Von verlorenem Vertrauen und ausgesetzter Ungläubigkeit

Hallo zusammen!

Vorige Woche habe ich mit einigen Freunden Shazam! gesehen, einen der neueren DC-Spielfilme. Ist als Film okay, aber darum soll es mir an dieser Stelle gar nicht primär gehen. Es ist vor allem ein schön gefilmter Titel, gut inszeniert mit vielen kreativen Kleinigkeiten.

In diesem Film gibt es allerdings einen Shot, bei dem ich beim Schauen ein wenig über mich selbst gestolpert bin. Dankenswerterweise ist der Shot auch in einem der Trailer, darum kann ich sagen – dieser hier:

© 2019 by Warner Bros. Pictures et al. (Quelle)

Mein erster Gedanke, als ich den Shot sah, war, was für eine verdammt schöne Aufnahme das ist. Dieser Himmel! Aber mein zweiter Gedanke war, zu zweifeln, wie viel an diesem Shot wohl überhaupt echt ist.
Das sollte, generell gesprochen, ja eigentlich egal sein. Dass Filme in solchen Punkten tricksen ist nicht neu (und auch nichts, was erst mit der digitalen Technik Einzug gehalten hat), aber es ist natürlich etwas, was man sich gerade heute ob der erreichten Perfektion in der Tricktechnik immer öfter fragen kann und muss.

Wenn man sich beispielsweise den VFX Breakdown zu Avengers Endgame anschaut, dann stellt man halt fest, dass nicht nur die Kulissen manchmal digital waren, sondern dass auch teilweise die Kleidung der Leute digital war. Ja, teilweise sogar die Leute. Kurzum, dass es Shots in dem Film gibt, in dem einfach … alles nachträglich entstanden ist.
Aber das sollte ja eigentlich egal sein.

Generell ist das kein neues Lied aus meinem Munde, aber normalerweise sing ich es eher anders herum (okay, kaputte Metapher, ich weiß) – beispielsweise im Bezug auf Filme wie Jäger des verlorenen Schatzes oder Carpenters The Thing, bei denen eine nicht geringe Faszination für mich darin liegt, dass so viele beeindruckende Effekte halt mit sehr einfachen, oft bemerkenswert analogen Mitteln erreicht wurden.
Was natürlich einen steilen Kontrast bildet im Vergleich etwa zu Disneys „Real“-Neuverfilmung vom König der Löwen, in der digitale Tiere durch eine digitale Savanne wandern und es am Ende des Tages arbiträr scheint, warum das ein Realfilm und etwa Frozen ein Animationsfilm ist.
Wegen dem angestrebten Realismus?
Wo stehen wir dann angesichts der Erkenntnis, dass Toy Story 4 in seiner rein digitalen Optik analoge Linsen emuliert?

Aber das sollte ja eigentlich egal sein.
Egal, weil eine wichtige Zutat von narrativen Filmen die Suspension of Disbelieve ist, die willentliche Aussetzung der Ungläubigkeit. Sprich, ich als Zuschauer weiß natürlich tief in meinem Inneren, dass im Grunde nichts von dem, was ich in einem Film sehe, real ist. Ich akzeptiere, dass der Film mir etwas vormacht, erhalte aber dafür im Austausch Unterhaltung. Spaß. Die schießen nicht wirklich aufeinander, die schlagen sich nicht wirklich, die tun nur so. Aber aus irgendeinem Grunde – und da erwartet bitte keine abschließende Erkenntnis, das hier ist mal wieder ein Fall von „laut nachgedacht“ – aus irgendeinem Grunde habe ich eine rein instinktiv andere Wertschätzung für handwerkliches So-Tun-Als-Ob und digitales So-Tun-Als-Ob. Obgleich beides meistervolle Kunsthandwerke sind.

Vor allem, weil es im Kern immer um eines geht: um Problemlösungen. Die Produktion eines Films, und dabei ist es egal ob es Shazam! oder Morold und die Karte von Carthagena ist, besteht aus einer nicht enden wollenden Kette von Problemen und mal mehr, mal weniger spontanen Lösungen dafür. Das sehe im Übrigen nicht nur ich so, sondern beispielsweise auch der Regisseur von Shazam! in diesem immens sehenswerten Video. (Mit Dank an Markus, der mir das die Tage wieder ins Gedächtnis brachte.)

