Die Maladie der Meckerei

Hallo zusammen!

Seit einer ganzen Weile verfolgt mich gerade im Internet, oft aber auch im Alltag ein Phänomen, das mit wachsender Dauer zunehmend an meinen Nerven nagt und das vor allem, so scheint es, nicht besser wird: Es ist ein Zustand unzufriedenen Geschimpfes.
Wenn Netflix in Deutschland startet, so scheint zunächst überall nur davon gesprochen zu werden, dass die Auswahl zu klein sei, während ich mich über konstant vorhandenen O-Ton, gute Untertitel-Einbettung und vor allem stabile Technik freue.
Als nach Jahren ein neuer Star-Wars-Film angekündigt wird, ist die Freude groß; beim Trailer nicht weniger. Dennoch sind Stimmen allwaltend, die nicht anders können als konstant darauf hinzuweisen, dass Episode I ja auch nicht gut war.
Marvel und DC fahren derzeit beide ein wahnsinniges Line-Up an Kinofilmen auf, aber anstatt dass die Leute sich freuen, in diesem Genre nach Jahrzehnten endlich konstant eine Chance auf Qualität zu haben, zerreißen sich Fanboys beider Lager nur das Maul darüber, warum der nächste Film „der anderen Seite“ zwangsläufig scheitern wird.
Und dass etwa die einzelnen Konsolenlager – früher waren es SEGA und Nintendo, heute eben Nintendo, Sony und Microsoft – sich spinnefeind sind hat Tradition, verstehen muss ich es aber dennoch nicht. Genauso wie ich nicht verstehe, warum da dann zu allem Überfluss noch in jeder längeren Diskussion ein Besserspieler aus dem PC-Lager auftauchen muss, der betont, wie viel besser seine Technik ist. (Was sie vermutlich ist, klar; aber sie nehmen einander ja keinen Spaß weg, wenn sie beide je Freude an ihrem System haben. Oder?)
Und so weiter, und so fort.
Bis zum Erbrechen.

Ein Zustand, zu dem ich drei Gedanken habe, die ich hier gerne loswerden möchte.

Zum einen, wie gesagt: Ich verstehe es nicht.
Klar muss man nicht alles mögen, man muss nicht alles toll finden und ja, man muss auch mal kritisieren dürfen, aber loben, auf der anderen Seite, scheint verdammt schwer geworden zu sein. Es war jetzt jüngst bei Videospielen toll zu verfolgen, wo die Presse so nach und nach ihre „größten Hoffnungen für 2015“ gekürt hat. Das Schema funktioniert auf zwei Arten: Entweder das Outlet verweist nicht auf einen der großen AAA-Titel, die bald folgen sollen, dann folgt das Urteil auf dem Fuße: Es habe keine Ahnung. Oder aber das Outlet verweist sehr wohl darauf und äußert sich positiv, dann dauert es nicht lange, bis der erste Vorwurf kommt, sie seien gekauft.
Oder das mit den Superhelden: Es wirkt auf mich, als hätten Leute Angst, ein guter Superman-Film würde die Avengers kaputtmachen, oder ein guter X-Men-Film würde Spiderman zersetzen. Was. Für. Ein. Unfug.
Ich meine klar, Budgets sind begrenzt, auch bei den Zuschauern, und Geschmäcker sind verschieden, aber all das ist nicht einmal im Ansatz eine Erklärung dafür, warum keiner eine Sandburg bauen dürfen soll, nur weil man selber eine andere hat.
Ich verstehe es nicht.

