Über die Liebe zum Film

Hallo zusammen!

Ich hab da unter dem Titel „Guckt Filme!“ vor einer Weile im Eifelarea-Blog schon mal etwas zu dem Thema geschrieben, das ich hier heute ansprechen möchte. Aber es lag mir irgendwie auf dem Herzen, es hier auch noch mal in einer eher persönlichen Perspektive anzugehen. Die Liebe zum Film.
Und ja, das ist diesmal ein sehr persönlich-biographischer Text, aber vertraut mir, anders als so oft hab ich diesmal tatsächlich einen Punkt, auf den ich hinaus möchte.

Das mit der Liebe zum Film ist derzeit ja irgendwie allwaltend Thema, nicht zuletzt dank des aktuellen Star-Wars-Films. Und meiner Begeisterung für den Film hab ich ja auch schon an verschiedenen Stellen Ausdruck verliehen, auf Twitter, im DORPCast und in vielen, vielen persönlichen Gesprächen.
Dabei ist der Krieg der Sterne sogar noch gravierender mit meiner Liebe zum Film verknüpft.

Ein vielleicht nicht so oft hier erzählter Fakt ist, dass ich als Kind in wirklich jungen Jahren mit Fernsehen und Filmen nichts anzufangen wusste. Also in wirklich jungen Jahren. Meine Eltern berichten immer wieder gerne, dass ich, als alle anderen Kinder im Sesamstraßen- und Sendung-mit-der-Maus-Fieber waren, da gar kein Interesse zeigte.
Das änderte sich graduell, die He-Man-Zeichentrickserie sowie allgemein Tele5 hatten da viel Einfluss, aber meine erste richtig intensive Annäherung an Spielfilme war dann eben Krieg der Sterne. Ich habe noch lebhafte Erinnerungen daran, wie ich in unserem Wohnzimmer vor dem Sessel am Fernseher saß und an drei aufeinanderfolgenden Tagen jeweils vormittags die Filme schaute, je am Vortag abends auf Sat.1 aufgenommen.
(Erinnert ihr euch, wenn ihr alt genug seid, an die Bälle, die bei Sat.1 herunterfielen und die Werbepausen einläuteten? Ich habe mich Jahre gefragt, wie Boba Fett unsere Helden auf Bespin aufspüren konnte, weil der Shot, in der die Slave 1 dem Falken hinterherfliegt, nachdem der seinen Müllabwurf-Stunt gebracht hat, von den Bällen überlagert wurde. Aber herrje, meine VHS-Aufnahme vom ersten Film hat noch eine Anmoderation … so zum Thema „sich alt fühlen“.)

Star Wars also. Meine zweite Leidenschaft war dann vielleicht weniger zeitlos und ruhmreich, aber was dann folgte – auch da war ich glaube ich einfach arg Kind meiner Generation – waren zahllose Ninja- und Karate-Filme. JVCD, Dudikoff, oh Helden meiner Kindheit. Diese Filme sind … weniger gut gealtert als das Space-Fantasy-Epos um Jedi-Ritter und das böse Imperium, doch haben auch diese Filme bis heute einen warmen Fleck in meinem Herzen.
Es folgten dann eine Reihe von Filmen, an die ich mich noch heute erinnern kann, weil sie bei mir Grenzen überschritten. Nicht im Tabu-Sinne, sondern weil es Filme waren, die ich bewusst geschaut habe. Über die ich danach nachgedacht, über deren Machart reflektiert habe. The Crow war einer davon, Sieben definitiv auch – beides Filme, die ich ebenfalls auch heute noch für Meisterwerke halte. Aber auch zum Beispiel Reality Bites oder Screamers, was mir wohl niemand so recht erklären kann. Das alles war schön und gut, aber auch nicht der wirkliche Dammbruch.

