Weihnachtsgeschenk: Der Prolog zu Schleier aus Schnee

Hallo zusammen!

Schleier aus Schnee

Schleier aus Schnee

Es ist der 24. Dezember, es ist 17 Uhr und wie schon in den zwei Jahren zuvor ist es damit genau der Zeitpunkt, an dem Klein Thomas seinerzeit immer die Bescherung erlebt hat. Das will ich wieder- bzw. weitergeben und habe mir auch dieses Jahr wieder etwas überlegt. Es war ein Kopf-an-Kopf-Rennen zwischen einer Kurzgeschichte aus Weltenscherben namens Christkind, die ja sozusagen schon thematisch perfekt wäre, sowie dem, was nun das Rennen gemacht hat. Am Ende dieses Beitrags wartet der komplette Prolog von Schleier aus Schnee, also die ersten anderthalb von um die einhundert Manuskriptseiten.
Wichtig dabei: Es ist eine Arbeitsfassung; bis zum Abschluss des Manuskripts kann und wird sich hier sicherlich noch etwas ändern. Aber im Herzen ist es das, wie kommendes Jahr (endlich) mein Krimi beginnen wird.

Unabhängig davon wünsche ich euch allen in jedem Fall ein frohes und besinnliches Weihnachtsfest! Bis zum ’guten Rutsch’ lesen wir uns in jedem Fall noch einmal hier, da bin ich sicher.

Insofern feiert schön, genießt die ruhige Zeit und lasst es euch einfach gut gehen!

Viele Grüße,
Thomas

Prolog

Hatte sie dort vorne ein Licht gesehen? Sie war sich unsicher. Die Dunkelheit der Nacht, das dichte Unterholz des Waldes und der starke Schneefall, der sie unerwartet erwischt hatte, machten es schwer, mehr als die Hand vor Augen zu sehen.
Anja atmete tief durch, um sich zur Ruhe zu bringen. Ihre Freunde hatten sie gewarnt, so kurz vor dem Eintreffen eines Tiefausläufers noch zu einer Wanderung in den Wald zu fahren, aber sie hatte ihre Mahnungen in den Wind geschlagen. Unangenehm war ihr bewusst, dass sie ihre Lage selber Schuld war.
Sie zog an dem Reißverschluss ihres Anoraks, als würde ihr so irgendwie wärmer werden können, umfasste die Griffe ihre Nordic-Walking-Stöcke wieder fester und beschloss, dieser vagen Verheißung eines Lichtes in der Ferne einmal nachzugehen. Ihre Freunde hatten ja Recht gehabt. Ohne den Schneefall hätte sie vermutlich den Wanderweg auch nicht verloren und würde nun nicht, bereits tief in der Nacht, inmitten eines Waldes durch die Kälte irren.
Es war ein Licht! Das Wogen der Äste hatte es verraten – ein gelblicher Schein durchfuhr kurzzeitig das schier endlose Weiß um sie herum. Sie beschleunigte ihre Schritte, zumindest soweit es ihre Wanderschuhe zuließen, die mit jedem Tritt spürbar im Schnee versanken. Doch die Hoffnung, bald wenigstens eine Heizung, vielleicht sogar ein heißes Getränk vorfinden zu können, beflügelte ihre Schritte.
Eine Hütte ragte dort auf, erkennbar erst nur als Schemen vor den weißverschneiten Ästen der Bäume. Ein schmaler Waldweg führte darauf zu und – ihre Hoffnung fand Erfüllung – ein warmes Licht, wie das einer normalen Glühbirne, schien durch die Fenster hinaus in die Nacht.
Anja schaute, dass sie möglichst schnell auf den Waldweg gelangte, um zumindest beim Gehen nicht mehr bei jedem zweiten oder dritten Schritt über das Wurzelwerk zu stolpern. Ihre Schritte knarzten vernehmlich und im Licht des Hauses sah sie, wie ihr Atem mit jedem Tritt als weiße Wolke vor ihr aufstieg.
Wie lange war sie jetzt eigentlich schon hier draußen? Und wie kalt mochte es wohl sein?

