Drei kurze Kommentare zu drei sehr unterschiedlichen Themen sowie ein Fazit

Hallo zusammen!

Eigentlich wollte ich gar nicht direkt heute schon wieder bloggen, aber es kamen da jetzt drei Sachen zusammen, zu denen ich zumindest ein paar Takte sagen wollte, aber für die Twitter dann doch zu kurz war.
Voll ausgeführte Gedanken werden es heute aber unter Umständen auch nicht sein, da es doch schon spät ist, als ich das hier (gestern Abend, sozusagen) vorschreibe. Mein Hilde-Co-Regisseur Ralf muss mich in letzter Zeit eh viel zu oft auf Tippfehler hier hinweisen; aber es steht gerade auch einfach zu viel an.
Schwadronieren wir nicht weiter, sondern legen los …

Roger Willemsen ist tot. Das ist, selbst in einem Jahr, das gefühlt ohnehin einen bemerkenswerten Menschen nach dem anderen von uns zu nehmen scheint, eine bittere Pille. Aber andere sind qualifizierter, denke ich, da einen angemessenen Nachruf zu schreiben. Sascha Lobo hat einen sehr bemerkenswerten Text dazu geschrieben, so als Beispiel.
Ich habe tatsächlich mit Willemsens Tun weniger Berührungspunkte gehabt als man vielleicht meinen sollte, aber einen dafür umso mehr: Sein Buch „Deutschlandreise“ habe ich zu einer Zeit in die Finger bekommen, als gerade eine Menge in meinem Leben arg im Umbruch war und in der ich in Folge viele Weichen gestellt habe, ohne die ich heute vermutlich so auch nicht hier wäre. Das Buch, kaum mehr als 200 Seiten, hat mich damals sehr bewegt und ist bis heute in meinen Gedanken immer wieder präsent. Welches Lob kann ich einem Autor letztlich aussprechen, das größer wäre als zu sagen: „Du hast mein Leben verändert“?
Ich habe das Buch damals übrigens auch auf der DORP noch rezensiert und insbesondere im letzten Absatz mag man einiges herausschmecken, was etwa auch Artikel hier im Blog schon stark geprägt hat.

So, das war Thema 1. Achtung, der Themensprung jetzt wird happig, aber bleibt mal dran, am Ende führt es doch zusammen.
Als die Macher von Gametrailers – einer Webseite, die ich hier ja auch das eine oder andere Mal erwähnt habe – gestern zur Arbeit erschienen, erwartete sie eine üble Überraschung: Es gab ihre Arbeit nicht mehr. Defy Media, mittlerweile Inhaber ihrer Webseite nach diversen Wechseln, hatte den Laden nach 13 Jahren konstanten Outputs ohne vorauseilenden Hinweis dicht gemacht.

Das traf mich mehr, als ich gedacht hatte; obwohl mir im Nachdenken schnell klar wurde, warum. Ihr Podcast GT Time ist einer meiner liebsten Podcasts gewesen, um sie bei der Arbeit zu hören und die Art und Weise, wie sie gerade in den letzten Jahren die Webseite geführt haben, war für mich immer inspirierend. In gewisser Weise fühlte es sich für mich immer sehr nah an, nahe an dem, was zum Beispiel unsere DORP hätte analog sein können, wenn wir uns in einem wirtschaftlich ertragreicheren Feld bewegt und dazu entschieden hätten, den Web-Journalismus als Beruf zu machen. Ich fühlte mich der ganzen Crew sehr verbunden.
Hinzu kommt, dass GT – so trivial das klingen mag – in mancherlei Hinsicht meine Meinung zum Medienjournalismus erheblich verändert hat. Die Seite war persönlich, getragen von oft differierenden Einzelmeinungen, einerseits konstant im Output, andererseits aber auch mal zu völligem Gonzo-Videospieljournalismus tendierend. Ergänzt um zahlreiche Insider-Witze und sogar eine Art Metaplot, der das alles zusammenhielt. Es war eine Seite, die mich als Kreativschaffenden inspirieren konnte.

Zu den wirtschaftlichen Hintergründen hat Jim Sterling einen interessanten Text verfasst, aber darum soll es hier nicht gehen; denn vielmehr gibt es einen Grund, warum ich den Tod Willemsens und das Ende der Webseite so zusammenführe.
Wir bewegen uns als medial interessierte Menschen heute in einem interessanten Spannungsfeld; ob nun eher in traditionellen Medien wie bei Willemsen oder eher in den „neuen Medien“ wie die GT-Crew, in gewisser Weise laden wir fremde Schaffende in unsere Leben ein. Sie sind Wegbegleiter, wenn auch in einer mehr oder weniger einseitigen Beziehung, und als solche auf gewisse Weise auch Teil unseres Alltags.
Solltet ihr zu den Lesern hier gehören, die nicht Teil meines persönlichen Umfelds sind, dann ist unsere Beziehung – meine und deine – gar nicht so anders. Die unvermeidliche Endlichkeit einer solchen Beziehung ist etwas, was als Schatten glaube ich nur selten präsent wird; aber es ist da.
Auf der anderen Seite aber haben Willemsen und die GT-Crew für mich persönlich eines gemeinsam: Sie haben mein Leben erweitert. Bereichert.
Oder, stärker formuliert: Sie haben mein Leben und – ich glaube zumindest – auch mich als Menschen besser gemacht.
Das ist eine Gabe, ein Geschenk.
Und das verdient Dankbarkeit.

