Warum ich Filme mag, die ich nicht direkt ganz verstehe

Hallo zusammen!

Direkt vorweg: Das ist mal wieder eines dieser Postings, wo ich zu einem Thema schreibe; nicht, weil ich eine gezielte Botschaft habe, sondern eher, weil es Gedanken gibt, die ich einfach gerne teilen möchte. Nur, dass mir hier keiner falsche Erwartungen hat.
Dieser Tage schrieb Holger in seinem Blog über Donnie Darko, einen Film, der sicherlich die Gemüter seinerzeit gespalten hat, und das wiederum brachte mich auf die Idee, das Thema mal in seiner Gesamtheit aufzugreifen.

Welches Thema?
Das Sub-Genre der manchmal verstörenden, aber immer letztlich nicht logisch direkt zu greifenden Filme. Und allgemein eigentlich Filme und das Nachdenken über sie.

Aber fangen wir mal anders an. Ihr kennt vermutlich das Klischee des Söldners in Literatur und Film, der so trainiert ist, dass dessen Reflexe so tödlich sind, dass euch bereits der Versuch, ihn einfach nur zu wecken, das Leben kosten kann.
Auf gewisse Weise sind Geisteswissenschaftler genauso, nur weniger cool. Wer wie ich Germanistik oder etwa wie Holger Anglistik studiert hat, der hat denke ich auf ähnliche Weise ganz andere Reflexe trainiert. Nennen wir es mal den interpretatorischen Apparat.

Im Endeffekt lassen sich 90% der Unterhaltungsmedien von Buch bis Film, eigentlich auch bis Videospiel, mit einer Handvoll Annäherungsmethoden recht leicht „knacken“; jedenfalls was so die üblichen Abläufe betrifft. Es gibt etwa eine ganze Menge Grundregeln, denen die meisten Filme folgen, einfach auch, weil sie effektiv sind. Was weiß ich – rot ist psychologisch eine tolle Signalfarbe, insofern sind leuchtend rote Dinge im Bild in der Regel signifikant. Drei ist eine relativ effektive Zahl, wenn also beispielsweise das Monster gegen die im letzten Moment zugedrückte Türe rennt, dann wird vermutlich beim dritten Aufprall etwas passieren, denn beim ersten würde die Wirkung verpuffen, weil keine Spannung aufgebaut wurde und beim zweiten würde es sich „zu früh“ anfühlen, beim vierten dagegen „zu spät“ – etc.
Das kann man halt lernen.

Interessant sind aber gerade dann die Dinge, die diesen unausgesprochenen Status Quo der Filmregeln, der normalerweise mit einem Band aus gesundem Menschenverstand und basaler Logik verschnürt wird, in Frage stellen. Denn diese Filme sind nicht nur überraschend, sie sind, zumindest für mich, immer eine Herausforderung. Eine, die ich, da ich zum Glück kein besonders kompetativer Mensch bin, nicht mal ’gewinnen’ muss, um mich daran zu erfreuen.

„Donnie Darko“ ist ein guter Kandidat. Es ist durchaus möglich, ein Erklärungsmodell für den Film zu finden, wenigstens für sich selbst. Es gibt eine Art Grundgerüst von Spielregeln, denen der Film in seiner Geschichte durchaus folgt; nur sind es halt nicht die, die wir gewohnt sind. Bei dem zweiten Film des gleichen Regisseurs, dem von den Kritikern recht zerrissene „Southland Tales“, geht es mir im Grunde ähnlich, auch wenn ich mich mit dem Titel bisher weitaus weniger auseinandergesetzt habe als mit „Donnie Darko“.

