Die eigenartige Doppelmoral der Druckkostenbeihilfe

Hallo zusammen!

Das Themenfeld irgendwo zwischen „self publishing“ und den sogenannten „Druckkostenzuschussverlagen“ ist ja bis heute sehr umstritten. Gerade letzte Woche ging noch ein Artikel um, der so in meinem erweiterten Netzwerk insgesamt sehr polarisiert zwischen heilsbringender Zustimmung und rechtschaffenem Zorn aufgelesen wurde.
Das war aber nichts, was mir einen Beitrag wert war; das gibt es ja immer wieder. Anders aber ging es mir, als ich dieser Tage an einem der RWTH-Gebäude den Flyer eines Fachverlages für wissenschaftliche Publikationen fand. Da las ich über etwas, was ich im Grunde eh schon mal immer ansprechen wollte.
Dort aufgelistet waren sozusagen die Leistungen, die der Verlag dem wissenschaftlich Publizierenden anbietet – und eine davon war die Hilfe bei der Akquise von Beihilfe zum Druckkostenzuschuss.
Und da stutzte ich.

Sieht man sich gerade im Belletristik-Bereich um, so wird ja stets viel, viel Mühe betrieben erkennbar eine Kluft zu lassen zwischen jenen Verlagen, bei denen der Autor selber einen kleinen oder weniger kleinen Betrag zur Umsetzung der Publikation beisteuert auf der einen, sowie jenen Verlagen, die das explizit nicht tun auf der anderen Seite.
Es gibt sicherlich eine Menge guter Gründe, die man als Pro-Argument für traditionelle Verlage nehmen kann; etwa, dass ein ordentliches Lektorat einfach unersetzlich ist oder, dass ein professioneller Layouter schon nicht umsonst von Leuten Geld für seine Arbeit bekommt. Sehe ich alles ein. Mit dieser Grundhaltung, dass ein Buch, für das der Autor selber etwas Geld bezahlt hat, keine rechte Publikation sein könne, da sehe ich es generell etwas ambivalenter.

Denn was in diesen Debatten häufig dann ausgeklammert wird, ist der Alltag im Wissenschaftsbetrieb. Dort ist es absolut üblich, dass wahlweise Forscher oder aber Institute Geld dafür bezahlen, dass entsprechende Texte – oftmals paper genannt – publiziert werden. Und dabei ist das Ausmaß der Arbeitsauslagerung dort wirklich gravierend.
Durch das System der sogenannten peer reviews wird dafür gesorgt, dass im Grunde der Verlag nur eine erste Vorsortierung vornehmen muss; die wissenschaftliche Tauglichkeit und teils sogar die Überarbeitung läuft dann, nicht selten unentgeltlich, über neutrale Fachkollegen des Publizierenden. Darüber hinaus sorgen strikte Satz- und teils Strukturvorgaben dafür, dass auch der Bereich Layout mehr oder weniger vom Verfasser übernommen wird.
Dann wird ggf. noch von den besagten Urhebern oder Instituten Geld zugeschossen, vielleicht auch in Form einer Förderung etwa durch die Deutsche Forschungsgemeinschaft oder durch die VG-Wort. Und als wenn das nicht alles schon wirtschaftlich genug wäre, bezahlt ja dann noch einmal in irgendeiner Form der Endkunde – oder es wird für ihn gezahlt. Üblich sind etwa Abonnements, die es dann etwa Institutsbibliotheken ermöglichen, die entsprechenden Journals auszulegen oder anderweitig bereitzustellen. Solche Abos liegen in irren Preisklassen, vierstellige Beträge mittleren Nennwertes, oftmals mit Verträgen verschränkt, die wichtige Quellen an uninteressante, weitere Produkte zwangskoppeln.
Und unter Umständen sind es dann sogar die Bibliotheken jener Institute, die vorher schon Geld in das Werk gebuttert haben, die es jetzt wieder anschaffen.

