Das Hohelied vom Niedergang der edlen SciFi

Hallo zusammen!

Eigentlich wollte ich ihn erst nicht weiter kommentieren, aber nachdem ich ihn heute früh noch einmal mit Muße las, muss ich irgendwie doch – unter dem Titel „Trolle Hobbits und Vampire“ schreibt Andreas Bernard im Süddeutsche Zeitung Magazin über eine interessante These – nämlich, dass die Fantasy mit ihren, nun, Trollen, Hobbits und Vampiren, offenbar dabei sei, der klassischen Science Fiction den Garaus zu machen.
Das kommt in seiner Gesamtheit noch etwas literaturpsychologisch im weitesten Sinne daher, denn er will anhand dieses Problems auch auf die Ängste unserer Zeit rückschließen, aber das will ich an dieser Stelle mal unkommentiert lassen.
Sprechen wir doch erst einmal über den attestierten Trend an sich.

Beginnen wir sozusagen mit etwas Empirie. Zwar wies Piper Fantasy nicht ganz zu Unrecht auf Facebook darauf hin, dass die aktuelle Ausgabe vom Buchreport „Science Fiction tritt aus dem Schatten der Fantasy“ titelt, aber zumindest wenn man in den großen Buchhandlungen steht, scheint sich die These ja schon zu bestätigen. Die Fantasy ist nun über viele, viele Jahre sehr stark, irgendwo beginnend vielleicht mit dem Boom, den die Herr-der-Ringe-Filme ausgelöst haben und dann hinweg über gefühlte hundert „Völkerromane“ („Die Elfen“, „Die Zwerge“, „Die Orks“, ad infinitum) bis eben hin zum aktuellen Renner, dem „Lied von Eis und Feuer“ in all seinen Formen. Sicherlich.
Jetzt muss man natürlich irgendwie auch bedenken, dass gerade die großen Buchketten nicht repräsentativ für Kundeninteresse oder Marktlage sind, sondern vor allem auch durch verkaufte Präsenzflächen in Textform und im Laden Ausdruck der großen Verlage sind. Dass bei den Kleinverlagen nach wie vor sehr viel Science Fiction im klassischen Sinne erscheint, wäre ein Aspekt, der dabei vergessen wird. Genauso, dass gerade die letzte Zeit durchaus den Eindruck vermittelt, dass SciFi im Kino wieder anzieht – von „Prometheus“ bis „After Earth“, von „Star Trek“ bis „Oblivion“, und natürlich mit dem unfassbar starken Markennamen Star Wars nur wenige Jahre von uns entfernt.

Weiterhin ist das Netz, was er da aufspannt, natürlich auch irgendwie sehr weitmaschig. Wenn er im Titel von Trollen, Hobbits und Vampiren redet, dann ist das ein gigantisches Feld, dessen Wucht natürlich immens wirkt. Aber wo es schon kritisch erscheint, „Das Lied von Eis und Feuer“ in einen Topf mit dem „Herrn der Ringe“ zu werfen – ach, eigentlich schon, den „Herrn der Ringe“ mit dem „Hobbit“ in einen Topf zu werfen –, wird es schon bei „Harry Potter“ problematischer und spätestens bei den Vampiren wäre ich geneigt zu behaupten, dass wir die Spur gewechselt haben. Denn all das, was er der Fantasy in dem Artikel mit unterstellt, das minutiöse Erschaffen einer fremden Welt, die erfundenen Sprachen und die kryptischen Namen etwa, hat „Twilight“ ja nun auch nicht. „Twilight“ ist, wenn überhaupt, wohl „urban fantasy“, aber diese Nuance der Spielart lässt der Artikel natürlich genauso außen vor wie andere Grenzgänger, sei es nun „Steampunk“ oder „alternate history“.
Interessant auch, dass er etwa ganz gezielt die Zombies umläuft; würde ich auch tun, die machen diese wunderbare Dualität von SciFi und Fantasy auch ganz schnell schwammig.
Was einem letztlich bleibt, wie auch Jan Storm, ein Kommentator auf der Süddeutsche-Seite, richtig schreibt, ist es, sich auf die alte Unterscheidung zurückzuziehen, ob das „Übernatürliche“ im weitesten Sinne durch Magie oder Technik verursacht wird. Und wie dort richtig geschrieben, ist auch das gemäß der Clarke’schen Setzung, dass eine Technik, ist sie nur weit genug fortentwickelt, für den Betrachter wie Magie wirken muss, nicht ohne Tücke.

