Ein paar kurze Gedanken zum Wikipedia-Frust (Aktualisiert)

Hallo zusammen!

Eigentlich, eigentlich wollte ich heute mal wieder „allerlei“ hier abgrasen, aber akut schmiss sich mir gestern noch ein Thema vor die Tastatur, das ein paar Worte verdient. Ich wollte es erst ins Allerlei eingliedern, merkte aber flott, dass ich vermutlich zu viel zu sagen habe und daher gibt es heute zunächst einige Gedankengänge.

Also, holen wir kurz aus. Hier findet man (noch) einen Wikipedia-Eintrag zur Liste deutschsprachiger SciFi-Autorinnen, was für sich genommen wie ein neutrales, normales Thema anmutet, was aber zu einem richtigen Politikum wurde, weil nicht ein, sondern gleich zwei Löschanträge in Folge darauf hereinbrachen, wie man (noch?) hier nachlesen kann.
Ich möchte jetzt gar nicht groß über das Thema der Relevanz dieses spezifischen Artikels diskutieren – kurz gesagt ist es mir völlig fernab jeder politischen Intention völlig unklar, was gegen den Artikel spräche, selbst wenn er z.B. eine Redundanz zur Liste deutschsprachiger SciFi-Autoren besäße –, denn ich fände ihn ehrlich gesagt nicht problematisch, selbst wenn die Vorwürfe fehlender Relevanz und gegebener Redundanz zuträfen.1 Allerdings schlägt sich in der Debatte etwas nieder, was wir hier im Blog schon vor langer, langer Zeit mal auf dem Tisch hatten und was gewissermaßen eine ganze Meta-Ebene höher ansetzt. Wer hier schon lange, namentlich seit Mai 2010 mitliest, mag sich nämlich auch erinnern, dass ich damals schon mal über die Relevanzkriterien der deutschen Wikipedia geschimpft habe.
Oftmals nehmen Leute an, dass meine recht kritische Grundhaltung zur deutschen Wikipedia vor allem eine auf die sachliche Qualität der Texte bezogene Angelegenheit wäre (und es stimmt, auch auf der Ebene habe ich teils so meine Probleme dort), aber der wirkliche Stein des Anstoßes wird auch von der aktuellen Debatte berührt: Es ist diese vorgebliche Angst, entweder zu triviale Themen aufzunehmen, oder aber scheinbar einen Überfluss an Themen zu erzeugen. Solange aber meines Erachtens keine Fehlinformationen verbreitet oder Themen zu extrem aufgesplittet werden, solange sehe ich kein Problem.
Insbesondere jetzt bei diesem Thema ist aber natürlich entsprechend Unruhe drin, weil es ein gesellschaftlich kritisches Thema ist, zu dem viele starke und emotionale Meinungen existieren. Allerdings ist es denke ich ein Fehler, anzunehmen, der Kern des Problems hier wäre grundlegend politisch; er ist systemisch. Sicherlich hat diese spezielle Debatte eine weltanschauliche Komponente, aber ich denke die Wurzel des Übels liegt schlussendlich darin, dass wir nicht, wie erhofft, durch das offene Format der Wikipedia die Torwächter abgeschafft haben, sondern stattdessen diese Aufgabe den Redaktionen von einst weggenommen, aber dafür einer anonymen, strukturell willkürlichen Gruppe übergeben haben – getrieben von in einer (spätestens jetzt nachweislich unerfüllten) Hoffnung auf meritokratisch2 geprägte, dem Gemeinwohl verschriebene Entscheidungsfindung3. Dadurch, dass die Wikipedia de facto vermutlich für viele die zentrale Anlaufstelle in Wissensfragen geworden ist, geht sie letztlich über das Ziel, die Wirklichkeit abzubilden, weit hinaus und wird in mancherlei Hinsicht zu einem Simulacrum4, dass die Wirklichkeit der dort Wissenssuchenden aktiv formt. Damit verbunden ist dann jedoch eine immense Verantwortung, da mit der Macht auf Nichtabbildung die Gefahr von Nichtexistenz einhergeht, und dieser Verantwortung kommt insbesondere die deutsche Wikipedia mit der Definition und Umsetzung ihrer Relevanzkriterien nur unzureichend nach. (Dieser Bannhammer der enzyklopädischen Relevanz zieht sich aber generell durch die aktuellen Löschkandidaten hindurch, was denke ich weiter für meine Beobachtung spricht. Und das meine ich auch mit der Differenzierung von „politisch“ und „systemisch“. Im Endeffekt ist es egal, ob über Autorinnen von SciFi-Literatur oder (Antrag vom gleichen Tag) über die Relevanz vom Karstadt Berlin Hermannplatz diskutiert wird – ein Blick in jede der Diskussionen zeigt, dass bei aller Berufung auf Kriterienkataloge am Ende des Tages der Mangel an Relevanz als Vorwurf sehr leicht zu zücken und im Zweifel nahezu nicht zu falsifizieren ist, wenn nicht bewusst konstruktiv gearbeitet wird. Theresa Hannig, die Initiatorin der umstrittenen Liste, hat nun auch ihre Relevanz als Autorin in Frage gestellt bekommen; wer auf der gleichen Seite hochscrollt, kann eine Kurzdebatte um die Relevanz von Tatort-Kommissarin Lena Odenthal, auch im Vergleich zu einem Horst Schimanski vorfinden. Als wäre das nicht alles schon albern genug.)