Dann ist da natürlich David Lynch, der das Genre (wie auch immer man es nennen will, ich drücke mich da jetzt da mal drum) mit den meisten seiner Werke sehr bereichert hat. Das betrifft „Twin Peaks“ als Fernsehserie genauso wie etwa „Lost Highway“ oder „Mulholland Drive“ als Kinofilme, auch wenn ich da den letztgenannten im Vergleich eher schwach finde.
Aber gerade „Lost Highway“ ist so ein Film, zu dem ich eine bedingungslose Hassliebe verspüre. Ich finde ihn phasenweise fast unangenehm zu gucken, aber er ist gleichzeitig so faszinierend und genau die richtige Handbreit davon entfernt, greif- und verstehbar zu sein, um mich dennoch wieder und wieder dazu zu bringen, ihn zu schauen.
Einer der Beteiligten hat über den Film mal gesagt, er sei eine verfilmte Möbiusschleife. Das ist eine so perfekte Analogie zu dem Film, die so viel verdeutlicht und dennoch nichts erklärt, die hängt mir schon seit Jahre nach.

Auch die Filme von Darren Aronofsky können das teilweise recht gut, insbesondere „Pi“ und „The Fountain“; auch wenn letzterer ebenfalls viel, viel Prügel beziehen musste, ich sehe den unglaublich gerne und ziehe auch einfach viel eigene Inspiration aus der Reflexion über den Film. Auch Brad Andersons Filme können das anscheinend, wenigstens „Session 9“ und „Der Maschinist“, die ich selber gesehen habe, wenn sie auch nicht an die Finesse der anderen genannten Regisseure heranreichen.

Aber im Grunde braucht es gar nicht ganz so radikale Filme. All die genannten Titel brechen ja mehr oder weniger an irgendeinem Punkt wirklich 100% mit allen Konventionen; manchmal ist der Bruch aber auch subtiler.
Ich erinnere mich noch, dass ich vor einigen Jahren feststellte, dass ein Bekannter die Filme von David Fincher nicht kannte und beschloss, ihm zwei zu zeigen. Der erste, den wir schauten, war „Fight Club“ und er verfehlte seine Wirkung nicht, die Erkenntnis ob des zentralen Wendepunktes im Film – den ich hier jetzt nicht verderben will für jene, die ihn nicht kennen – schlug ziemlich ein.
Als zweites schauten wir „Sieben“, einen meiner absoluten Lieblingsfilme. Der verfehlte seine Wirkung deutlich stärker. Ich habe lange darüber nachgedacht, warum das wohl so war und kam letztlich zu dem Schluss, dass „Sieben“ zwar ebenfalls einen an sich sehr radikalen Schluss hat, aber der Bruch mit den erzählerischen Konventionen auf einer viel tieferen Ebene erfolgt. Einer, der man vielleicht gar nicht so selbstverständlich begegnet.
Mich fasziniert das ungeheuerlich. Im Grunde ist der Film ja aufgelöst, man kennt den Täter, kennt im Grunde seine Motivation und alle Opfer sind gefunden. Der erzählerische Bogen ist geschlossen, sowohl für den Täter wie auch jeweils für die Kommissare. Aber – ich formuliere das mal so Spoiler-frei wie ich kann – ab dem Moment, in dem Kevin Spacey die Polizeistation betritt, entgleitet der Film derart den vordefinierten Abläufen, dass es mich bis heute fasziniert.
Ich finde den Film deshalb hier als letztes Beispiel so wichtig, weil die meisten vorgenannten Filme in ihrer abschließenden Wirkung irgendwo im Umfeld von „Was zum Geier hab ich denn da bitte gerade gesehen?!“ liegen; das tut „Sieben“ nicht. Jedenfalls nicht, was die Handlung betrifft – mit der kleinen Ausnahme einer sehr kurzen Einstellung, die glaube ich in ihrer Analyse manches Videoband ruiniert hat. Aber wie gesagt, der Film ist abgeschlossen. Doch wie dieser Abschluss zustande kam, wie die Kausalkette funktioniert, wie all die kleinen Räder von der allerersten Sekunde der Titelsequenz ineinander greifen um letztlich zu diesem Finale zu führen, das erschließt sich beim ersten Sehen auch nicht in seiner Gänze.

Ich mag Filme, die mich denken lassen, die mir den Raum lassen, eine Meinung zu haben. Die „Was zum Geier?!“-Filme zwingen einen letztlich fast dazu, andere Filme verlocken eher auf subtiler Weise, sich ein bisschen dem Meinungsbildungsprozess hinzugeben. Aber in jedem Fall mag ich das, ob nun im Film oder im Buch.
Ich vermute, das wird man Schleier aus Schnee und den Weltenscherben auch anmerken; allerdings dosiert, also keine Sorge, nichts davon wird ein geschriebener Lynch sein.

