Einige Gedanken zu YouTube und Videos im Netz

Hallo zusammen!

Vor einigen Tagen sprachen wir im Freundeskreis in irgendeiner Form über ein Internet-Video und eine Freundin proklamierte, nicht zum ersten Mal und ich glaube nicht ohne einen gewissen Stolz, also sie schaue ja keine Internet-Videos. Ich fragte sie, wie sie denn glaube, dass John Oliver abends in ihr Fernsehen käme und letztlich wurde mir das als Spitzfindigkeit ausgelegt, aber tatsächlich denke ich, wir haben in diesem Moment ein relativ relevantes Thema tangiert. Zumindest relevant im Sinne meiner kleinen obskuren Internet-Nische hier.
Denn im Kern glaube ich, es gibt gewissermaßen mehrere YouTubes. Es gibt das YouTube der Katzenvideos, das YouTube der Filmtrailer, das YouTube des aufbereiteten Fernseh-Contents von John Oliver bis zu unserem recht frischen, deutschen FUNK-Programm. Manches davon ist sehenswerter Content, manches eher nicht, manches hat professionelles Niveau, manches ganz sicher nicht. Aber irgendwie ist das am Ende alles „YouTube“.

In meiner Filter Bubble gibt es Untersegmente, in denen es irgendwie angesagt und hip zu sein scheint, sich über „YouTuber“ lustig zu machen. In denen es unter Umständen sogar eine regelrechte Beleidigung ist, jemanden so zu nennen. Und das betrübt mich.
Sicher, es ist im Grunde sehr einfach, Ansatzpunkte für Spott und Häme zu finden, wenn man sich mit dem deutschen YouTube befasst – und lange habe ich auch selbst aktiv den Standpunkt vertreten, dass das deutsche YouTube mir nichts zu bieten scheint, weil da ein Zeitgeist und eine Form von Humor bedient werden, die mich einfach nicht abholen.
Aber was mich fuchst, immer wieder, ist es, wenn angesichts dieser Beispiele alles über einen Kamm geschoren wird.

Einerseits ist da schlicht das Haten, die Häme, der Zynismus und teils die Beleidigungen, die sich teils bei Betrachtern manifestieren und gegen die ich ja in letzter Zeit in anderen Medienbereichen schon öfters Position bezogen habe.
Andererseits gibt es im Netz wirklich eine ganze Menge Macher, deren Material wirklich lohnt. Die mit Können, Talent, Medienverständnis, Einsatz und Leidenschaft weitgehend kostenfreie Inhalte generieren, für jeden Gelangweilten am Bildschirm, für jeden Interessierten. Wer generell dagegen ist, für den habe ich ohnehin kein Verständnis.

Ich finde diese Macher zum Teil sogar durchaus inspirierend und motivierend; teils auf analoger kreativ-schöpfender Ebene, teils aber auch auf einer menschlichen, miteinander-orientierten Ebene. Das ist dann auch der Anschlusspunkt, den ich im letzten Beitrag hier schon angedeutet habe. Wie ich es von den Mitmenschen sagte, so gilt auch hier: Es lohnt sich in meinen Augen, sich Kanäle zu suchen, die mit dem eigenen Schaffen auf Augenhöhe sind. Die Qualität bieten, die man wertschätzen kann, aber denen auch ein gewisser positiver Ansatz anhaftet. Es gibt natürlich auch sackweise YouTube-Kanäle, die euch bereitwillig erklären werden, wie schlecht jener Film, jenes Buch, diese Welt und unser aller Leben ist, aber … warum?
Wenn ihr mich fragt, sucht euch Leute, die lieben, was ihr liebt, und zelebriert mit ihnen (oder über sie) eure Leidenschaft, anstatt euch hinter Mauern zu verschanzen und zu maulen, was alles wieder schlecht ist.
Und weil es dem Feedback nach in meinem letzten Beitrag noch immer nicht deutlich genug herausgestellt war: Es geht nicht um Kritikfreiheit, es geht nicht um das bedenkenlose Abfeiern von allem. Es geht um eine Grundeinstellung. Dingen eine Chance geben, seine eigene Meinung bilden, offen sein für Neues, bei Dingen, die man selber liebt, auch mal ungeniert und schamlos offen Fan sein und – wichtig – akzeptieren, dass andere Menschen andere Vorlieben haben werden, die man nicht teilen, aber unbedingt respektieren sollte.

