Gedanken über Millennium

Hallo zusammen!

Die erste Episode beginnt. Eine regnerische Stadt, Grautöne und urbane Tristesse. Ein Striplokal, dunkel, schummrig, schmutzig. Alle wirken irgendwie geschafft, müde, ausgelaugt. Eine Stripperin gibt entgegen ihres Plans noch eine Privatshow. Der Kunde: Ein zwielichtiger, nie aus dem Schatten tretender Mann mit fremdem Akzent, der eine seltsam verdrehte Version von William Butler Yeats „The Second Coming“ zitiert, während hinter der Tänzerin langsam Blut die Wand herunterfließt.
Und dann – dieser Vorspann:

Heute ist es auf den Tag 20 Jahre her, dass auf diese Art und Weise Millennium hierzulande das erste Mal auf den Bildschirmen zu sehen war. Die zweite Show aus der Feder von Chris Carter, entstanden im Rahmen einer gewissen Narrenfreiheit, die ihm der immense Erfolg von Akte X gebracht hatte. Und anders als alles, was zu jener Zeit im Fernsehen lief.

Auf der einen Seite war das damals durchaus eine Ära, in der das Medium TV-Serie einen irren Wandel durchlief. 1996, das ist sechs Jahre nach dem Start von Twin Peaks, es ist mitten in der Mystery-Hochphase im Fahrwasser der X-Akten, es ist aber auch etwa ziemlich in der Mitte von Babylon 5 und zwei Jahre vor Buffy. Eine in vielerlei Hinsicht wegbereitende Zeit.
Es ist aber auch, das muss man sagen, noch eine sehr brave Zeit im Fernsehen gewesen. Sicher wurde hier und da mal die Grenze des Möglichen getestet, aber … nicht so, wie Millennium es tun würde.

Die Serie um den ehemaligen Profiler Frank Black, der regelrechte Visionen direkt aus den verstörenden Innenwelten der Täter sehen konnte, nach denen er jagte, schlug gleich von Beginn einen Ton an, den man so nicht gewöhnt war. Darum auch mein Anleser oben, denn all das – das triste Bild, die ermatteten Menschen, das Blut, die viele blanke Haut – war etwas, was bestenfalls mal auftauchte, aber sicher nicht als Auftakt.
Es ist aber vor allem einer dieser Aspekte, diese Müdigkeit, diese Härte des Lebens in der Zeit vor der Jahrtausendwende, die alle zeichnet und die der Serie auch heute noch etwas verleiht, was im Fernsehen ungewöhnlich ist.
Game of Thrones, American Gods und co. haben die Grenze dessen, was wir im Fernsehen tragbar finden, nachhaltig verschoben. Aber dieser hoffnungslose Nihilismus, der gerade in der ersten Staffel durch Millennium weht, ist vermutlich nur in der ersten Staffel True Detective noch mal erreicht worden. Hannibal kommt dem noch nahe, aber die Serie verliert sich für mich zu oft im Effekt ihrer (brillanten) Ästhetik, um die Schicksale ihrer Menschen ungefiltert wirken zu lassen.

Allerdings ist die Welt, in der die Serie spielt, hoffnungslos, nicht die Serie. Der Vorspann enthält drei kurze Statements. Wait. Worry. Who cares?
Und letztere Frage ist zumindest mit dem Protagonisten zu beantworten: Frank ist nicht egal, was aus der Welt wird. Zumindest seine Familie will er schützen und, kaum ein Spoiler, völlig wird es ihm nicht gelingen.
Seine Frau vergleicht ihn gleich zu Beginn der Serie einmal mit Salingers Fänger im Roggen und könnte kein treffenderes Motiv finden.

Jetzt habe ich schon Yeats genannt, Salinger, und damit etwas anderes angesprochen, was mich bei der Serie immer fangen konnte: die Intertextualität. Das sind nicht nur hochtrabende Literaturzitate – wie etwa in der zweiten Staffel, wenn die Protagonisten Stimmerkennung als Zugriffsschutz an ihre Computer bekommen und jeder einzelne Satz zugleich eine Referenz und eine Miniatur-Charakterisierung ist. „Soylent Green is people“, „Open the pod bay doors please, Hal“ und „My God! It’s full of stars“ sagen in diesem Sinne unfassbar viel. Vor allem sind es Popkultur-Referenzen, die einmal einen anderen Zweck haben als zu ulkigen Onelinern zu führen.
Und sicherlich, eines der Kernmotive der Serie und zugleich Teilursprung ihres Titels – das nahende, neue Jahrtausend und der Kataklysmus, der daran hängt –, sind anno 2017 nicht mehr aktuell. Die nächste kalendarische Zeitenwende ist noch etwas hin.
Aber das Gefühl einer Welt, die zum Teufel geht, ist sicherlich aktueller denn je, egal was objektive Statistiken dazu sagen. Die Verbindung mit realen Zitaten, Texten, Konnotationen, verleiht Millennium das Gefühl, in unserer Welt zu spielen, und das macht es stark.