Aber so sehr ich das schon in sich bedauerlich finde, alleine weil es einem ja jeden Spaß verleidet, sich etwa mit den Kommentarbereichen quasi jeder Webseite und leider auch den meisten offenen Foren da draußen auseinanderzusetzen, um so schlimmer finde ich es aus Macher-Sicht.
Und dabei nicht missverstehen – bisher ist der Krug der allwaltenden Kritik in weiten Teilen an mir vorübergezogen, insofern spreche ich weniger aus Erfahrung und mehr aus Empathie. Aber es ändert nichts an der Lage. All diese harsche Kritik gegen alles, sei es in Abgrenzung zum eigenen Sandkasten oder einfach in einem allgemeinen Sturm der Unzufriedenheit, richtet sich erst einmal gegen Produkte. Aber hinter medialen, also kreativen Produkten stehen halt auch immer deren Schöpfer.
Muss denn wirklich Kampfchoreograph Guillermo Grispo losziehen und Christopher Nolans Actioncinematographie in dessen Batman-Trilogie im Zuge des „hype trains“ um „Superman v Batman“ offen kritisieren? Sind wir an einem Punkt, an dem wir „gut“ gewissermaßen entwertet haben, seines Kontextes beraubt, sodass wir es immer in Abgrenzung von etwas anderem definieren müssen?
Wenn die von mir durchaus gemochte Seite GameTrailers vom Mutterkonzern gezwungen wird, mit Mike Damiani einen langjährigen Mitarbeiter, leitenden Video-Editor und Verantwortlichen mehrerer der beliebtesten Reihen der Seite zu entlassen, muss dann wirklich mancher dort ins Forum ziehen und Kommentare marke „No idea who this guy is. Why does this matter?“ und „Its just a slow death please put us out of are misery already“ loslassen?
„Wer in Medien macht, muss halt ein dickes Fell haben“, hört man da manchmal. Ja, derzeit muss er das wirklich. Aber müsste er das um jeden Preis? Ist denn kein Modell vorstellbar, das nuanciert und wohlwollend, nicht voller Galle, schwarzweiß gestrichen und in der Tendenz ablehnend an alles herangeht?
Aber ich fürchte, ein Umbruch dahingehend kann nur kommen, wenn sich die Herangehensweise der Konsumenten ändert.
Google hatte ja mal eine „Task Force“, um den Zustand von Youtube-Kommentaren wieder „bewohnbar“ zu machen und deren größte Leistung war die Integration von g+ in das Kommentarsystem. Ich glaube nicht, dass man das einen Erfolg nennen kann.

Was also kann man tun? Das führt zu meinem dritten Gedanken.
Es war Chris Anderson, der ehemalige Chefredakteur der amerikanischen Wired, der einmal in einem Interview, dass ich nicht mehr finden konnte für diesen Artikel, eine Grundhaltung beschrieben hat, die für mich eine deutliche Epiphanie war: Er definierte darin als Grundlage für die Herangehensweise an etwas Neues die Frage: Warum ist das cool?
Und alleine diese Frage birgt ein Maß an Optimismus, das unserer Zeit glaube ich nicht schaden würde. Anstatt mit chirurgischem Blick nach Punkten zu suchen, die man kritisieren kann, sollte es doch gleichsam erstrebenswert sein, nach den Dingen zu schauen, die man loben kann. Aber das erfordert nicht den Tenor, erst einmal davon auszugehen, dass alles schlecht wird, es erfordert vielmehr den Willen, nach den guten Seiten zu schauen. Auch wenn die Nachteile vielleicht im ersten Moment sogar auffälliger sind.
„Aber es ist doch heute alles schlecht“, liest man manchmal zwischen den Zeilen. Aber das ist Unfug. Es ist alles anders. Es wird immer alles anders sein, ein paar Jahre vom jeweiligen Zeitpunkt aus. Geschmäcker ändern sich, Trends ändern sich, der Massengeschmack ändert sich – und damit auch die Massenmedien.
Ich sage ja nicht, dass man sich nun vorbehaltlos anpassen soll. Aber anstatt nach Gründen zu schauen, warum das alles nichts für einen ist, lebt es sich besser, zu schauen, warum es vielleicht doch gut für einen ist.

Und wie implizit schon gesagt, vergesst dabei auch gerade nicht, dass es Menschen sind, die hinter dem stecken, über das ihr sprecht.

Wir leben in einer medial gesehen wirklich großartigen Zeit! (Auf vielen anderen Ebenen würde ich das nicht so pauschal behaupten, aber in diesem Fall stehe ich dazu.)
Wir könnten insgesamt einfach mal anfangen und versuchen, sie uns nicht gegenseitig elend zu machen.
Wer macht mit?