Warum stieß mir das alles ausgerechnet an dem Flyer so auf?
Grundsätzlich bin ich ohnehin kein Freund davon, wie sich Dritte in diesem System nicht nur wild an den Forschungen anderer bereichern, sondern darüber teilweise auch noch den Zugriff auf interessante Fakten de facto außerhalb der Wissenschaftsbibliotheken verschließen. (Und bevor mir jemand open access ruft; die Sachen werden ja auch wieder durch die Urheber querfinanziert.)
Nicht weniger problematisch ist es, dass in manchen Bereichen die Veröffentlichung in einer bestimmten Publikation oder die Menge an Zitatnennungen des eigenen Werkes als Relevanz- und Qualitätsstandards genommen werden, was es letztlich schon fast arbiträr macht, was nun gute oder schlechte Forschung sein mag.
Was mich an dem Angebot auf dem Flyer aber wirklich gestört hat, war die Darstellung der Unterstützung zur Behauptung in einem derart marode gewachsenen System als eine Dienstleistung, als einen Dienst am Kunden. Natürlich ist es gut, wenn der Verlag hilft, Fördergelder über DFG und VG-WORT zu akquirieren. Aber irgendwie wirkt es doch auch wie ein Hausmeister, der zwar bemerkt, dass in einem Geschoss die Lampen alle durchgebrannt sind, aber anstatt sie zu wechseln, nur ein Schild in den Flur hängt, auf dem „Achtung, kein Licht“ steht.
Und ich denke, einigen Beteiligten sind die Lampen durchgebrannt.

Das schlägt dann auch den Bogen zurück zu den modernen On-Demand-Verlagen – und zu einem gravierenden Unterschied, den ich sehe. Richtig ist, dass in beiden Fällen der Urheber der kreativen Leistung seinerseits noch mal zur Kasse gebeten wird. Aber während die seriösen Anbieter unter den On-Demand-Plattformen ganz klar die Druckabwicklung als Dienstleistung anbieten und dann weitere Elemente als Zusatzoption bereitstellen, stößt mir beim Wissenschaftsbetrieb immer mehr diese „So funktioniert das hier halt“-Mentalität auf.
So funktioniert das? Aber warum?
Zumal die Publikation in einem Journal zwar letztlich vielleicht fachliche Anerkennung, aber im Grunde ansonsten keinerlei Gegenwert bieten mag, wohingegen der On-Demand-Autor zwar Geld für die Bereitstellung zahlt, das andererseits aber auch durch Margen wiederum refinanzieren kann. Man muss Selbstverlagspublikationen nicht mögen, aber ich finde, zumindest ist es ehrlich.
Gerade, weil das Ergebnis dann genau konträr ist – dort, wo das Selbstverlagswesen einer bis dato ungeahnt großen Anzahl von Kreativschaffenden endlich das Werkzeug bietet, ihre Erzeugnisse in die Welt zu tragen, aalt sich der Wissenschaftsbetrieb wohl lieber weiter in dem Fortbestand seines geschlossenen und selbsterhaltenden Systems.

Die Wissenschaftsszene gerade in Deutschland hat sich, links und rechts in wahren wie falschen Plagiatsskandalen verstrickt, eh in den letzten Jahren kein wirkliches Fleißkärtchen verdient. Und in einer Zeit wie jetzt, da wäre es eine goldene Chance, neue Wege zu beschreiten. Gerade mit jungen und motivierten Akademikern, an die sich der Flyer ohnehin zu richten schien. So wie sich etwa auch die TED-Talks von einer verschworenen Gemeinschaft hin zu einem öffentlichen Portal gemausert haben, könnte man auch hier entsprechende Schritte machen.
Aber nein.
Stattdessen scheint der Weg vielmehr darin zu liegen, der nächsten Generation einen möglichst bequemen Einstieg in das krude Werk der Vorgänger zu ermöglichen.
Nur ist es vermutlich immer ein Warnsignal, wenn man nicht versucht, ein bestehendes System an die Bedürfnisse einer veränderten Zeit, sondern vielmehr diese Zeit an das bestehende System anzupassen.

Nun ja. Wir werden es ja erleben, wohin das führen wird.

Viele Grüße,
Thomas

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