Warum „Projekte“ zu oft der Anfang vom Ende sind

Hallo zusammen!

Matthias und ich hatten auf der RPC ein ganz spannendes Gespräch mit einer jungen Frau. Diese hat wohl mittlerweile ihre Ausbildung zur Mediengestalterin für Bild und Ton abgeschlossen und ist nun recht händeringend auf Jobsuche. Das ist ist eine harte Aufgabe, wie jedwede Jobsuche im Kreativ- und Medienbereich, wovon sowohl Matthias (der ja ebenfalls als Mediengestalter gelernt hat) als auch ich Lieder singen können.
Was ich besonders spannend fand war ein besonderer Part, über den wir im Laufe des längeren Gespräches eingegangen sind – aber dafür muss ich ausholen.

Der vielleicht wichtigste Tipp, und der gilt allgemein und wäre für sich schon diesen Artikel wert, war unsererseits, dass sie, wenn sie auch derzeit keine Anstellung finde, sich Projekte suchen solle, an denen sie arbeiten kann. Bezahlte Projekte sind natürlich toll, aber alternativ eigene Sachen zu machen ist ebenfalls ein guter Weg. Denn letztlich liegen darin gleich vier Vorzüge:
Man kommt nicht aus der Übung, man versackt nicht so schnell (was, wie vermutlich jeder längerfristig Arbeitssuchende bestätigen wird, stets ein Risiko ist), man lernt selbstständig dazu und – vielleicht am Wichtigsten – man wird wahrgenommen. Nicht im Sinne von spontanem Ruhm und Fandom, aber einerseits hat man eben eine Chance, zumindest registriert zu werden, andererseits hat man aber vor allem etwas, was man vorweisen kann, wenn es dann mal um eine Jobbewerbung geht. Sei es in Form von exemplarischen Projekten, oder dem entsprechenden Äquivalent einer Werkschau. Im Textbereich wird meist nur von „Arbeitsproben“ gesprochen, aber Künstler und Fotografen haben nicht umsonst ihre Mappen respektive Portfolios, Filmemacher ihre Demo Reels.

So weit, so gut. Sah sie auch ähnlich und war von unserer Idee angetan, aber in zwei Punkten dann zeigten sich für mich klassische Fehlannahmen, mit denen man sich selbst nur unnötig Steine in den Weg legen kann, aber beide führen gewissermaßen auf das gleiche Problem zurück.
Zum einen berichtete sie uns, dass sie gerade schon viel Geld für ein MacBook und die Schnittsoftware ausgegeben habe – und sie nannte keine Preise, aber das war viel, wie ein Blick alleine schon in den Appstore bzw. gen Adobe überschlagen lässt – und daher derzeit kein Geld für die Kamera da wäre.
Jetzt ist Film auch echt nicht der günstigste Medienbereich, um sich Selbstständig zu machen, aber im Kern passt es in jeden Bereich: Die Annahme, sozusagen direkt im großen Stil professionelles Gerät erwerben zu können und dann zu arbeiten, wie man es vielleicht im Ausbildungsbetrieb kennengelernt hat, ist schön, aber naiv. Auf eines der beiden Schnittpakete (oder gar beides, mit iMovie oder Nuke kostenfrei am Start) zu verzichten, dafür Geld in wahlweise eine DSLR (mein Tipp) oder ein iPhone (Matthias‘ Tipp) zu investieren, hätte bedeutet, jetzt neue Filme aufnehmen zu können. Es mag ein legitimer Aufbauplan zu sein, sich nach und nach professionelles Gerät zu kaufen – das mache ich ja auch –, aber wenn man dann zwischenzeitlich auf der Stelle steht, weil essenzielle Grundlagen noch fehlen, führt das den Gedanken schnell ad absurdum.
Und das ist, wie gesagt, kein Film-Problem. Sind die Ölfarben aus dem Kunstbedarf zu teuer, kauf im Baumarkt. Ist die Leinwand zu teuer, male auf Holz – das hat etwa DORP-Rollenspiel-Coverzeichner Tobias Mannewitz so gemacht, der später mehrere Emmys als Konzeptzeichner für Game of Thrones gewonnen hat.
Sind Scrivener oder Word zu teuer, schreibt halt mit Wordpad.