In der unerfüllten Hoffnung auf eine an ihrer Freiheit über sich hinauswachsenden Enzyklopädie schlägt sich denke ich dann sogar ein Dilemma nieder, was zu vielen unserer aktuellen Internet-Probleme hinführt. Letztlich ist es die stillschweigende Annahme, dass freie Gestaltung und vernetzte Communities etwas grundsätzlich Positives seien, aus dem heraus quasi zwangsweise etwas Weltoffenes (und mittelfristig: Fortschritt) erwachsen wird, aber das soll denke ich ein Thema für ein anderes Mal sein, denn das erfordert noch mal ganz andere Stufen von Nuanciertheit.

So. Und nachdem ich das jetzt von der Brust habe, gibt’s morgen wirklich das versprochene Allerlei.

Viele Grüße,
Thomas

Nachträge vom 26.03.
– Der Wikipedia-Artikel zu Autorinnen in der SciFi ist seit heute wieder online, weil – wenn ich das richtig verstehe – dort nun ein Admin den anderen überstimmt hat. Das ist definitiv cool, und natürlich ein Lichtblick. Es ist aber kein Grund, die Kritik aus diesem Artikel hier ad acta zu legen, fürchte ich, denn das systemische Problem bleibt natürlich bestehen, wurde im Grunde nur noch mal unterstrichen, auch wenn diesmal scheinbar die Vernunft gesiegt hat.
– Drüben bei Fischer TOR hat Markus Mäurer die ganze Misere vom Skandalon bis zur Auflösung noch mal nachgezeichnet.
– In Markus‘ Artikel wird derweil zudem dieser heise-Artikel aus dem Jahre 2009 verlinkt, der auch damals schon in das gleiche, systemische Horn gestoßen hat.


  1. Und bevor das missverstanden wird: Mein explizites Ausklammern der inhaltlichen Komponente ist kein implizites Herunterspielen des Sachverhalts, es ist nur schlicht nicht die Ebene, auf der ich mich der Sache hier und heute nähern möchte. Andere Leute, die in Themenfeldern wie strukturellem Sexismus viel tiefer drin sind als ich, haben das denke ich schon detaillierter aufgearbeitet, als ich es könnte. Mein Ansatz ist allerdings eher strukturalistisch oder auch erkenntnistheoretisch geprägt. 
  2. Achtung, geladener Begriff. Arg vereinfacht ist die Idee einer Meritokratie, den Teilhabern Macht gemäß ihrer Fähigkeiten und Leistungen zu geben und nicht beispielsweise gemäß ihrer sozialen Position. Gerade in den neuen Medien wird der Begriff heute oft auch positiv verwendet, wenn es grundlegend um die Demokratisierung von Publikationswegen geht, aber seinen Anfang hat er tatsächlich in einer Dystopie genommen. Ein sehr ambivalentes Konzept, das durchaus mal einen längeren Blick wert ist. 
  3. Ein Einwand, dass die offene Struktur der Wikipedia es generell jedem ermöglicht, seine Stimme als Gegengewicht in den Ring zu werfen, wäre hier natürlich berechtigt. Nur kann „Dann mach’s doch besser!“ niemals argumentative Gegenrede gegen das Aufzeigen von Problemen sein. Oder salopp gesagt: Man muss kein Bäcker sein (und auch keiner werden) um festzustellen, dass die Brötchen nicht schmecken. 
  4. Eine Kopie ohne Original, oder anders gesagt: Eine Abbildung, der der Bezug zum Abgebildeten verloren ging und die daher losgelöst vom Realen wahrgenommen wird. Nur komplexer. Lest euren Baudrillard, liebe Kinder. 

Ein Kommentar zu “Ein paar kurze Gedanken zum Wikipedia-Frust (Aktualisiert)

  1. Pingback: Ein paar kurze Gedanken zum Wikipedia-Frust — Seelenworte | Treffpunkt Phantastik

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