie urteilend ;)

      Darum schreibe ich ja selber auch immer mal wieder zu dem Thema, und darum bin ich über jeden Gaiman, jeden Wheaton, jede Palmer, jede Sterling und auch jeden Vaynerchuk so froh, wenn sie eben nicht nur interessante Sachen machen, sondern eben auch gleichzeitg demonstrieren, die ihr Eifer dafür letztlich ihr Leben bestimmt. Und vor allem: Wie viel sie daraus für sich gewinnen.
      Das klingt immer so schnell so furchtbar esoterisch, aber ich denke, Selbstverwirklichung ist etwas, was in unserer Kultur in den letzten 40 Jahren immer weiter reduziert wurde und zugleich etwas, was wir wirklich, wirklich brauchen.

      Viele Grüße,
      Thomas

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