Aspekt 2: Sie hatte bzw. hat ein Wunschprojekt. Das aber ist für sie derzeit noch nicht umsetzbar, weil es vom Maßstab her etwas größer ist – also wartet sie. Und auch das ist ein Fehler, der mit dem obigem Aspekt Hand in Hand geht. Denn darauf zu warten, dass die Sterne richtig stehen, ist oft ein guter Weg, ein Projekt gleich zu begraben.
Das passiert auch Profis – Lars von Trier sagte nach „Mandalay“, dass er sich für den dritten Teil seiner USA-Trilogie noch nicht bereit fühle. Nun, der Film ist bis heute nicht erschienen.
Projekte sind gefährlich. Projekte plant man und im Zuge dieser Planungen beginnt man – das ist inhärent – diese Projekte zu idealisieren. Das muss man, denn um ein bestmögliches Ergebnis anzustreben, muss man für sich selbst ja entscheiden, wie das eigentlich aussehen würde.
Dann aber verschiebt man das Projekt, weil noch nicht alles optimal ist, weil man in der eigenen Wahrnehmung diesem Ideal nicht nahe (genug) kommt. Aber in der Wartezeit, die das Projekt ruht, idealisiert man nur weiter. Ansprüche steigen, neue Ideen sammeln sich an und ehe man sich versieht hat man sich selbst einen Wall gebaut, den man nicht mehr erklimmen kann. Da man aber schon in die Warte-Falle getappt ist, wartet man weiter, das hat bisher ja auch „funktioniert“ und immerhin wachsen ja auch die eigenen Möglichkeiten – nur nicht schnell genug.
Und so geht der Teufelskreis weiter.
Und weiter.

Ich will nicht pauschal gegen Projekte sprechen; wie sollte ich? Unsere Eifelarea-Filme fressen jeweils Jahre und gerade in Phasen wie der derzeitigen Postproduktion von Hilde muss man mir im Zweifel auch einfach glauben, das es weitergeht. Und ach, Buchprojekte sind ja nicht anders; Die blaue Gans ist ja endlich erschienen, Schleier aus Schnee wird es bald, aber keine Frage, das waren Langzeitprojekte, genauso wie etwa Xoro 2 auch nicht in wenigen Monaten fertig werden wird.
Man kann solche Projekte angehen, aber nicht, solange man nicht irgendwann gewillt ist, diese Idealisierungsbrille abzusetzen.
Wenn ihr also ein kreatives Hobby habt, das ihr demnächst mit mehr Nachdruck verfolgen wollt, wenn in euch Bilder, Fotos, Texte oder Filme wohnen, die nur darauf warten, befreit zu werden, macht euch diesen Fallstrick einfach bewusst.
Vielleicht ist der Roman, den ihr in euren Köpfen tragt, das beste Buch der Welt und die Angst, dass das, was ihr effektiv schreibt, nachher niemals dieser Vision gerecht werden kann, ist allwaltend. Das ist okay. Das ist normal.
Die Sache ist nur die: Vielleicht ist dieser Roman, nachdem er wirklich auf dem Bildschirm steht, nicht der beste Roman der Welt. Aber er existiert.
Aber niemand kann – und niemand wird – eure Stimme vernehmen, wenn ihr schweigt.

Viele Grüße,
Thomas

6 Gedanken zu “Warum „Projekte“ zu oft der Anfang vom Ende sind

  1. Wahr gesprochen! :-)
    Das Schöne ist, dass Dinge irgendwann fertigwerden, wenn man nur immer irgendwie dranbleibt (nicht nur träumend in Gedanken, wobei auch das aus dem Nichts heraus zündende Ideen und schöne Formulierungen liefern kann). Manchmal müssen Dinge meiner Erfahrung nach ein bisschen liegen. In der Zwischenzeit macht man halt andere Sachen fertig und das alte Projekt kann reifen. Man weiß, dass man es noch wo liegen hat und dass es irgendwann vorzeigbar rund werden wird. Mir gibt das Stabilität und Ruhe. Man weiß, woraus man schöpfen kann.

    • Danke für den Kommentar – auch wenn meine Antwort was lange gebraucht hat ;)
      Und ja, klar, wie ich im Artikel auch angerissen habe, es gibt Projekte, die brauchen die Zeit einfach. Mein kommender Roman wäre nicht, was er ist, wenn ich den schon auf halbem Wege veröffentlicht hätte. Da gab es durchaus schon einen Text von A bis Z, aber fertig, fertig war er nicht.
      Von außen kann halt am Ende des Tages niemand beurteilen, ob es sich um Wunschträume oder ehrliche, langfristige Ambition handelt. Darum kann ich die Leute ja auch immer nur um Vertrauen bitten, dass Dinge letztlich fertig werden. Es ist insofern einfach eine Sache, die jeder mit sich selber klären muss – auch wenn dies eine Form von Ehrlichkeit einem selbst gegenüber ist, die nicht immer leicht fällt …

      Viele Grüße,
      Thomas

    • Sehr, sehr wahr.
      Und zugleich natürlich auch gefährlich, weil „done“ ein Zustand ist, den man erst einmal einzuschätzen lernen muss. „Done“ ist es meiner Meinung nach nicht einfach, wenn sagen wir ein Layout auf der letzten Seite angekommen ist oder in einem Text das letzte Wort geschrieben. Aber ja, ist es denn dann einmal vollendet, dann bedarf es auch einfach der Selbsteinschätzung zu akzeptieren, dass dem so ist und es nun an der Zeit ist, den Deckel zuzumachen.

      Egal wie man es wendet – knifflig.

      Viele Grüße,
      Thomas

  2. Pingback: Der Mythos vom guten Equipment | Seelenworte

  3. Pingback: Hüte dich vor lange gehegten Traumprojekten | Eifelarea Film

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