Das selbstgewählte Exil: Mal wieder Schwarzwaldgedanken

Hallo zusammen!

Wie ich das letzte Mal bereits gesagt habe: Vorige Woche war ich, mal wieder, mit einigen Freunden im Schwarzwald und will in guter, vierjähriger Tradition nicht davon abkommen, hier einige Gedanken mit euch zu teilen. Wer mitliest, kennt das generelle Prinzip: Gemeinsam mit einigen Freunden setze ich mich irgendwie alle 9 bis 12 Monate für eine Woche in den Schwarzwald ab, in das Feriendomizil eines guten Kumpels, um dort etwas zur Ruhe zu kommen. Dort wo wir sind, ist Handy-Netz rar und ein Festnetz nicht vorhanden, sodass es tatsächlich postmoderne Isolation ist, was wir dort betreiben. Fernab der Sendemasten herrscht wirklich einmal Ruhe, und der Alltag ist fort, sehr weit fort. Es ist, was ich schon lange hier manchmal vielleicht etwas zu sehr predige, aber woran ich durchaus fest glaube: So connected wir alle immer und überall sind, und so gut das in vielerlei Hinsicht ist, so heilsam ist es, damit einmal zu brechen.

Saig Dezember 2014 web-3374

Heute schon nirgendwo gewesen?

Oftmals habe ich das Gefühl, gute Teile unseres Alltags sind Reaktionen. Ich hab zwar im vergangenen Jahr allgemein gelernt, mir zumindest eine kleine Insel der Ruhe inmitten der tosenden See der Pflichttermine zu erhalten, aber selbst dies ist nicht immer perfekt machbar. Wenn wir aber immer nur reagieren, dann agieren wir nie. Und die erste Aktion, die sich mir im Schwarzwald darbietet, ist stets die der Reflexion.

Eigentlich tun wir das viel zu selten. Es sind all diese Leitfragen: Was tue ich gerade mit meinem Leben – und finde ich das eigentlich gut? Verwende ich zu viel Zeit auf etwas, was mir dafür gar nicht genug bedeutet? Umgekehrt: Kommt etwas viel zu kurz, weil andere Dinge es effektiv von mir fernhalten?
Das Ende eines Jahres ist eh eine gute Zeit für solche Gedanken – Ende des Monats komme ich im Rückblick darauf zurück –, aber nicht immer ist es auch eine gute Gelegenheit. Während man aber – vielleicht gar alleine – durch die Wälder streift, hat man viel Gelegenheit dazu. Und zumindest mir ist das sehr, sehr wichtig geworden.

Auch dieses Mal war uns wieder ab und an ein Blick auf die Alpen gegönnt …

Auch dieses Mal war uns wieder ab und an ein Blick auf die Alpen gegönnt …

Doch noch etwas, was ich schon oft sagte, kann ruhig noch mal betont werden: Diese Wanderungen, sie bergen Erfahrungen. Sicherlich gibt es heute viele Möglichkeiten, sein Leben mit Sinneseindrücken zu füllen. Aber wenn man zu zweit zu Fuß aufbricht, um im einige Kilometer entfernten Nachbarort Brot und einige andere Vorräte zu kaufen und, ohnehin unerwartet in einen kleinen Schneesturm geraten, aus dem Wald heraustritt und unvermittelt vor einem verlassenen, mit jeder Fuge, jedem Stein „Grusel“ ausstrahlenden „Erholungsheim“ steht, dann braucht es keinen neuen Horrorfilm, um sich daran zu erinnern, wie sich dieses Kribbeln im Nacken anfühlt.

In echt gar nicht wenig gruselig

In echt gar nicht wenig gruselig

Aber nicht umsonst bezeichnete ich mich in einem früheren Urlaubs-Rückblick hier mal als Kind zweier Welten. Ungebremste Natur, unwirsches Wetter, einsame Reflexionen, das alles bildet die eine Seite. Auf der anderen Seite steht eine gute Zeit mit Freunden, ungestört von Terminen und Pflichten. Sich gemeinsam durch das alte Gamecube-Spiel Eternal Darkness zu arbeiten war etwa in diesem Urlaub nicht weniger Highlight als das unvermittelte Erholungsheim. Gemeinsam kochen, gemeinsam essen und miteinander quatschen bis der Morgen droht, das ist nicht weniger Teil meines Exils.
Ich spare mir an dieser Stelle in einen weiteren Exkurs zum Begriff der Familie im 21. Jahrhundert; das mache ich demnächst noch mal in einem gesonderten Beitrag, denke ich. Man kann es jedoch nicht bestreiten: Viel zu oft haben wir viel zu wenig Zeit für, na ja, im Grunde alles. Es ist ein wohltuender Ausbruch aus dieser Setzung, sich herausnehmen zu können, einfach mal die halbe Nacht in Decken gehüllt bei sanften Minusgraden draußen auf dem Balkon zu sitzen und einfach miteinander zu reden. Manchmal sehr tiefsinnig, manchmal sehr unsinnig. Aber vor allem eines: Ohne Zeitdruck. Ohne Leistungsdruck. Einfach in sich in diesem Moment bestehend.

"Der

Der Schwarzwald ist auch bei Nacht wunderschön … (Langzeitbelichtung)

Ich weiß ja auch, dass all dies als Modell nicht für jedermann taugt. Nicht für jene, die der Gedanke schreckt, eine Woche mit den eigenen Freunden irgendwo relativ eng beieinander zu hocken, oder für jene, die einfach nicht verstehen, was ich immer mit meiner Natur habe.
Im Grunde ist das aber voll und ganz in meinem Sinne. Was für ein Leben möchte ich leben, das ist die eine, die zentrale, die vielleicht wichtigste Frage, die uns bleibt in unserer (post-)modernen Lebenswelt. Ich für meinen Teil musste heute für Besorgungen quer durch die vom Weihnachtsmarkt massiv mit Menschen gefüllte Innenstadt Aachens und kann klar sagen: Statt in dieser Menschenmasse wäre ich lieber wieder abgeschieden im Wald in einem Schneesturm gewesen.
Dieser Urlaub aber, er ist wie eine Ressource, von der ich hoffentlich noch manche Woche werde zehren können.

Viele Grüße,
Thomas

PS: Die Fotos aus dem Urlaub folgen wie immer dieser Tage dann auch drüben auf deviantArt.

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