Über S-Town und das, was Podcasts leisten können

Hallo zusammen!

Es ist schon einige Tage her, dass mein letzter Beitrag hier erschien, aber letzte Woche dachte ich mir, ich probiere mal diese Frühlingsgrippen aus, die gerade so angesagt sind – und das Ergebnis war, dass es letzter Woche massiv an Ergebnissen mangelte. Aber gut, so ist es halt.
So gab es vorige Woche keinen DORPCast, ich konnte einem Kumpel nicht beim Umzug helfen und ein geplantes Frühstück mit den Vögten hat auch nicht sollen sein.

Was ich dafür aber letzte Woche geschafft habe, ist, einen ganzen Podcast zu „bingen“ – und zwar einen, den ich euch hier dringend noch empfehlen wollte. Mache ich selten, aber in dem Falle muss es: S-Town ist das neue Werk der Macher von Serial und damit vermutlich der Podcast, der Werbung durch mich am wenigsten nötig haben könnte; umgekehrt wollte ich aber einfach für ihn werben, weil ich bisher das Gefühl habe, dass er hierzulande noch zu wenig wahrgenommen wurde.
Rezensionen, selbst kurze, sind ja kein Format, das ich in diesem Blog oft bediene – und im Grunde sogar gar nicht mehr, seit ich halt selbst im Verlagsbereich fest angestellt bin. Auf der anderen Seite aber sollte ein Radio-Podcast eines öffentlichen, amerikanischen Senders wirklich so weit von dem entfernt sein, was ich tue, dass ich das mal als safe erachte.

S-Town beginnt damit, dass ein Mann namens John B. McLemore an die Redaktion rund um Brian Reed herantritt. Er lebe, so erklärt er, in Shittown Alabama, eigentlich Woodstock, und dort sei ein junger Mann ermordet worden. Nicht nur das, der Mord sei zwar ein offenes Geheimnis, aber niemals sei jemand verurteilt worden.
Reed beschließt nach längerem Zögern der Sache nachzugehen und während der Recherchezeit zu diesem Podcast-Projekt erfährt er nicht nur weit mehr über den exzentrischen Uhrmacher John, sondern es kommt zu einem weiteren Todesfall, gefolgt von einer grässlichen Fehde, Gerüchten um einen versteckten Schatz und einer Menge Mysterien entlang des Weges. Und ja, um das noch mal zu betonen, trotz seiner narrativen Struktur – S-Town ist kein fiktionales Projekt. Und das macht es faszinierend, brillant – und bedrückend.
Die Macher sagen selbst, sie hätten sich bei der erzählerischen Aufbereitung des Stoffes an der Struktur eines Romans orientiert, und es funktioniert. S-Town entwickelt einen Sog, wie ihn nur eine spannende lange Erzählung bieten kann, und selbst wenn der ursprüngliche Startpunkt um den vermuteten Mord relativ schnell in den Hintergrund tritt, so öffnet er doch die Türe und gibt den Blick frei auf ein erschütterndes Stück eigenwilliger Kultur. Letztes Jahr wurde viel über Echokammern und Filterblasen diskutiert – S-Town nun erlaubt nun einmal den Blick auf einen ungewohnten, einen anderen Kreis als den, der zumindest mein Umfeld bildet. Und zwischen illegalem Tun, Rassismus, Homophobie und teils einfach verschwörungs-verquerer Weltsicht, ist es vor allem eines, was mich verfolgt: Es wäre leicht, weite Teile des Podcasts unter „Boah, diese Amis“ zu verbuchen, aber ich denke, man würde sich dabei in die eigene Tasche lügen. Denn als jemand, der selber auf dem Land großgeworden ist, dessen Herz noch immer für eine ländliche Gegend schlägt und der zwar in einer Stadt wohnt, sich aber dort noch immer „nur zu Besuch“ fühlt … ich denke, ich kenne Leute wie jene, die S-Town bevölkern. Zumindest in ähnlicher Stoßrichtung.
Alleine darum sollte man den Podcast hören. Es ist harter Tobak, sprachlich wie inhaltlich, aber es ist zugleich ein exzellentes Beispiel für das unfassbare Potenzial, was auch 2017 im Format Podcast und im Oberbereich „Journalismus“ einfach machbar ist. Natürlich ist das Leben kein Roman und darum bleiben Teile der Erzählung insofern unbefriedigend, als dass eine richtige Fiktion vermutlich noch Bögen geschlossen hätte, die hier offen bleiben. Aber gerade das trug für mich nur noch weiter zum Reiz bei – denn letztlich ist S-Town in dem, was es aktiv erzählt, in sich geschlossen, was neben dem fesselnden Inhalt auch einfach Zeugnis der Bearbeitung durch Reed und seine Kollegen ist, die hier Maßstäbe setzen.
Exzellente Unterhaltung. Solltet ihr etwa irgendwo über die Ostertage noch Beschäftigung suchen, solltet ihr damit schon mal gut aufgestellt sein.
Also, hier entlang!

Nebenbei, eigentlich sollte das hier ein „Allerlei“-Beitrag werden mit einer Reihe von Themen, bevor das zu einer regelrechten Besprechung wurde. Oh well, dann gibt’s das Allerlei halt morgen.

Viele Grüße,
Thomas

Ein Gedanke zu “Über S-Town und das, was Podcasts leisten können

  1. Pingback: [Momentan] KW 15 / 2017

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