Der Mythos vom guten Equipment

Hallo zusammen!

Ich hab da was, das liegt mir schon eine Weile auf der Seele; es ist ein Thema, auf das man auf die eine oder andere Weise immer mal wieder stößt, insbesondere in kreativen Bereichen, die eine gewisse Notwendigkeit aufweisen, Technik zu verwenden. Das klingt kryptisch, aber ich denke, das Beispiel Kamera macht es jetzt gleich schnell deutlich; wichtig ist mir nur: Es geht hier nicht um Kameras.
Es geht um Menschen.
Ihr werdet verstehen.

Neulich hab ich für ein Projekt in meinem Umfeld ein Video und Fotos produziert. Zu dem Zweck waren wir an einer Location und der Verantwortliche fragte mich, ob ein bestimmtes Foto ginge. „Klar“, sagte ich und machte mich daran, die etwas knifflige Einstellung einzurichten. Erfolgreich. Beim Anblick des Ergebnisses aber sagte der Verantwortliche einen Satz, der für mich ein wenig so ist, wie mit blanken Nägeln über eine Kreidetafel zu reiben. „Alter, was hast du für ’ne geile Kamera!“
So, einmal tief durchatmen. Fangen wir vorne an.

Natürlich spielt die Technik der Kamera eine Rolle. Ich weiß noch, dass ich mit meiner ersten Spiegelreflex mal Fotos beim Theater gemacht habe und im Prinzip nur verschiedene Stufen von unscharfer Dunkelheit draufbekam, während der zweite Fotograf mit seiner Paar-Tausend-Euro-Kamera mehr bewegen konnte, keine Frage. Andererseits habe ich mal bei einer Hochzeit Fotos gemacht, wo gefühlt jeder Gast privat auch so ein Foto-Schlachtschiff mitgebracht hatte – und dennoch bekam ich am Ende Lob, weil meine Fotos die einzig schönen Aufnahmen gewesen seien.
Man mag meine Kamera grundsätzlich durchaus als schickes Gerät bezeichnen; für jene, die es interessiert, es ist eine Canon EOS 600D. Das ist eine Spiegelreflexkamera der unteren Mittelklasse. Weder aber spielt sie in der Oberklasse mit (je weniger Stellen die Zahl, desto besser die Kamera bei Canon), noch ist sie noch wirklich aktuellen (sie ist jetzt vier Jahre alt und hat mittlerweile dreieinhalb Nachfolger erhalten). Sie ist ein gutes Gerät, ich mag sie, aber sie ist auch nichts Besonderes.
Meine erste digitale Kamera überhaupt war eine Canon PowerShot A540; so eine kleine Hand-Flitsche, die ich im Laufe der Zeit per Firmware-Hack noch etwas optimieren konnte. Es folgte eine EOS 1000D und nun halt die 600D.

Wo aber liegt der Unterschied, wenn schon nicht an der Technik? Richtig, an der Person, die den Fotoapparat bedient.
Wie ich immer wieder gerne sage: Einen Fotografen am Ende wegen seiner Kamera zu loben ist in etwa so, wie einen Koch ob seines tollen Ofens zu preisen. Sicherlich, es mag ein cooles Gerät sein, aber das Lob sollte noch immer dem gelten, der die Vorzüge am Ende auch zu nutzen wusste.
Niemand lobt einen guten Autor dafür, dass er sich womöglich für eine Tastatur mit Mikroschaltern entschieden hat.

Die Kamera ist ein Hilfsmittel – und ja, natürlich spielen solche Hilfsmittel eine Rolle. Jemand, der weiß, was er tut, wird mit gutem Arbeitsgerät immer bessere Ergebnisse erzielen als mit irgendeiner Behelfslösung. Ich merke das, wenn ich mit Öl male – gute Farben haben durchaus Qualitäten, die sich in der 10-Farben-für-einen-Euro-Schachtel nicht finden lassen mögen. Und jeder, der handwerklich mal eine Weile aktiv war, erkennt irgendwann den maßgeblichen Unterschied zwischen gutem und schlechtem Werkzeug.
Dennoch: Es ist ein Hilfsmittel. Ein Mittel, das dem Schaffenden hilft; schaffen muss er schon noch selber.
Der Grund jedoch, weshalb ich glaube ich auf diesen Satz so allergisch reagiere, ist vielmehr die Unreflektiertheit, die sich darin zeigt. Wer sich denkt: „Mit so einer Kamera könnte ich das auch“, der verkennt meiner Meinung nach bewusst oder unbewusst die Rolle des Fotografen. Die Wahl des genauen Bildausschnitts, die gezielte Verwendung von Licht und Schatten, aber auch von so technischen Aspekten wie der Belichtungszeit, die Einstellung der Blende, die Wahl des ISO-Wertes und dergleichen.
Ich glaube, die allerwenigsten Leute machen dies bewusst; aber viele, viele Leute machen es. Und darum geht es mir hier heute vor allem: Es geht um einen Appell, um eine Bitte des Sich-Bewusst-Machens.

Es geht, wie schon gesagt, auch nicht um Kameras. Aber wer eine interessante Fotomanipulation sieht und den Schöpfer fragt: „Photoshop?“, der verschiebt die Erklärung der Qualität vom Handwerker auf das Werkzeug. Das ist nicht nur unfair ihm gegenüber, es sendet auch für die nächsten Generationen das falsche Signal.
Vielleicht erinnert ihr euch an meinen Artikel darüber, dass man Projekte nicht nur beträumen, sondern auch anfangen soll – das ist ein durchaus verbundenes Problem. Die darin enthaltene Aussage, noch kein Filmprojekt beginnen zu können, weil man kein Geld für eine richtige Kamera hat, ist eng mit dem, was ich hier schreibe, verwoben. Kunstfertigkeit kommt nicht aus dem Equipment, sie kommt aus einem selbst.
Ich bin auch manchmal zu faul, die Spiegelreflex zu holen und ein Objektiv ins Bajonett zu spannen, manchmal mache ich ein Foto, wenn es nur schnell gehen soll, auch einfach mit dem Handy. Für inszenierte Aufnahmen wohl nicht, aber das eine oder andere Foto hier im Blog kam schon vom Lumia oder einem iDevice.
Talent haben hilft, aber nennenswert gut wird man wie in allem vor allem durch Übung. Die Erfahrung ist es, die den Unterschied zwischen einem guten Fotografen und dem „Besitzer einer teuren Kamera“ ausmacht. Wenn jemand also etwas schafft, was euch gefällt, lobt ihn, lobt nicht das Werkzeug.
Und wer weiß – vielleicht bekommt es der eine oder andere angehende Kunstschaffende ja mit. Ich denke, es lohnt sich alleine für jeden, der abkommt vom Wunsch, sich irgendwann die tollste Technik zu holen und hinkommt zu dem Punkt, an dem sein Ehrgeiz erwacht und er so lange üben und lernen möchte, bis auch er gut ist.

Im „schlimmsten“ Fall habt ihr einen Künstler durch eure Anerkennung glücklich gemacht. Im bestmöglichen Fall dagegen noch einen weiteren geschaffen. Und das kann ja eigentlich niemals verkehrt sein.

Viele Grüße,
Thomas

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