Aus diesem Winkel kommen wir dann auch zu Thema 3: In der Zeit schreibt Michael Allmaier darüber, dass es an der Zeit ist, seine Bücher rauszuwerfen. Wieder etwas ganz anderes also. Michael (Mingers, nicht all Allmaier) schickte mir den Artikel gestern und ich muss am Ende sagen, dass der Text mich, als ich ihn abends endlich in Ruhe lesen konnte, gar nicht überzeugt hat.
Ich könnte jetzt Absatz für Absatz durch den Text gehen und jeweils widersprechen, aber das mag ich nicht. Ich könnte auch auf einer umfassenden Ebene ganz grundlegend zum Thema schreiben, aber das muss ich gar nicht, denn die Bloggerin Zeitzeugin hat das bereits übernommen und so gut auf den Punkt gebracht, dass ich wenig hinzuzufügen habe.
Bis auf einen Punkt.
Der entscheidende Satz im Allmaier-Text ist für mich der, an dem er schreibt: „Bei meinem aktuellen Lesetempo schaffe ich bis ans Lebensende bestenfalls noch einen Meter Billy.“
Ich komme weit weniger zum Lesen als früher, weit weniger, aber zwei Regalmeter habe ich letztes Jahr doch noch geschafft. Ich glaube persönlich, dass das auch der Knackpunkt ist, an dem sein Text sein wahres Thema entlarvt – nicht der Bücher ist der Autor müde, sondern des Lesens. Das eBook beispielsweise führt ja auch nicht dazu, dass man noch mal mehr gelesen bekäme, es verbirgt es allenfalls besser, da keine Buchregale den Raum säumen und vom Ungelesenen künden.
Lesen ist, das wird wohl kaum einer abstreiten, ein Hobby, das man sich in stressiger Alltagsphase erarbeiten muss, erkämpfen. Klar könnte ich jetzt Netflix/Steam/die X-Box anwerfe und meine Zeit medial verbringen, Facebook, Twitter und Instagram kann man ja auch immer wieder checken – doch kann ich mich auch bewusst für das Buch entscheiden. Da gibt es kein „richtig“ und kein „falsch“, keine moralische Prägung; aber möglicherweise ein bisschen Selbsterkenntnis, was man eigentlich wirklich will. (Im Gegensatz zu dem, was man wollen will, sozusagen.)
Um den Bogen zu den obigen Abschnitten zu schlagen: Dass Bücher den eigenen Horizont erweitern können, zeigt mein Beispiel Willemsen. Wo das aber noch naheliegend scheint, war er doch einer der namhafteren Intellektuellen in Deutschland, ist eine Videospiel-Webseite dann davon weit entfernt. Dennoch: Dass auch ein Video-Portal den Horizont erweitern kann, sieht man am Beispiel GT.
Und darin liegt dann am Ende vielleicht das Quäntchen Wahrheit, auf das ich hier hingeschrieben habe: Vielleicht sollten wir weniger über die Wertigkeit und Zukunftssicherheit von Medien philosophieren, sondern am Ende vor allem eines nicht aus den Augen verlieren: Dass uns andere durch ihr kulturelles Tun das Leben so unfassbar bereichern können, verdient Dankbarkeit. Dass es uns hier im Einzugsgebiet dieses Blogs so einfach ist, an entsprechende Medien zu kommen, entsprechend auch.

Insofern werden uns letztlich zahllose Möglichkeiten gegeben, unseren intellektuellen Horizont in schier beliebige Richtungen zu erweitern. Der einzige Fehler, den wir machen könnten, wäre, dieses Angebot nicht zu nutzen.
Und plötzlich passt auch wieder der letzte Satz, mit dem ich die oben genannte „Deutschlandreise“-Rezension beschlossen habe:

Vor allem aber hilft [das Buch] einem, noch mal mit etwas Abstand Blicke auf den eigenen Alltag zu werfen und etwas jenen Blick zu kultivieren, der auch einen guten Erzähler auszeichnet: die Fähigkeit, im Alltag noch jeden Tag etwas Neues zu entdecken, oder wenigstens dem Alten einige neue Facetten abzuringen.

So, sauber. Kreis geschlossen.

Damit bleibt nur noch eines heute zu sagen: Danke. Danke, dass ihr hier mitlest.
Es bedeutet mir eine Menge.
Ich geh auch auf absehbare Zeit nicht weg. Versprochen.

Viele Grüße,
Thomas

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