Der kam, wie wohl auch so oft, mit einem Freundeskreis, in den ich hinein geriet; die Leute, die man nach außen als DORP wahrnimmt. Die fuhren, weil sie teils ein Jahr älter waren und darum teils schon Führerscheine hatten, in die nächstgelegene Stadt ins Kino. Also, regelmäßig. Zeitlich liegen wir nun in der Erzählung tatsächlich schon irgendwo rund um die Jahrtausendwende und nun, dies änderte dann eine Menge. War ich den vorigen zehn Jahren vielleicht fünf Mal im Kino gewesen, ging ich plötzlich in einem Jahr 30 Mal ins Kino. Klar, dass das die Perspektive nachhaltig ändert.
Was aber noch wichtiger war: Am Ende eines der ersten gemeinsamen Kino-Besuche – ich meine, dass es Die Mumie kehrt zurück war, aber beschwören würde ich das niemals – wurde ich gefragt, ob ich danach noch mit zu diesem Kerl namens Ralf gehen wollte. Ralf besaß nämlich mehrere Dinge, von denen ich nur theoretisch wusste, dass sie existierten – einen DVD-Player und eine Heimkino-Soundanlage beispielsweise. Insofern sei es total wichtig, dass er mir die Arena-Kampfszene aus Gladiator zeige, fanden alle, weil da der Subwoofer so wummerte, dass im angrenzenden Schrank die Gläser hüpften; ebenso schien es immens wichtig, dass wir alle die DVD von Hollow Man sähen, des hervorragenden Bildes wegen. (Und andere Besonderheiten.)

Im Nachhinein war es unfassbar bedeutsam, an jenem Abend mitzugehen. Es ebnete mir den Weg hin zu einer Tradition, von der wir bis heute mit wehmütigen Augen als den Montagabenden sprechen. Wir trafen uns jeden Montagabend – denkt daran, wir sind in der Chronologie noch immer Anfang 2000, wir alle sind Schüler mit einem Übermaß an Freizeit – bei Ralf und … schauten Filme. Was für Filme? Alle Filme.
Ralf besaß ein ganzes kleines Zimmerchen voll mit VHS-Bändern, viele davon TV-Aufnahmen. In der Regel mit mehreren Filmen pro Band, selten thematisch, meist eher nach Lauflänge und Aufnahme-Ökonomie sortiert. Manchmal zogen wir blind ein Tape und schauten einfach, was kam. Manchmal wollten wir einen Film sehen „und nahmen den Rest mit“. Kurzum: Wir sahen eine Menge.
Und das nun führt uns langsam dem Punkt entgegen, zu dem ich hinmöchte. Wir schauten eine Menge; nicht aber wahllos, denn effektiv war Ralfs Aufnahme-Auswahl unser Filter. Aber wir schauten eine Menge obskure Dinge, weil Ralf bis heute gerade bei älteren Filmen und deutschen Produktionen ein Händchen und Wissen besitzt, dem zu folgen oft lohnend ist. Mittlerweile haben wir alle unsere Nischen und unsere FIlm-Sammlungen, aber vorangeritten ist er.
Was uns das gegeben hat, ist dann das, worauf ich hinauswollte.
Und wofür es keinen guten deutschen Namen gibt.

Im Englischen spricht man von filmic literacy. Literacy ist das, was Analphabeten fehlt – die Fähigkeit, ein Symbolsystem gewinnbringend auszulesen. Literalität haben wir da im Deutschen, aber es ist nur eine Lehnübersetzung des englischen Begriffs.
Wie dem auch sei: Filmische Literalität wäre demnach die Befähigung, filmische Symbolsysteme, also im Endeffekt Filme an sich, zu dekodieren. Zu verstehen. Zu verarbeiten. Und es ist etwas, was in unserer Gesellschaft erschreckend wenig gewürdigt und gelehrt wird.
Viele Leute gucken Filme; vermutlich guckt sogar eine überwältigende Mehrheit Filme. Aber viele Leute gucken passiv und verarbeiten nicht wirklich für sich, was sie sehen. Manches davon hat dann eine gewisse Tendenz vom filmischen Analphabetismus.
Der beste Weg, Zugang zum Thema Film zu erlangen, ist Filme bewusst zu schauen. Bewusst ist hier wichtig – es reicht nicht, einfach nur draufzustarren und sich berieseln zu lassen. Man muss umgekehrt auch nicht gleich mit wissenschaftlichen Kanonen auf den Film schießen, aber man kann versuchen zu verstehen, warum er tut, was er tut, was funktioniert und was nicht und bei beidem: warum.
Warum man das alles tun sollte? Weil es einen bereichert. Es ist wie mit allen Medien – wer mal einen Roman liest, kann Spaß daran haben. Wer viele Romane liest und ein wenig darüber nachdenkt, kann das, was er liest, in einen Kontext bringen, kann es verorten, kann damit arbeiten.
Für Comics oder Videospiele gilt das ebenso … und gleichsam für Filme.