Seine Textwahl erscheint mir dabei ohnehin selektiv. Das Aufmacherbild entstammt „Perry Rhodan“, den er dann im Text gar nicht erst erwähnt, genauso wie er bei der Science Fiction irgendwie sehr fokussiert auf die klassischen Dystopien argumentiert. Er hat sicherlich nicht Unrecht, wenn er meint, dass das Thema Adoleszenz in vielen Ausprägungen der Phantastik relevant geworden ist, aber das gilt für beide Spielarten – die „Uglies“-Reihe von Scott Westerfield kam mir etwa spontan in den Sinn; wobei ja auch etwa der Krieg der Sterne neben all seiner Effektwucht immer irgendwie coming of age ist. Mal davon abgesehen, dass es vermutlich auch daran liegt, dass der „young adult“-Bereich derzeit eines der Gebiete zu sein scheint, die einfach sehr viele talentierte Kreative anziehen.
Und warum auch nicht.

Aber darüber hinaus demonstriert Bernard ein zumindest sehr strittiges Textverständnis. Ob „Die Tribute von Panem“, auf die er sich teilweise ziemlich konzentriert, jetzt echt Fantasy sind und nicht eher doch Science Fiction sein könnten, will ich doch wenigstens mal in den Raum werfen. Und sein Pfeil-und-Bogen-Argument lasse ich nicht gelten, denn wenn archaische Waffen Fantasy konstituieren, noch einmal, dann ist Twilight wohl raus.
Und die Verkürzung des gesamten „Lieds von Eis und Feuer“ auf die Bestrebung der Familie Targaryen, sich den Eisernen Thron zurückzuholen, ist so falsch, dass es schmerzt.

Worauf der ganze Artikel irgendwie hinausläuft, ist eine (falsche) Dichotomie von rückgewandter Fantasy und vorwärtsgewandter Science Fiction. Das hakt schon in seinen eigenen Beispielen, denn wenn „Panem“ Fantasy ist, dann kollidiert das doch mit seiner Aussage, darin würden „hochaktuelle“ Themen behandelt.
Aber es gilt nicht weniger für „Das Lied von Eis und Feuer“, das auch hervorragend als Versinnbildlichung der komplexen Dimensionen politischen Strebens gelesen werden kann, die heute nicht weniger aktuell sind, als in dem mittelalterlich angehauchten Setting von Westeros. Und damit ist es das, was die Phantastik im allgemeinen schon immer gut konnte.
Gute phantastische Romane sind eine Art Spiegel ihrer Zeit, sie sind Schlüsselromane im weiteren Sinne. Orwell thematisierte die Gefahr eines Überwachungsstaates, weil das eine Problemstellung seiner Zeit war, aber Samjatin machte das knapp ein halbes Jahrhundert davor auch schon. Nicht alles, was seither passiert ist, war vorherzusehen und natürlich entspringt unserer Zeit ein neuer Katalog von Reizthemen. Aber ob diese nun mit Schwerter und Drachen, oder in Form einer zeitgenössischen Dystopie dargestellt werden, ist im Grunde gleich. Man kann „Das Lied von Eis und Feuer“ als eine Erzählung darüber werten, wie sich Individuen im Strudel von Ereignissen verlieren, deren wahre Tragweite so unfassbar groß und komplex ist, dass es jeden Einzelnen dazu verdammt, zu reagieren anstatt zu agieren, und die Kombination dessen, der Zusammenschluss all dieser Reaktionen ist es erst, was die Handlung in ihrer Gesamtheit formt. Und jetzt sage mir wer, dass das nicht auch ein Sinnbild unserer Zeit ist.
Nun aber zu sagen, „Ha, siehste, Fantasy“, der irrt auch, denn auch wenn der Artikel „Neuromancer“ nennt, so übersieht er doch, dass Gibson auch heute noch Bücher schreibt. Und auch wenn das Feuilleton sich sehr bemüht, Gibsons jüngste Romane eher in der allgemeinen Belletristik zu verorten, so sind sie in ihrem Herzen eben doch SciFi. Keine SciFi, die in hundert Jahren spielt, aber SciFi, die kommendes Jahr spielt. Ich denke nicht, dass man „Patter Recognition“ („Mustererkennung“) lesen und es nicht als, im allerwörtlichsten Sinne, auch Fiktion über Wissenschaft und Technik verstehen kann. Und zugleich eben auch als Sinnbild einer Welt, die zu komplex geworden ist, als dass ein einzelnes Individuum es überhaupt erfassen kann. Gerade darin liegt ja die unglaubliche Stärke dieser Bücher, aber es ist vom topos her dennoch verwandt.

