Der leidende Held

Hallo zusammen

Letzte Woche haben wir bei einem Kumpel „White House Down“ geschaut – ein Film, den klug oder clever zu nennen definitiv gelogen wäre. Dennoch hat er mich mal wieder dazu motiviert, über ein Thema nachzudenken, das ich hier schon lange in Worte kleiden wollte. Also … tun wir das doch mal.
In „White House Down“ – gedreht von Independence-Day-Regisseur Roland Emmerich und geschrieben von James Vanderbilt, dessen Portfolio so vielgestaltig ist, dass es von „Welcome to the Jungle“ bis „Zodiac“ reicht –, sieht sich der Personenschützer Channing Tatum in die Situation gezwungen, US-Präsident Jamie Foxx gegen Terroristen zu schützen und gleichzeitig auf seine Tochter Acht geben zu müssen; und all das im Weißen Haus.
Hirnlose Action also, richtig? Ja, durchaus, aber mit einer Einschränkung.
„White House Down“ ist ein Film nach Schema F, ein Reißbrett-Film, aber nicht gemäß aktueller Modelle. Es ist ein Film, wie er in den 1980ern nicht schöner hätte geplant werden können und auch wenn die Inszenierung modern ist, so ist die Dramaturgie eher von gestern. Und das ist nichts Schlechtes.

Aber um vorne zu beginnen: Was den Film in meinen Augen sehr sympathisch macht (auch wenn er dumm ist, das kann ich hier nicht oft genug betonen), sind seine beiden Protagonisten. Der gegen die Waffenlobby einstehende Präsident und der geschieden lebende, ein wenig verplante Personenschützer, der nicht nur den mächtigsten Mann der Welt beschützen soll, sondern nebenbei für die Tochter der coolste Dad der Welt und für die Ex-Frau ein verantwortungsvoller Vater sein will, das sind Figuren ohne unerwartete Tiefen. Die braucht der Film aber auch nicht. Sie sind jedoch keine Superhelden. Und das wird jetzt gleich relevant.
Zunächst: Dies ist kein Rant gegen Superhelden-Filme; auch nicht durch die Blume oder zwischen den Zeilen. Wenn ich hier von Superhelden spreche, dann meine ich damit weder Batman, Thor noch die X-Men, sondern vielmehr etwas anderes. Wenn man die letzten Bilder von „White House Down“ sieht, so sieht man auch verwüstete Protagonisten, die über die gesamte Lauflänge geschunden, verdroschen, in die Ecke gedrängt und fast umgebracht worden sind; Hauptfiguren, die meist reagieren mussten und dann, wenn sie aktiv agieren wollten, oft nur noch mehr abbekommen haben. Und das macht sie, ohne Zweifel, einfach toll.

Es ist eine Formel, die das Kino in den 80ern echt raushatte. Wenn man sich die Ikonen der Filme anschaut, die so Ende der 70er bis Anfang der 90er entstanden sind, so ist dieser Typus fast allgegenwärtig: Ob nun John McClane, Ellen Ripley, Indiana Jones (und quasi eigentlich alle anderen Harrison-Ford-Actionrollen der Zeit) – sie alle sind nicht nur verletzbar, sie werden es auch. Wenn Bruce Willis im ikonischen blutverschmierten Unterhemd dem Schurken entgegentritt, Ripley fast unbekleidet ein letztes Mal (ha!) dem Alien entgegentreten muss oder Indiana Jones das Finale seines ersten Films gar gefesselt an einer Art Marterpfahl verbringt, so fällt es schwer, den oben genutzten Begriff zu zücken – Superhelden. Helden, keine Frage, aber keine Übermenschen.
Im Gegenteil: Wenn sie sich einmal wirklich erheben, wenn sie einmal wirklich dem Schicksal trotzen, dann ist dies ein Akt, für den sie alle Kraft in sich sammeln müssen, ein regelrechtes Stemmen gegen all das, was man ihnen entgegenwirft. Darum ist es so befriedigend, wenn Ripley die Königin im zweiten Teil mit dem Laderoboter verdrischt oder wenn Indiana Jones im „Tempel des Todes“ auf der Hängebrücke die Machete hebt. Im Grunde sind sie in ihren Filmen die Underdogs, der Erfolg im Film ist nicht die Erwartungshaltung, es ist vielmehr das kleine Wunder, das sie erreichen.
Wisst ihr, weshalb ich diese drei Beispiele gewählt habe? Weil es bei allen dreien in ihrem jeweils derzeit jüngsten Film derbe versaut wurde. „Indiana Jones und das Königreich des Kristallschädels“, „Alien: Die Wiedergeburt“ und „Stirb Langsam 5 – Ein guter Tag zu sterben“ schwächeln alle an diesem Punkt; nicht nur, aber diese Brücke verbindet sie alle. Um bei Ripley zu bleiben: Die Klon-Ripley im vierten Teil ist von der Rolle des reagierenden Underdogs in die Badass-Kategorie gewandert – aber sie hat da nichts zu suchen. Es fällt schwer, bei einem der Filme mitzufiebern, weil jeder davon so schnell mehr oder weniger bewusst etabliert, dass man sich als Zuschauer schon nicht um den Goldesel des Franchises Sorgen muss – und darum ist es völlig egal, was passieren wird.