Nun könnte man natürlich argumentieren, dass es ja nun die Sache eines jeden einzelnen ist, wie sehr er sich etwa mit einem Film auseinandersetzen will. Doch das nun ist der Punkt, wo das Internet ins Spiel kommt.
Michael sagt im aktuellen DORPCast, jeder sei heutzutage ein Kritiker. Das stimmt. Das Internet gibt jedem eine Stimme, um Filme zu kritisieren und war das in der Zeit der obigen frühen Anekdoten noch etwas, was sich alleine auf privaten Webseiten oder in exotischen Foren fernab der Masse abspielte, wurde es mit Blogs gangbarer und heute im Rahmen von social media allgegenwärtig. Hier nun aber kann es schmerzend bewusst werden, wenn etwa wirklich gute, aber eben komplex-anspruchsvolle Filme, von vielen Mäulern zerrissen werden, nicht mal mit böser Absicht, aber gepflanzt auf einem Acker des Unwissens.

Wir haben einen kulturellen Anspruch an unsere Gesellschaft, dass wir mindestens lese- und schreibfähige, idealerweise aber sogar belesene Kinder großziehen. Warum lesen wir mit ihnen in der Schule Shakespeare, Goethe, Fontane und co. Darum halten wir (noch?) Geisteswissenschaften auf einem zweiten Podest neben den Naturwissenschaften aufrecht, obwohl es so viel einfacher scheint zu erklären, wie die Letztgenannten unsere Gesellschaft voranbringen.
Aber aus irgendeinem Grund scheint es nicht wirklich angenommen zu werden, dass die Sprache Film etwas ist, was sich zu lehren lohnt. Und weil ich weder glaube, dass sich das in nächster Zeit ändern wird, noch davon überzeugt bin, dass ein Versuch von staatlicher Seite, da eine Änderung zu bewirken,  so richtig gelungen ausfallen würde (aktuelle Lehrpläne seien mein Zeuge) … nun, da bleibt nur eines.
„Guckt Filme!“, schrieb ich im Eifelarea-Blog.
„Guckt Filme!“, schreibe ich auch hier. Im Grunde geht es mir hier vor allem um eine basale Erkenntnis: Filme haben eine Tiefe, die sich einem vor allem erschließt, wenn man sich mit ihnen beschäftigt. Nicht mit einigen wenigen Filmen, oder mit einer ausgewählten Komfortzone, sondern mit Film insgesamt.
Es ist für einen selber lohnend.
Und kulturell für uns wichtig, denn egal wie stark das Internet sein mag und wie sehr die Wege der Übermittlung sich ändern mögen, Film ist – und ich wette: bleibt – eines der Leitmedien unserer Zeit.

Es wäre wohl an der Zeit, dass wir uns dem einmal bewusster werden.

Viele Grüße,
Thomas

3 Gedanken zu “Über die Liebe zum Film

  1. Ich bin da noch hoffnungsvoll, was die Entwicklung der Kulturwissenschaften angeht. Überleg mal, wie lange es gedauert hat, bis sich echte Philologien herausgebildet haben. Die Mühlen der Wissenschaft mahlen langsam. Es gibt ja durchaus schon lange ernsthafte Auseinandersetzung mit Filmen, aber eben noch recht abseitig. Und bis etwas auf den Lehrplänen ankommt, braucht es ewig, auch in den Naturwissenschaften.

    • Ich mache mir auch keine Sorgen um die Kulturwissenschaften; ja, die werden das schon hinbekommen. Ich hab ja durchaus an der RWTH auch einiges über Filmanalyse und -produktion gelernt und denke, dass es auch da eine fast überraschend gute Lehre war (das war noch beim Manfred Rüsel; über dessen Nachfolger kann ich wiederum nichts sagen).
      Es geht mir aber ja gleichsam um die „breite Masse“; denn deren eigene Stimme ist mittlerweile für das allgemeine Publikum vermutlich ohnehin lauter als kulturwissenschaftliche Betrachtungen oder das Feuilleton. Auch geht’s mir nicht um Elitismus, darum zu sagen, dass alle anderen Filme nicht verstehen oder so … vielmehr soll’s einfach auffordern, aufmuntern, genauer hinzuschauen; und zwar jetzt, nicht, wenn die Lehrpläne ohne Zweifel irgendwann einmal kommen werden :)

      • Genau hinschauen erfordert aber nun mal gewisse Ressourcen, die nicht gleichmäßig unter den potenziellen Rezipienten verteilt sind. Deswegen ist das „allgemeine Publikum“ so zusammengesetzt, wie es ist. Dann lieber ein paar alte verknatterte Feuilleton-Eliten bemühen, als sich auf Markt und Masse verlassen… :-/

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