Ich habe ja vorgewarnt, dass es kein wirkliches Fazit gibt. Aber vielleicht war der Text für den einen oder anderen ja zumindest ein bisschen Reflexionsfläche. Ein Anreiz, der eigenen Meinung ein wenig nachzuspüren. Würde mich freuen.
Oder es ist einfach ein Anreiz, während einem der Weihnachtstage noch mal einen „dieser“ Filme in den Player zu legen. Auch das kann eigentlich nie verkehrt sein.

Viele Grüße,
Thomas

Ein Gedanke zu “Warum ich Filme mag, die ich nicht direkt ganz verstehe

  1. Ein wenig verspätet, aber ich komme jetzt erst leider so richtig dazu zu antworten: Absolute Zustimmung in recht vielen Dingen! Gerade das mit dem „Interpretationsreflex“, den man sich als Philologe aneignet … es fällt mir ungeheuer schwer, den auszuschalten und wirklich einfach so Bücher zu lesen oder Filme zu sehen.

    Das ist sehr merkwürdig, denn eigentlich will ich es nicht anders haben. Andererseits beneide ich viele, die so vollkommen unvoreingenommen an manche Sachen herangehen können. Beispielsweise ist es für mich absolut selten, dass mich ein Film überrascht. Gerade „Fight Club“ … war keine Überraschung für mich – und da will ich auch nicht spoilen, aber diese Wendung fand ich relativ eindeutig. Übrigens auch einer der Gründe, warum mir der „Kniff“ bei „Sixth Sense“ sehr früh bewusst wurde.

    Wenn man ein wenig sich mit Schnitten, mit Kameraperspektiven und Erzählern beschäftigt hat, dann fallen einem so ein paar Dinge auf. Das tut mir dann in dem Moment immer leid und gerade „Fight Club“ und „Sixth Sense“ sind keine schlechten Filme. Ich mag ja gerade die Shyamalans alle sehr, obwohl mich wirklich keiner davon überraschte – und viele behaupten, es ginge bei Shyamalan immer um die überraschende Wendung. Geht es nicht – meiner Ansicht nach. Die Filme funktionieren auf so vielen Ebenen. Gerade „The Village“ ist einer meiner absoluten Lieblingsfilme, obwohl kurioserweise ich schon mit dem Trailer wusste, wo der Kniff wohl liegen wird.

    Übrigens mag das auch ein Grund sein, warum ich irgendwann so magisch angezogen von Mangas/Animes und Eastern war, denn dort merkte ich: Hier komme ich mit meiner bisherigen Interpretationsschablone nicht mehr weiter. Da gibt es so viele Dinge, die mir unbekannt sind und die ich entdecken kann. Gerade das Genre der Eastern Horror ist für mich immer noch eine Goldgrube für neue Inspirationen genau deswegen. Das erzeugt einfach neue Ideen und Bilder in meinem Kopf, gerade weil es mich so viel unvermittelter trifft als vieles aus dem Westen.

    Klar, es gibt auch westliche Filme oder Bücher, die mich überraschen. Aber eben doch leider nicht so viele, wie ich es gerne hätte. Bei Eastern um so häufiger. Da kann ich mich dann einfach auch mal ganz entspannt in den Sessel hocken und die Achterbahn genießen, denn es ist so schön unberechenbar an vielen Stellen, während ich gerade bei vielen westlichen Horrorfilmen schon meist ziemlich genau weiß, wann welche Kurve wohl kommt und wie sich was anfühlt.

    Bitte nicht falsch verstehen, ich mag das immer noch trotzdem. Mir fehlt nur diese Ungewissheit und dieses Stochern im Nebel, das ich sehr viel bei Eastern habe und eben auch so Filme wie „Donnie Darko“ erzeugen. Das funktioniert bei solchen Filmen eben doch viel besser, wenn die eben wirklich so ungreifbar auf eine gewisse Weise sind.

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