Bernard sieht es anders. Er schreibt in der Einleitung erst mal klar, dass der neue Star Trek ja bewiesen habe, dass die Kulissen des Futuristischen ihre Faszination verloren hätten. Er sagt das unter Berufung auf den Kulturteil als „Schauplatz der künstlerischen Weltentwürfe“ und unter Zitat eines einzigen, nicht einmal namentlich genannten Rezensenten.
Das ist nicht nur schlechter Stil, das ist auch eine gewagte Behauptung bei einem Film, der derzeit auf Rang 184 der Top 250 von IMDb steht und der von 43 bei Metacritic verzeichneten Kritiken immerhin 36 Positive und nur eine Negative erhalten hat. Jetzt weiß ich auch, dass das Momentaufnahmen in der Bugwelle des Hypes um den Film sind, aber ihm Faszination und, implizit, kulturelle Relevant absprechen zu wollen, erscheint mir fehlgeleitet.

Ich denke, was der Artikel vielmehr darstellt, ist eine weitere Manifestation des alten Denkens von „guter“ und „schlechter“ Literatur, was sich gerade in Deutschland wie ein Ölfilm auf allem hält. Und dabei ist das so unfassbar unnötig.
Nur ist es diesmal ein interner Grabenkampf. Hier ist es nicht die „gute Belletristik“, die von der „schlechten Genreliteratur“ abgegrenzt wird, sondern hier verläuft die Schneise im Genrebereich, versucht sich an einem neuen Untermauern der alten Zweiteilung des Genres. Dabei will ich ja gar nicht abstreiten, dass es nicht einen durchaus greifbaren Unterschied zwischen Fantasy und Science Fiction gäbe; natürlich gibt es den.
Aber ihn so zu fixieren, das nutzt niemandem, wie glaube ich seit fast vierzig Jahren klar sein sollte; spätestens seit dem alten Streit, in welche der beiden Schubladen „Star Wars“ eigentlich gehört.

Das ist der Grund, warum ich mich meist bemühe, wenn es um das Genre an sich geht, von Phantastik zu sprechen. Wir alle teilen ein Hobby (oder eine Spielart davon) – das Lesen (und/oder Schauen) von phantastischem Material, auch wenn manche lieber Drachen, andere lieber Sternenzerstörer und wieder andere halt beides mögen.
Der Wunsch, das alles mit kleinen intellektuellen Jägerzäunen zu versehen und somit eine Schrebergartensiedlung der phantastischen Befindlichkeiten zu errichten, mag von ganzem Herzen her menschlich sein.
Aber – mancher mag das jetzt Fantasy, mancher Utopie nennen, aber: – das wiederum sollte ja an sich nie ein Grund sein, nicht dennoch zu versuchen, es besser zu machen.

Viele Grüße,
Thomas

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