Gibt es zu lange Storys?

Hallo zusammen!

Es gibt da etwas, das geht mir schon eine Weile durch den Kopf, aber gerade manifestiert es sich noch mal akut und ich denke, das ist ein guter Anlass, es anzusprechen: Irgendwie werde ich das Gefühl nicht los, dass Bücher zumindest in der Phantastik mittlerweile Umfangsgrenzen überschreiten, die schon nicht mehr gesund sind. (Und wie immer in solchen Fällen vorweg die Warnung, dass dies mehr eine schriftliche Form von „laut nachdenken“ ist und ich gar nicht verspreche, am Ende zu einem wirklichen Ergebnis zu kommen.)
Wie dem auch sein – konkreter Anlass: Ich lese gerade Scott Lynchs Die Lügen des Locke Lamora. Es ist ein Buch, das mir u.a. Judith Vogt und Mháire Stritter empfohlen hatten, aber das auch in meinem direkten Umfeld meine ich schon erwähnt wurde. Und es ist, soweit ich das bisher sagen kann, auch ein gutes Buch. Ich bin aber noch erst am Anfang, auf Seite 140 von über 800. Und akut diese Zahl stimmte mich nachdenklich.
140 Seiten, das ist nämlich auch der Gesamtumfang von Leigh Bracketts Das Erbe der Marsgötter, einem Fantasy-Altertümchen von 1953. Auf diesen 140 Seiten erlebt Protagonist Matthew Carse eine ganze Odyssee, eine Zeitreise (auf dem Mars), wird festgesetzt, wird versklavt, rebelliert, stellt sich einem uralten Übel, schwingt heilige Waffen und noch viel mehr. Nach 140 Seiten Locke Lamora ist der Prolog durch und die eigentliche Handlung kommt in Gang, wenngleich noch recht gemächlich.

Lamora_gegen_Marserbe web

Was will ich nun aber? Noch einmal: Lynchs Buch lässt sich bisher großartig an, erzählt eine bisher spannende Geschichte rund um interessante Charaktere. Was aber meckere ich nun?
Ganz unabhängig von der generellen Qualität der Bücher an sich, so spukt mir doch immer wieder die Frage durch den Kopf, ob das gerade eigentlich alles so umfangreich sein muss. Brauche ich wirklich die sechsfache Länge der Marsgötter, um diese Geschichte zu erfahren?
Und dann sind ja auch quasi alle Titel heute Teil oder Anbeginn einer Reihe. Entweder mit in sich geschlossenen Einzelgeschichten innerhalb einer übergreifenden Rahmenhandlung wie etwa bei den Dresden Files von Jim Butcher, oder aber mit einer übergreifenden, durchlaufenden Geschichte wie – das musste ja kommen – etwa George R.R. Martins Das Lied von Eis und Feuer.
Wobei Martin akut wohl auch das extremste Leserfrust-Beispiel sein dürfte, da so viel Zeit zwischen den einzelnen Bänden liegt und jetzt auch noch das doppelt obskure Szenario eingetreten ist, dass die Verfilmung seiner Reihe seine Bücher überholt hat. Gaiman hat Recht, wenn er Kritik ein Stück zurückweist und erklärt, George Martin sei nicht die „bitch“ der Leser. Ich habe als Leser keinerlei Anspruch darauf, dass der Autor mich mit Geschichten versorgt. Umgekehrt aber, das ist auch durchaus relevant, hat der Autor keinen Anspruch darauf zu hoffen, dass ich als Leser noch da bin, wenn es dann doch mal weitergeht.

Ich will jedoch nicht über Das Lied von Eis und Feuer schreiben; also nicht wirklich. In diesem Gedanken, als Leser weiterzuziehen, wenn der Autor nicht liefert, steckt aber etwas, was vermutlich auch relevant ist für das, was mich bei der Buchlänge umtreibt. Denn es ist letztlich eine Frage der Lesezeit-Ökonomie.
Meine Zeit zu lesen ist beschränkt. Mein tapferes Ziel, 50 Bücher pro Jahr zu lesen, hat Bestand. (Morgen beginnt die Kalenderwoche 19 und ich bin derzeit bei Buch 16, das ist nicht perfekt, kann aber noch was werden, denke ich.) Doch mehr ist auch nicht drin. Das bedeutet, die Wahl des je nächsten Buches ist relevanter als sie das etwa zu Schulzeiten war, wo mein „Verbrauch“ noch ganz andere Ausmaße erreichte. Ein langes Buch ist möglicherweise eine Entscheidung, was ich nun die nächsten Wochen lesen werde, mit mehr oder weniger viel Zeit, mich dem überhaupt zu widmen; Zeit, in der ich dann natürlich auch nichts anderes lesen werde. Selbstredend ist das vor allem ein hausgemachtes Kopfproblem, aber dennoch eines, was für mich gegeben ist.

Locke Lamora macht zumindest auf den ersten 140 Seiten seines ersten Bandes alles richtig. Band 4 der Reihe wird im Juli dieses Jahres erscheinen, insgesamt angelegt ist der Zyklus auf sieben Bände und zwischen den Veröffentlichungen der Bücher lagen bisher zwischen ein und sechs Jahre. Die Zeit wird zeigen, ob ich dem Lynch über einen solchen Zeitraum und Umfang treu bleiben werde.
Auch scheint es wirtschaftlich ja alles gut zu verlaufen: Ob nun Elfen, Zwerge, Orks, ob Hunger Games oder Twilight, ob Harry Potter oder Percy Jackson, Reihen laufen gut. Viele der genannten Bücher sind zudem nicht gerade schlank. Es gibt vermutlich keinerlei Grund, weshalb Verlage und Autoren da ihre Praxis ändern sollten.

Aber meine Hoffnung hat bestand. Meine Hoffnung, dass die Kunstform der kurzen und knackigen Einzelerzählung in der Phantastik nicht ganz aussterben wird; dass auch noch weiterhin Einzeltitel erscheinen werden, die nicht gleich mit dem ersten Band mehr als zwei Drittel eines kompletten Herrn der Ringe aufwiegen können.
Meine Bücher schlagen ja auch nicht von ungefähr in die gleiche Kerbe.
Es wird immer einen Platz für umfangreiche Titel, für Reihen und Zyklen geben. Aber wer weiß, vielleicht geht der Trend zum noch umfangreicheren Buch ja doch auch mal zu Ende?
Es muss ja auch gar nicht so knapp wie bei Brackett ausfallen; das wäre mir auf Dauer auch zu extrem. Aber es muss ja auch nicht alles 10×800 Seiten lang sein oder etwas in der Art. 

Nun ja, wir werden ja sehen, was die Zukunft und bringen wird. 

Hier im Blog geht es – ganz anderes Thema – beim nächsten Mal vermutlich um ein Update der Dinge, die ich so jeden Tag mit mir herumtrage. Das ist nach mehr als anderthalb Jahren auch mal wieder eine Aktualisierung wert.

Viele Grüße,
Thomas

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