Aber das Problem ist ja durchaus allwaltender. Ich fange gar nicht damit an, dass es vielleicht nicht gerade die beste Idee war, die Jedi zu den Hauptfiguren der „Star Wars“-Prequels zu machen, eine Art Kult, der Gefühllosigkeit in einer gewissen Form zur höchsten Stufe der Erleuchtung deklariert und die demnach, offen gesagt, furchtbar langweilige Figuren ergeben. Zumindest, sofern man sie nicht massiv aus der Reserve lockt. Im meiner Meinung unterschätzten „Die Rache der Sith“ steht ja zumindest genug auf dem Spiel, dass man Partei ergreifen kann – egal was man von dem Film sonst halten mag –, aber „Die dunkle Bedrohung“ hat exakt das Problem, was ich oben geschildert habe: Eigentlich hat man nie das Gefühl, dass etwas auf dem Spiel steht. Was eigentlich umso bitterer ist, wo doch sogar wirklich eine der Hauptfiguren im Film ins Gras beißen wird. Dennoch, es fühlt sich nicht so an – und der scherzende Gestus, mit dem Obi-Wan und Qui-Gon sich durch den Film witzeln unterstreicht das leider nur noch.

Oder man nehme die Hobbit-Filme. Auch hier gilt, dass die Filme immer dann gut funktionieren, wenn man das Menschliche (egal jetzt ob Zwerg, Elf, Mensch oder was auch immer) in den Figuren sieht und, Thema hier, eben auch ihre Verletzbarkeit. Bilbo und Thorin im dritten Teil zu sehen ist herzzerbrechend, weil man das Leid und den Konflikt im Blick des Hobbits sieht. Der Kampf von Saruman gegen die Ringgeister dagegen ist völlig herz- und belanglos.
Wenn die Ringgeister in „Die Gefährten“, dem ersten Teil vom „Herrn der Ringe“, auf der Wetterspitze die Gemeinschaft überfallen und Frodo sogar von der Klinge des Hexenkönigs verletzt wird, dann hat das Gewicht. Dann geht es um etwas. Der Kampf im Hobbit ist viel bildgewaltiger, aber leider auch viel belangloser für den Zuschauer. Wenn der erste der Gefährten das Leben lässt, dann wirkt das nachvollziehbar, weil der Film die gesamte Zeit über kommuniziert hat, dass hier etwas auf dem Spiel steht; dass ein Fehler tödlich sein kann. Wenn im Hobbit-Finale Leute den Tod finden, dann fragt man sich doch eigentlich nur, warum das jetzt tödlich war, wo doch vorher die wilden CGI-Ritte durch Goblin-Höhlen oder den Fluss herab offenbar weitgehend ungefährlich waren.

Die 80er hatten übrigens ein Action-Subgenre, das dieses Modell regelrecht zur Formel erkoren hat – ich will es mal die Martial-Arts-Schüler-Meister-Filme nennen: Böse Jungs tun böse Dinge und der gute Junge kann nichts dagegen tun, sondern bezieht Prügel. Vielleicht verliert er sogar wen dabei. Dann findet er einen Lehrer, gegen den er oft auch erst noch rebelliert, aber der ihm dann die Möglichkeit gibt, es ihnen heimzuzahlen – und dies wiederum meist mit einem Finale, das diese Dramaturgie – „unterlegen – Meisterlektion – Sieg“ – sogar noch mal in sich kopiert.
Karate Kid. Karate Tiger. Kickboxer. Karate Warrior. Egal, wie sie alle hießen.
Schematisch – aber durchaus funktionierend.