Und weil es keinem hilft, wenn ich hier nur in abstrakter Form rede, so als Rauswerfer noch ein paar Vorschläge, wo man in meinen Augen durchaus sehenswerten Content findet; auf die Gefahren hin, dass ich selbst was mir Wichtiges vergesse, ich euren Geschmack nicht treffe oder aber, dass ihr, wenn ihr hier schon länger mitlest, das eine oder andere auch schon kennt.
Ich habe derzeit 93 Abos bei YouTube am Start, es ist also eine Auswahl:
Easy Allies habe ich hier schon oft erwähnt und ist derzeit vermutlich meine Primärinspiration, was z.B. auch Formate wie den DORPCast angeht. Eine Gruppe von neun Leuten mit einer ganzen Bandbreite an Formaten rund um Videospiele, von Rezis bis zu exzellenten Podcasts. (Ich schrieb es neulich schon mal auf Twitter: Ihr Ankündigungsvideo von damals habe ich bis heute auf dem Handy, wenn ich mal Motivation suche.)
LGR habe ich dagegen ggf. noch gar nicht hier erwähnt gehabt. Ein Kanal über Retro-Computerspiele und Retro-Hardware, inklusive ziemlich cooler Mini-Dokus über Technik-Firmen und Obscurae vergangener Tage.
Tom Scott hat hingegen nun gar nichts mit Videospielen zu tun; kurze Sach-Beiträge (meist unter fünf Minuten) über things you might not know und amazing places, geeint durch eine tolle Moderation.
CGP Grey ist einer, der auch mal weit mehr in die Tiefe von Dingen geht. Ebenfalls Sachvideos, quer durch alle Themen, schwer zusammenzufassen aber unbedingt sehenswert.
Veritasium ist noch so einer; hier sind die Videos teils auch länger und der Fokus ist weit naturwissenschaftlicher, aber die Präsentation ist exzellent und auch für Geisteswissenschaftler wie mich angenehm zu verfolgen.
Gary Vaynerchuk hat in seinem Leben die markante Kurve vom Weinhändler zum Marketing-Firmen-Besitzer geschlagen und bewegt sich manchmal in Welten, die entschieden nicht meine sind, aber positive Grundeinstellung und durchaus motivierender Antrieb? Check.
Film Riot ist eine exzellente Quelle für alles Mögliche rund ums Filmemachen, von praktischen Tipps bis hin zu eigenen Kurzfilmen. Charmant gemacht, praxisorientiert, fachlich sehr gut.
Tested ist auch ein ganzes Netzwerk von Shows, wobei ich davon nicht alle konsumiere. Aber alles was mit Requisiten zu tun hat und den Ex-Mythbuster Adam Savage als Host bietet, landet in meiner Playlist. Wenige Leute erreichen für mich dessen Maß an völliger Leidenschaft.
Die Vlogbrothers hatten wir hier schon: John und Hank Green mit kurzen Videos über alles. Manchmal alberner Unfug, manchmal aber auch wissenschaftlich fundierte Info-Videos; für mich einer der archetypischen „Vlogger“-Kanäle und zugleich direkt ein Beispiel dafür, dass auch das Format mehr sein kann als die Spötter proklamieren.

So, und dann noch drei Nennungen, die ich oben schon aus Gründen der Fairness nicht eingliedern wollte: Mein Brötchengeber Ulisses Spiele hat einen eigenen Kanal, mit dem ich nahezu nichts zu tun habe, dessen Content ich aber auch privat durchaus gerne konsumiere. Unsere Webseite, die DORP, hat einen Kanal, mit dem ich nahezu nichts zu tun habe, dessen Content ich aber auch privat durchaus gerne konsumiere.
Und zuletzt gibt es da meinen eigenen Kanal, mit dem ich alles zu tun habe und der zwar nur wenig Content generiert, aber hinter dem ich durchaus auch stehe.

Kurzum: YouTube – bzw. Internet-Videos allgemein; aber sind wir ehrlich, es gibt keine konkurrierende Plattform von Relevanz – pauschal als Medium abzutun, weil man mit Beauty-Vloggern nichts anzufangen weiß, das wäre halt so, wie Fernsehen allgemein abzuwatschen, weil man „Bauer sucht Frau“ doof findet.
Aber so, wie eben das Fernsehen auch seine Qualitätsinhalte generiert, so tut das Web es auch. Und in beiden Fällen gilt: Es haben alle mehr davon, wenn man sich einfach mal auf die Suche nach Dingen gibt, die einen selbst bereichern, anstatt mit Fackeln und Heugabeln gegen jenen Content zu ziehen, der einem selber missfällt.

Und nun entschuldigt mich; es ist Abend, als ich das hier schreibe, und ich will sehen, dass ich Feierabend gemacht bekomme, es warten schließlich noch einige ungesehene Videos des Tages auf mich bei YouTube.

Viele Grüße,
Thomas

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