Auf den Umfang kommt es an?

Hallo zusammen!

Beginnen wir mit einem Foto:

Auf den Umfang

Zwei Bücher, scheinbar willkürlich aus meinen Regalen gepflückt: Das dicke Buch ist Jim Butchers Codex Alera 2: Im Schatten des Fürsten in der deutschen Ausgabe von Blanvalet, das andere Buch ist Bernhard Hennens Gezeitenwelt 1: Der Wahrträumer in der Piper-Taschenbuch-Ausgabe. Es gab inhaltlich keinerlei Grund, weshalb es gerade diese beiden Titel geworden sind, wohl aber ein starkes, verbindendes Element: Der Umfang.
Beide Bücher sind 640 Seiten schwer.

Nur wenn das so ist, weshalb ist der Butcher dann 1,5cm höher als der Hennen?
Nun, rein technisch gesehen ist das noch leicht zu erklären. Die Dicke eines Buches wird maßgeblich von drei Faktoren bestimmt: Der Seitenzahl, dem Papiergewicht und dem Volumenfaktor. Seitenzahl ist klar, Papiergewicht kennt auch jeder, etwa wenn er mal Druckerpapier gekauft hat und da etwas vom „80gr.“ stand. Der Volumenfaktor ist dabei aber der größte Joker und kann in Relation zu einem anderen Buch schnell mal verdoppeln, was man vor sich hat.
Aber nun gut, das ist eine produktionsbedingte Frage. Interessanter ist vielleicht die Frage, warum Verlage das tun.

Der Buchmarkt erlebt seit langem einen Ruck hin zu größeren, wuchtigeren Produkten. Wenn ihr mal in Antiquariaten, auf Flohmärkten oder falls möglich im eigenen Schrank die Taschenbücher der 90er mit den Taschenbüchern der Gegenwart vergleicht, dann werdet ihr sehen, was ich meine. Das liegt teilweise daran, dass Bücher auch einfach umfangreicher werden – und in manchen Genres wie der Phantastik der geradezu fanatische Drang vorzuherrschen scheint, aus allem einen Zyklus zu machen –, aber das liegt auch an der Verarbeitung.
Es ist jetzt grob zwei Jahre her, dass ich hier vom Unterschied des Taschenbuchs zum modernen Paperback schrieb, doch letztlich schlägt auch das noch immer in die gleiche Kerbe: Die Bücher sollen voluminöser, edler und – Schlüsselwort – wertiger erscheinen.

Wertig. Das führt zu einer interessanten Frage, die letztlich beispielsweise auch noch ein anderes Schlachtfeld tangiert, nämlich das eBook, worauf ich aus Gründen des thematischen Fokus hier nur am Rande eingehen will. Die Frage aber lautet: Was genau bezahlt der Kunde, wenn er ein Buch erwirbt?
Klingt trivialer, als es ist. Das physische Objekt an sich, ich denke das kann man mittlerweile sicher sagen, ist es nicht. Sonst wären eBooks in Relation zum Buch günstiger. Aus Verlagssicht lautet die Antwort demnach natürlich erst einmal ganz abgeklärt: Der Kunde finanziert Lektorat, Korrektorat, Layout, ggf. Illustrationen und natürlich das Honorar des Autoren sowie den effektiven Gewinn des Verlags.
Das ist, wofür der Kunde letztlich zahlt, aber es ist nicht, was er kauft, aus seiner Sicht. So wie ich auch weiß, dass das Geld für die Milch auf dem Wochenmarkt vom Bauern teilweise gebraucht wird, um weiterhin Milch produzieren zu können; ich will aber doch nur was haben, was ich in Kakao und Tee kippe.