Ist also heute alles doof? Nein, durchaus nicht. Auch inhaltlich weit bessere Filme wie der diesjährige „Mad Max: Fury Road“ wissen noch, dass ein bezwingbarer Held zugleich ein identifizierbarer Held ist, genauso wie etwa Netflix‘ „Daredevil“-Serie regelrecht akkurat über die erste Staffel hinweg seine Verletzungen festhält und in Betracht zieht. Das ist durchaus gefällig.
Auch das generische Action-Kino kann das durchaus noch – die „Fast & Furious“-Filme haben etwa durchaus ihre Momente. Andere versuchen es dagegen, aber verfehlen das rechte Maß – es ist ja vermutlich einfach kein „Transformers“-Film mehr möglich, der keine Auferstehung Optimus Primes beinhaltet.
Doch es ist schwieriger geworden, scheint es. Die Wired hatte neulich einen Artikel über die sich verändernde Physis klassischer Actionhelden, der hier nur noch ein neues Fass aufmachen würde, aber die durchaus das gleiche Problem beackert. Ich meine, jeder erinnert sich etwa an die Szene in „Jäger des verlorenen Schatzes“, in der Indy sich mit dem körperlich weit überlegenen Nazi unter den Tragflächen des sich um sich selbst drehenden Flugzeugs kämpft. Viele unserer heutigen Actionhelden wie The Rock oder Vin Diesel sind nicht mal mehr auf gleicher Ebene mit diesem Hünen, sie sind schon weit darüber hinaus. Das ist auch die Wired-These: Es fällt schwer, sich um jemanden wie The Rock zu fürchten, wenn der Kerl geschätzt mehr Muskelmasse hat als die komplette Gruppe, mit der ich „White House Down“ geschaut habe.

So, These ausgesprochen.
Bleibt aber eine Frage: Wie schaut es denn alldieweil am Buchmarkt aus? Immerhin ist dies hier ja doch ein Blog, das dem geschriebenen Wort noch einen Zacken näher steht als dem gefilmten Bild.
Und ich denke, man kann sagen, da sieht es weit besser aus. Der Aspekt der beeindruckenden Physis wie auch das Problem der illusionsbrechenden computergenerierten Gummi-Physik, der ist beim Buch ja einfach nicht gegeben. Und solange etwa im Genre-Bereich „Helden“ wie Harry Dresden noch eine Rolle spielen, so lange kann da Hopfen und Mals echt nicht verloren sein. Dresden ist ja in diesem Aspekt nicht anders als Indiana Jones – ein Schurke mit ausgeprägter Moral und beachtlicher Befähigung, einzustecken.
Und solange eine Buch-Reihe wie „Das Lied von Eis und Feuer“ den Buchmarkt dominieren kann, eine Reihe, die ja eigentlich vor allem mit dem Blut ihrer verstorbenen Hauptfiguren geschrieben wird, solange scheint auch der Leser als solcher Freud am Leid zu haben.
Und auch wenn ich mich ja schon mehrfach darüber ausgelassen habe, dass ich glaube, einer der Reize des Romantasy-Genres liege darin, dass der übernatürliche Love Interest gewissermaßen die Lösung für die dann bald belanglosen alltäglichen Probleme übernimmt, so setzt dies am Ende halt doch voraus, dass diese Probleme da sind. Egal wie trivialisiert sie inszeniert sein mögen.
Natürlich funktioniert Mainstream am Buchmarkt ganz anders, gerade eine elaborierte „Popcorn-Literatur“ gibt es im Sinne der genannten Filmreihen ja auch nicht. Eine logischere Frage müsste dann vermutlich auch erst einmal sein, was das literarische Pendant wäre; aber das führt uns hier und heute glaube ich schlichtweg zu weit.

Eine Lektion für Schreibende allerdings, die ist es aber natürlich dennoch.
Es macht einfach viel mehr Spaß, zu hoffen, dass der nette Kerl, der am Boden liegt, es wieder auf die Füße schafft, anstatt dem ohnehin überlegenen Kerl zuzusehen, wie er relativ unbeteiligt ein vielleicht in sich sogar spannendes Problem löst.
Insofern: Dann geben wir Schreibenden das den Lesern doch auch einfach.

Viele Grüße,
Thomas

Ein Gedanke zu “Der leidende Held

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