Viele Grüße,
Thomas

3 Gedanken zu “Die Maladie der Meckerei

  1. *gasp* Aber es WAR doch früher ALLES besser! Es wird NIE wieder so einen großartigen Film/Buch/Spiel/Wasauchimmer geben wie [Beliebiges 50-20 Jahres altes Produkt hier einfügen]!

    Nein Sarkasmus aus und ganz im Ernst: Ich bin dabei! :-)

    Ich lese schon lange keine Kommentare bei youtube mehr – spätestens seit ich feststellen durfte, dass übelste Beschimpfungen inzwischen auch ganz normal unter Origami-Videos gepostet werden – und halte mich aus Disskussionen zu „geschmacks-/positionsintensiven Themen“ im Besonderen und aus öffentlichen Plattformen im Netz im Allgemeinen eigentlich immer mehr raus, weil ich den Umgangston nicht ertragen will.

    Mir hat man früher noch beigebracht, dass man immer erstmal was Positives sagen soll, bevor man Kritik anbringt und ich halte das nicht nur für gute Manieren, sondern auch für eine hilfreiche Einstellung zum Leben, dem Universum und dem ganzen Rest. ;-)

  2. Ja, diese Grundhalten nach dem Motto „Hauptsache dagegen“ scheint in letztrer Zeit sehr weit verbreitet zu sein. Wobei ich glaube das es die früher durchaus auch gab, nur wurde sie eben nicht so wahrgenommen – einfach aus dem Grund das es kein Internet mit all seinen Möglichkeiten der schnellen Verbreitung von Nachrichten, Meinungen und Vorurteilen gab.

    Ich erinnere mich durchaus an Gespräche auf Cons warum das nächste Regelwerk zum scheitern verurteilt war oder warum dieser oder jener Film im Kino floppen würde.

    Aber gut finde ich das trotzdem nicht…natürlich bin ich auch kein Fan jedes neuen Films (um einfach mal in dem Medium zu bleiben) aber warum soll ich lang und breit erklären warum ich den nicht mag? Vor allem sind solche Kommentare zu 95% auch sehr subjektiv und es wird weniger auf die wirkliche Fakten oder objektive Gründe eingegangen (ich finde den Film doof weil ich den Charakter oder den regisseur nicht mag und nicht etwa wegen Gründen der schwächelnden Dramaturgie oder der fehlenden Tiefe der Figurn). Vor allem, es zwingt mich ja keiner den Film zu schauen, das Buch zu lesen oder mich näher mit diesem oder jenigen zu beschäftigen.

    In diesem Fall bin ich 100% deiner Meinung und wenn man wirklich nichts positives zu sagen hat, dann sagt man eben einmal nichts.

    • Moin!

      Ja, klar, gegeben hat es das immer. Es wird leider glaube ich kaum zu ermessen sein, ob es tatsächlich vor allem durch das Internet mehr wahrgenommen wird, weil man jetzt die Nase daran kriegt, oder inwiefern es vielleicht dadurch eine potenzierende Wirkung hat („Gleich und gleich gesellt sich gern …“ und so) – ist aber im Grunde ja auch irrelevant …

      Was ich persönlich vor allem spannend finde, sind auch Leute, die aktiv danach Ausschau halten. Keine Ahnung, wenn mich jemand direkt fragt, wie ich z.B. X-Men 3 oder Die Hard 5 finde, dann werde ich nicht sagen, dass ich den mag ;)
      Und bilde mir ja auch ein, Gründe dafür zu haben, die man stehenlassen kann …
      Aber was mir halt niemals nie in den Sinn käme, wäre, jetzt auszuziehen und wild ins Internet oder, besser noch, in Bereiche, wo ich vor allem Fans besagter Produkte vermute, meine Kritiken zu hämmern, als wenn ich da wen bekehren wollte. Könnte. Oder sollte.

      Keine Ahnung, das ist mir einfach unverständlich …

      Aber gut, ja, wir sind uns einig :)

      Viele Grüße,
      Thomas

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