„Was ist denn dann dein Problem?!“, mag man angesichts dieses Textes fragen … und das ist eine gute Frage. Ich glaube in gewisser Weise ist es ein Fall vom alten Mann, der die Wolke anschreit – aber nicht ganz. Ich glaube durchaus wirklich, dass es einen Wert gibt von einer gewissen Haptik, einem gewissen Dasein von Dingen, die wir in Filmen sehen. Es mag für viele Zuschauer keinen Unterschied machen, aber ich finde persönlich, es gibt einen Unterschied zwischen zwei Autos, die am Set miteinander kollidieren auf der einen Seite, und abertausenden Zeilen Code, die am Ende den Eindruck vermitteln, als seien dort zwei Autos miteinander kollidiert, auf der anderen Seite.
Head Replacement, also das digitale Aufsetzen eines Schauspieler-Gesichts auf den Körper eines Stuntmans, ist ja heute problemlos möglich. Trotzdem feiern wir es, wenn einer wie Tom Cruise seine eigenen Stunts macht. Oder Jackie Chan, bevor uns das Beispiel dazu bringt, über Scientology diskutieren zu müssen. Oder Tony Jaa.

Ich bin da auch nicht konsequent. Ich liebe die Filme von David Fincher, obgleich die schon seit vielen Jahren immer wieder ganze Kulisses (und Drehorte) digital ersetzen; aber da stört es mich ebenso wenig wie beim oben genannten Endgame. Bei den Hobbit-Filmen ist es dagegen eine meiner größten Kritiken. Aber während dort eher das Problem ist, dass ich ob der teils erschreckend offensichtlichen Digital-Effekt-Natur mich daran störe und aus dem Film gerissen werde, so war es bei Shazam! irgendwie genau das Gegenteil. Der Shot war irgendwie zu schön um wahr zu sein, aber statt zu staunen, brachte er mich zum Zweifeln. Was gar nicht in meinem eigenen Sinne ist – und ein völlig unfairer Vorwurf.

Ich denke am Ende des Tages geht es, wie so oft, ein wenig darum, sich das Kind in seinem Inneren zu bewahren, das mit riesigen Augen auf die Leinwand starrt und dessen Mund ein unwillkürliches „Wow“ formt, während der Film eine neue, eigene Realität eröffnet. (Tolkien hatte da ein spannendes Alternativmodell zur Aussetzung der Ungläubigkeit, aber das ist eine Geschichte für ein anderes Mal.)

Natürlich steckt da zum einen ein vager Appell drin, als Medien-Macher daran zu arbeiten, dass die eigenen Werke das Zeug haben, andere entsprechend einzunehmen. Ich denke aber, am Ende liegt auch vieles wieder in gewisser Weise im Auge des Betrachters. Denn obgleich ich das Antrainieren eines aktiv negativ-kritischen Blicks – wir sprachen früher im Jahr hier ja schon darüber – noch immer für das größere Problem halte, so gilt es wohl auch, sich vor routinierter Abgeklärtheit zu feien. Auch das ist, um im Bild meines zitierten Artikels zu bleiben, vermutlich ein Muskel, den man gar nicht zu stark trainieren sollte. „Vertrautheit erzeugt Geringschätzung“ sagt Wrestler Al Snow in einem brillanten Interview-Ausschnitt über toxische Fandoms, und ich denke zu einem gewissen Grad greift das auch hier.

Insofern ist dieser Artikel vermutlich, ganz am Ende, eine Kritik von mir, aber auch an mir. Eine Erinnerung daran, mir durch Wissen darüber, wie man etwas macht, nicht den Zauber rauben zu lassen, den das Endprodukt ausstrahlen will. Denn bei einer Sache bin ich weiterhin sicher. Eines hat das hypothetische Kind mit den großen Augen dem abgeklärten Kritiker auf jeden Fall voraus: Freude.

Viele Grüße,
Thomas

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