Sie konnte im Inneren des Hauses nicht viel erkennen – Eisblumen entlang der Scheiben versperrten ihr jedwede Sicht. Sie trat zwei, drei Mal kräftig mit den Wanderschuhen auf der Steinplatte auf, die vor der Eingangstüre gleich einer Fußmatte in den Boden eingelassen war, um nicht zu viel Schmutz und Wasser hinein zu tragen. Dann klopfte sie.
Für einen Moment stand sie draußen in fast vollkommener Stille. Kein Wind ging, kein Rascheln ertönte im Dickicht. Der Schnee legte sich sanft und ohne Klang auf die Landschaft nieder.
Anja hob gerade zum zweiten Mal ihre Hand empor, um zu klopfen, als sie glaubte, Schritte in dem Häuschen zu hören. Schnelle Schritte. Dann erklang ein kurzes, scharrendes Geräusch. Sie zögerte, war verunsichert.
Mehr von dem Wunsch getrieben, endlich der erbarmungslosen Kälte zu entkommen, drückte sie die Klinke herunter – und die Türe sprang auf. Anja fühlte sich nicht wohl bei dem, was sie tat, fühlte sich wie eine Einbrecherin, die unbefugt in den Privatbereich fremder Leute eindringt. Aber sie wollte sich doch nur wärmen.
Der Raum vor ihr nahm in etwa die Hälfte der kleinen Hütte ein. Ein Tisch mit vier Stühlen stand in der Raummitte, eine Elektroheizung neben der Türe schenkte ihr augenblicklich die Wärme, nach der sie sich so gesehnt hatte. Zwei weitere Türen führten zu weiteren Räumen, doch kein Mensch war zu sehen.
Fiepend vermeldete ihr Handy, dass es offenbar wieder ein Netz gefunden habe. Sie lächelte kurz – selbst wenn hier keine Gastfreundschaft zu finden war, konnte sie jetzt wenigstens ein paar Freunde anrufen und bitten, sie abzuholen. Falls sie herausfand, wo genau sie eigentlich war.
„Hallo?“, fragte sie zögerlich in den Raum hinein, ihre eigene Stimme als schrecklich fremd empfindend. „Jemand da?“
Eigentlich war die zweite Frage mehr rhetorisch gewesen, sie hatte die Schritte ja gehört, doch nun grüßte sie einzig Schweigen. Sie atmete erneut tief durch und ging dann langsam in den Raum hinein. Eine dampfende, halbvolle Tasse Tee stand auf dem Tisch, offenbar in einem kleinen Kessel auf einer portablen, elektrischen Herdplatte in der Raumecke zubereitet.
Auf eine absurde Art und Weise beruhigte sie der Tee. Für einen Moment hatte sich der Gedanke an diese Filme, in denen junge Menschen in der Wildnis stranden und dort dann von irren Waldbewohnern aufgelesen, gefoltert und getötet werden, unangenehm in ihrem Kopf ausgebreitet, aber der Tee sprach für sie dagegen. Das passte nicht.

Vorsichtig ging sie auf die rechte der beiden Türen zu, die aus dem Raum herausführten. Sie öffnete sie mit einer leichten Bewegung und fröstelte direkt, denn das große Fenster des offensichtlichen Schlafraumes, den sie hier entdeckt hatte, stand sperrangelweit offen und die kalte Nachtluft wehte, in kecker Begleitung einiger, weniger Schneeflocken herein. Ein violetter Vorhang tanzte im Takt der Böen, sonst regte sich auch in diesem Raum nichts.
Anja trat zum Fenster, um es zu schließen, als ihr Blick neben das Bett fiel. Mit einem Mal schien ihre Welt an Farbe zu verlieren. Zumindest alle Farben außer Rot schienen ihrer Wahrnehmung zu entschwinden, der Klang ihrer eigenen Schritte erschien ihr ebenso dumpf wie der Schrei, den sie ausstieß.
Fassungslos starrte sie auf die junge Frau, die dort, mit halb zerrissenen Kleidern, in ihrem eigenen Blut lag und sie mit toten, leeren Augen anblickte.

2 Gedanken zu “Weihnachtsgeschenk: Der Prolog zu Schleier aus Schnee

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