Haben Sie eigentlich schon mal … über Schriftgrößen nachgedacht?

Hallo zusammen!

Dieser Tage begegnete mir eine in sich ganz spannende Meldung – nach all den Jahren kriegt der Kindle derzeit endlich eine manierliche Typographie spendiert, mit neuer Schriftart und – bedeutsam, wenngleich bisher auch peinlich – ordentlichem Blocksatz.
Aber während es eigentlich vor allem erschreckend ist, wie lange die Qualität des Schriftbildes auf vermutlich dem führenden eBook-Reader (und den zugehörigen Apps) zweifelhaft war, kam mir darüber zugleich der Gedanke, dass ich doch eigentlich auch mal wieder ein bisschen was über Typografie hier schreiben könnte.
Aber worüber?
Zum Beispiel über Schriftgrößen!

Bei denen gibt es, abseits der reinen Punktmaß-Werte, drei (bis vier) grundlegende Einstufungen. Das sind zwar generell „nur“ Begrifflichkeiten, aber generell hilft es glaube ich manchem, sich dieses Schema überhaupt einmal vor Augen zu führen. Zunächst einmal ist da der generelle Fließtext. Da gibt es ja heute auch ebenso viele Meinungen wie Leser, wenn es um die Frage geht, wie groß der eigentlich zu sein hat, aber typischerweise werden die Größen 10 bis 12 Punkt als Lesegrößen bezeichnet. Wer also einen eigenen Roman setzt, so als Beispiel, und unsicher ist, was nachher „richtig“ ist, der macht mit diesem Bereich wenig falsch.
Ist die Schrift dagegen kleiner, spricht man von einer Konsultationsgröße; das klassische Beispiel, das man immer wieder findet, ist zum Beispiel die Fußnote. Aber auch Indezes werden gerne in einem solchen Format gehalten.
Größer dagegen sind etwa Überschriften oder auch beispielsweise die Titel auf dem Cover. Der Bereich bis 36 pt. wird daher auch als Schaugröße oder Ferngröße bezeichnet. Wird es dann alldieweil sogar noch größer, dann kann man von Plakatgrößen sprechen, was aber natürlich im Buchbereich im Grunde fast nicht anzutreffen ist.
(Und bevor die ersten bösen Kommentare kommen: Wie leider bei so vielem im Typografie-Bereich ist auch hier alles Lehrmeinung und verhandelbar. Ich habe auch Quellen im Haus, bei denen auch 9pt. als Lesegröße gilt;

Dass das Punktmaß als solches ziemlich problematisch ist, habe ich ja in einem alten Artikel hier schon mal erörtert. Dennoch ist diese grobe Basiseinteilung nützlich, denn der Zweck hat einen erheblichen Einfluss auf die Wahl der Type selbst; bzw. sollte einen haben. Das betrifft gerade die Lese- gegenüber den Schaugrößen. Für Überschriften und Titel kann man mit Zierschriften arbeiten, die aber ihrerseits für den regulären Fließtext völlig ungeeignet sind. Leider trifft man dies aber dennoch immer wieder gerade in Hobby-Projekten an.
Es gibt einen Grund dafür, dass die allermeisten professionellen Buchblöcke in denselben Schriften gehalten zu sein scheinen, Garamond oder Palantino sind so Klassiker. Eine verschnörkelte oder anderweitig eher grafische Schrift kann toll für Überschriften, Titel etc. verwendet werden, aber um am Meter konsumiert zu werden, ist sie unangebracht. Man nennt den Fließtext auch nicht umsonst auch Mengentext.
Gleiches gilt in Abwandlung für Konsultationsgrößen, bei denen letztlich auch das geringe Maß einen Einfluss auf die Lesbarkeit nimmt. Hier findet man aber meiner Erfahrung nach auch weniger Unfug, als bei regulärem Fließtext.

Da kaum eine Branche so viele Spitznamen für Modalitäten zu haben scheint wie das Druckwesen, gibt es die hier natürlich auch – mein Liebling ist der Begriff der Brotschrift zur Bezifferung von (Pi mal Daumen) Lesegrößen; der Legende nach, weil diese dem Setzer zu Lohn und Brot verhelfen. Pi mal Daumen, denn da gibt es auch wieder abweichende Lehrmeinungen, aber das führt hier nun vielleicht zu weit für heute.
Über die Namen für jeden einzelnen Grad – so könnte man eine 11pt.-Schrift auch als Garamond, Korpus, Philosophie oder Long Primer bezeichnen – reden wir denke ich auch ein anderes Mal.