Verschiedene Antworten sind an diesem Punkt möglich: Möglicherweise zahlt der Kunde für eine Geschichte. Er bezahlt gewissermaßen einen Geschichtenerzähler dafür, dass der ihm eine darbietet. Oder, etwas weiter gefasst, er bezahlt für eine Erfahrung; die Immersion in die Geschichte, ein gesundes Maß an Eskapismus, der Rückzug fort aus dem Alltag und hin an exotische Strände oder in packende Raumschlachten. Das ist ein Punkt, an dem ich mich rein intuitiv sehr wohl fühle, etwas, was ich aus meinem eigenen Verhalten heraus bestätigen kann. Aber es ist kein Standpunkt, der sich mit bewusst dick gemachten Büchern deckt. (Und, ich habe diesen Punkt bisher nur implizit hier angenommen – ja, ich habe in der Vergangenheit bereits für Verlage gearbeitet, die wollten, dass ihre Bücher dicker wirken. Das ist keine Vermutung. Und ich nenne keine Namen; klar, oder?)
In Zeiten, in denen Leute gerne mehr aufs Geld gucken, ist Sparsamkeit zu einem Faktor geworden. Bücher sind über die Jahre in einem wahnsinnigen Verhältnis teurer geworden, doch soll der Kunde ja das Gefühl haben, dass er auch etwas für sein Geld bekommt. Ob das Buch, das er in der Hand hat, gut ist, das muss er selber herausfinden – auch wenn natürlich Backcover-Lob, aufgedruckte oder -geklebte Buchpreise und dergleichen explizit versuchen, auch auf diesem Kanal den potenziellen Käufer zu erreichen. Was man ihm aber viel, viel intuitiver vermitteln kann, ist ein völlig irrwitziger Wert: Ein Maß von Stunden Inhalt pro bezahltem Euro.

In der Tendenz ist das eine Relation, in der Bücher natürlich erst einmal gut dastehen. Wenn mich ein Kinoabend mit Popcorn zwischen 15 und 20 Euro kostet, dann kriege ich da halt drei bis vier gesellige Stunden Unterhaltung raus; nahezu jedes (belletristische) Buch in der Preisklasse sollte das toppen.
Aber der Gedanke kriecht halt auch in den Buchmarkt selbst. „Die Bücher von Verlag x bieten im Schnitt 100 Seiten mehr für das Geld“ ist so eine Aussage, die man dort findet. Oder man bewegt sich in den Kleinverlags-Bereich, wo Bücher aufgrund geringerer Auflagen naturgemäß etwas teurer sind. Es ist ein Schritt hin zu einer Überlegung, die glaube ich viele frühe Leser mit ihrem Taschengeld geführt haben – wie kann ich es investieren, um ein Maximum an Lesevergnügen zu erlangen?

Aber es ist natürlich ein Trugschluss. Ein Trugschluss, der schon im letzten Satz verborgen lag: Denn was uns das dicke Buch zunächst einmal vermittelt, ist, na ja, die Dicke. Es ist ja nicht mal die Lesedauer, denn ggf. täuscht das Buch an, indem es ungewöhnlich dick oder dünn für seinen Umfang ist. Es ist erst Recht nicht die Frage nach Lesevergnügen, denn ein tolles Buch kann dünn, ein dickes Buch kann Mist sein.
Dennoch findet sich diese Frage mittlerweile auch in weitaus mehr Medienfeldern als nur auf dem Buchmarkt. Videospiele, die ja auch noch mit dem Fluch der historisch gewachsenen und oftmals in meinen Augen völlig nutzlosen numerischen Spielebewertungen zu kämpfen haben, kennen das Dilemma vielleicht noch extremer: Da steht dann ein Skyrim, dessen Hauptstory in ca. 33 Stunden zu schaffen ist und das eine gemittelte Nutzerwertung von 8.0 aufweist neben einem Spiel wie Portal, das in ziemlich genau einem Zehntel der Zeit zu bezwingen ist und zugleich eine Nutzerwertung von 9.4 besitzt.
Kurzum: Umfang ist nicht alles. Aber er ist ein wirksames Werbewerkzeug.

Warum ich darüber schreibe?
Damit es Leuten bewusst wird. Ich finde Qualität sollte immer über Quantität trumpfen; aber damit das passiert, muss letztlich der Käufer auch so entscheiden. Es ist ein wenig wie halt auch mit den Klappbroschuren – der Mehrgewinn durch ein nach innen noch mal umgeschlagenes Cover für den Kunden geht gegen null; der Verlag dagegen freut sich, indem er den Preis erhöht. Das ist letztlich legitim, wie so oft kann nur betont werden, dass der Verlag letztlich da ist, um Bücher zu verlegen und damit Geld zu verdienen.
Aber so wie dort ist es manchmal schwierig, wirklich was dagegen zu tun, denn in seltensten Fällen wird es zwei Ausgaben parallel geben, sodass man die weniger aufgeplusterte Variante wählen und so ein Statement machen könnte. Mehr noch, zwischen Paperback-Klappbroschur und eBook wird das Feld der schlichten Gebrauchsbücher vermutlich auch eher schrumpfen; das digitale Buch für den, der wirklich vor allem an den Inhalt will (und der dabei nebenbei auch schwerer zu lumpen ist, was den Umfang betrifft), das gedruckte Buch für den Liebhaber gedruckter Bücher, der natürlich zugleich auch empfindsamer ist, was die Verlockungen schöner, aufwändiger Titel anbelangt.