Sie braucht jedoch keine fremden Autoren, um gute Skripte zu erzeugen. Die zweite Staffel eröffnet mit einem langen, wundervollen Monolog, den ich hier gerne noch eingebaut hätte, aber es spricht für das Alter der Serie, dass er sich online nicht als Video finden ließ. Und wenn etwa eine der Stripperinnen in der besagten Pilotfolge ihren Job charakterisiert mit den Worten, die Männer würden ja sogar applaudieren, aber dafür bräuchten sie beide Hände – dann hängt das nach. In meinem Fall seit 21 Jahren.

Nun ist Millennium auch nicht immer Millennium. Wie bei kaum einer Serie der Zeit ist der Ton jeder Staffel in einem unglaublichen Maße grundverschieden. Die erste Staffel ist eine weitgehend nicht übernatürliche Geschichte um einen Mann an der Schwelle zum Abgrund, der versucht, mit seiner selbstzerstörerischen Gabe die Welt ein wenig sicherer zu machen. Die zweite Staffel dreht den Mystik-Regler dann aber bis zum Anschlag, und bietet Prophezeiung, Engel, Geheimbünde und mehr. Und die dritte Staffel … zugegeben, die dritte Staffel weiß vor allem oft nicht wohin mit sich.
Interessant ist, dass beides funktioniert, dass es irgendwie sogar schlüssig ineinander greift, und wenngleich man den Wechsel bemerkt, so geht es doch gut ineinander über. Und das Ende der zweiten Staffel ist für mich immer eines der wegweisenden Stücke TV-Inszenierung gewesen.

Ich schreibe all das, weil ich fand, dass es an der Zeit ist, einmal über die Serie hier zu reden. Gerade im DORPCast reden wir viel über Babylon 5, und wie uns die Serie geprägt hat, aber für mich persönlich steht Millennium dem in nichts nach. Die Qualitäten sind andere, der Eindruck, den es hinterlassen hat, ist vergleichbar.
Der oft erwähnte Pilot-Film, alle Folgen um Franks Quasi-Nemesis Lucy Butler, der großartige Zweiteiler zwischen Staffel 1 und 2, der Eulen-und-Hähne- sowie der Staffelfinal-Zweiteiler der zweiten Staffel, aber etwa auch die brillante Weihnachtsepisode jener Staffel, die eine antagonistenlose Meditation über die Tragweite von persönlichem Verlust ist, all das ist essenziell darin gewesen, auch mich als Autor und Rezipienten zu formen.

Und dann habe ich noch nicht über die großartigen Darsteller – allen voran Lance Henriksen –, den bemerkenswerten Soundtrack von Mark Snow oder die vielen, anderen Details gesprochen.
Genauso wie ich willentlich den Mantel des Schweigens über die Akte-X-Crossover-Episode sowie die Comic-Fortsetzung von vor zwei Jahren gelegt habe.
Millennium hat, sicherlich nicht zuletzt wegen vieler der Aspekte, die ich hier heute so gelobt habe, niemals den Erfolg von Akte X erreicht. Schlimmer noch: Die Serie ist derzeit nicht offiziell zu kaufen. Es gab vor etwa 10 Jahren ein DVD-Release und wenn ihr das irgendwo bekommt, dann kauft es einfach ohne zu zögern. Wenn ihr eine andere Chance habt, die Serie zu schauen, dann tut es.
Millennium ist für mich auch 2017, mitten im second golden age of television, eine der mit Abstand besten Serien aller Zeiten.

Viele Grüße,
Thomas

Ein Gedanke zu “Gedanken über Millennium

  1. Hallo Thomas, ich kann gar nicht beschreiben, wie sehr ich mich über deinen Beitrag gefreut habe ! Danke dafür! Ich habe Millennium zig mal schon angeschaut und könnte es mir immer wieder anschauen. Ich trauere dieser Serie immer noch nach und hoffe insgeheim, dass es ein Comeback gibt, auch wenn wahrscheinlich es nicht eintreffen wird.
    Millennium war die beste Serie in meinem Leben. Es hat soviel Eindruck hinterlassen, soviel Wahrheit aufgedeckt, Ereinisse schon damals gezeigten, die nun in jüngster Vergangenheit eingetreten sind. Wer Millennium gesehen, vielmehr verstanden hat, wird auch verstehen , was ich meine-:) und Lance henriksen, ein wunderbarer Schauspieler ….und alle anderen Darsteller auch beeindruckend!

    Liebe Grüße
    Senay

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