Bevor wir aber dazu kommen, werde ich den nächsten „Haben Sie schon mal …“-Artikel hier glaube ich einigen Mythen widmen, die mit der Druckauflösung von 300 dpi zu tun haben. Aber weder heute, morgen noch nächste Woche.
Fürs nächste Mal habe ich erst einmal etwas weniger Technisches geplant.

Viele Grüße,
Thomas

4 Gedanken zu “Haben Sie eigentlich schon mal … über Schriftgrößen nachgedacht?

  1. Tatsächlich dachte ich darüber erst gestern nach.;-)
    Mein „Problem“ beim Layouten von Texten ist nämlich meistens, dass ich versuche Times New Roman als Schriftart zu vermeiden, wenn es um „Lesetexte“ geht, also alles was nicht Fußnote und Überschrift ist – mein Gefühl von „Naja 10pt sollten schon passen“, wird dann immer da ausgehebelt, wo eine von mir gewählte Schriftart einfach abartig viel größer oder kleiner „ausfällt“, als das „Standartmaß“, das man so gewöhnt ist. Früher habe ich einfach in trial and error Manier größere Textblöcke in mehreren verschiedenen Pt-Größen (8-12 ungefähr) gedruckt, um mal zu sehen was mir am besten gefällt. Nun habe ich seit ewigen Zeiten keinen eigenen Drucker mehr und so musste ich die erste Korrekturfahne für die B(r)uchstücke nochmal komplett überarbeiten, weil als das Buch kam, hatte die Pt10 Schriftart eher den Look von Pt14 und sah nach Kinderbuch aus.^^ In der Endfahne ist da jetzt Pt8 meine „Lesegröße“.
    Für Elysion steht die Auswahl noch aus, ich habe nur gestern einen Versuch eines Klappentextes produziert und auf den Versuch eines Back-Covers gepappt und hatte da wieder das gleiche Problem – am Ende ist der Entwurf jetzt eben doch in TNR Pt.10.;-)
    Vielleicht blogge ich das die Tage mal, dann kannst dir da vielleicht mehr drunter vorstellen…;-)
    LG Ela

    • Moin Ela!

      Sehr gerne kannst du darüber bloggen – dann schaue ich es mir auch noch mal an.
      Ich hatte ja über das verräterische Punktmaß schon mal gebloggt – ein Link dazu ist ja auch im obigen Artikel zu finden – und ja, das macht es wirklich teils nicht einfach. Darum rate ich in der Tendenz auch dazu, „bewährte“ Schriftarten zu nehmen. Die im Artikel genannten Garamond und Palatino etwa, ebenso Minion und vielleicht noch Dante. Und wenn du sie schon nicht verwendest, kannst du sie – etwas krückig, zugegeben – vielleicht zumindest als Maß zur Orientierung nehmen.
      Setze einen Buchstaben und mach aus ihm etwa 10pt. Times oder Garamond, und dann setze einen zweiten daneben, wähle für den die Wunschschriftart und schon siehst du ja den Größen- bzw. Höhenunterschied.

      Einzig von Times würde ich für die finale Auflage wirklich abraten. Einfach weil es über so viele Jahre die Standard-Type in Word war, wirkt es halt immer irgendwie „hausgemacht“, wenn du etwas darin setzt. Was schade ist, eigentlich ist es eine schöne Schriftart, aber wie gesagt, sie ist dahingehend etwas verbrannt.
      (Es gibt auch andere Schriftarten, die man mit Vorsicht (Courier bei Drehbüchern und Skripten, obwohl de facto die Norm) oder bestenfalls mit der Kneifzange (Comic Sans, grrrr …) anfassen sollte, aber das sprengt jetzt hier den Rahmen, denke ich …)

      Aber ja, wie gesagt, ein Blogpost würde mich durchaus interessieren =)

      Viele Grüße,
      Thomas

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