Dennoch: Bewusst darauf zu achten, wird nicht schaden.
Als Kunde informierter zu sein, das hat tatsächlich noch nie geschadet, denke ich.
Ich kaufe mir meine Bücher ja auch weiterhin. Aber ich zumindest fühle mich ein wenig besser, wenn ich verstehe, warum man mir Sachen so versucht zu verkaufen, wie man es tut.

Viele Grüße,
Thomas

2 Gedanken zu “Auf den Umfang kommt es an?

  1. In einer der letzten Geek!-Ausgaben war auch ein Special zum Ebook und dort wird auch davon ausgegangen, dass das klassische Taschenbuch als günstige Variante zum Hardcover an Bedeutung verlieren wird, weil die Nische vom Ebook zu einem Teil erfüllt wird. Von den Viellesern und vor allem Konsumenten, die Inhalte zu einem attraktiven Preis wollen. Die Klappbroschur hält dem zumindest etwas mehr haptischen und optischen Luxus entgegen, um andere Leute anzusprechen.
    Zum anderen ist der Umfang tatsächlich wichtig, das mehr einfach nach mehr aussieht und der Käufer das Gefühl hat, mehr Leistung für sein Geld zu bekommen, wenn das Buch dicker ist. Das ist der erste, impulsive Eindruck, der praktisch nichts mit rationalen Überlegungen zu tun hat. Die deutsche Ausgabe von Iron Kingdoms ist mehr als 30% dünner als die amerikanische Ausgabe, obwohl die Papierstärke gleich ist, die Amis aber dickes Volumenpapier nutzen. Ich schaue in den Schrank und denke mir „Die amerikanische Ausgabe bietet mehr für mein Geld, da dicker“. Ebenso Romane in Großdruck mit mehreren cm Schmutzrändern, die nicht mehr Inhalt bieten, aber suggieren, dass man mehr für sein Geld bekommt. Ich denke nicht, dass Verlage davon ausgehen, dass Kunden doof sind und das nicht durchschauen, aber rationale Entscheidungen sind beim Kauf nachrangig. Das Gefühl entscheidet.

    • Moin!

      Es ist wirklich geradezu absurd – und klar, davon freisprechen kann ich mich genauso wenig. Die deutsche Mantikore-Ausgabe vom ersten Band der „Black Company“ ist gefühlt doppelt so groß wie die ersten beiden englischen Bücher und ja, das deutsche Buch fühlt sich nach mehr an. Gleiches mit meiner Übersetzung vom ersten Dumarest – ja, da ist sogar mehr drin, aufgrund der gekürzten Übersetzung der alten Ausgabe, aber nicht in der Relation, die das Buch suggeriert.
      Wobei das Pendel zumindest bei mir in beide Richtungen schwingen kann – da ist ja notorisch wenig Zeit zum Lesen habe, sind dicke Bücher halt auch mal ein Grund, das Teil nicht zu erwerben – wissend, dass ich einfach nicht die nächsten Monate ein- und dasselbe Buch lesen will. Oder dass es halt auf den Stapel kommt, bis ich mal wieder Urlaub habe …

      Was die Klappbroschur angeht, da bin ich nach wie vor irgendwie inkompatibel. Ein „schlichtes“ Taschenbuch alter Schule, so wie meinethalben die DSA-Romane bei Ulisses es ja noch immer sind oder wie es eben auch meine Bücher sind und bleiben, wird bei mir immer den Vorzug kriegen. Ich weiß aber auch, dass genug Leute das anders sehen, so ist das nicht …
      (Und für anderen Kram, Sonderfarben, UV-Lack und Prägung etwa, bin ich ja dann wiederum genauso empfänglich ;))

      Na mal sehen, wohin uns das alles noch führen wird :)

      Viele Grüße,
      Thomas

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