Übersetzungen sind keine Selbstverständlichkeit

Hallo zusammen!

Ich lese derzeit tatsächlich mal wieder Frank Herberts Der Wüstenplanet. Ihr wisst schon, Dune. Ich habe das Buch irgendwann gegen Ende der Schulzeit in der alten Übersetzung von Ronald M. Hahn gelesen, später dann während des Studiums noch mal im Original. Dieses Mal ist’s bei mir die Neuübersetzung von Jakob Schmidt, die vor drei Jahren zum fünfzigsten Geburtstag des Buches erschienen ist.
Dune war hier im Blog vor fünf Jahren auch schon mal kurz Thema, als ich über meine liebsten ersten Sätze in der Literatur schrieb. (Ein Thema, das ich beizeiten auch mal aktualisieren könnte, wobei der Artikel trotz des Alters weitestgehend Bestand hat.)

Aber nimmt man beides zusammen, so wird ein ganz interessantes, neues Thema draus, was ich hier kurz aufgreifen wollte.
Ich liebe den ersten Satz des Buches, auch wenn er sehr, sehr sperrig ist. Herbert schreibt da:

In the week before their departure to Arrakis, when all the final scurrying about had reached a nearly unbearable frenzy, an old crone came to visit the mother of the boy, Paul.1

In meinem o.g. Blogartikel schrieb ich dazu: „Vor allem aber genial finde ich, wie zwar zwei mehr oder weniger aktive Personen benannt werden – die Vettel und die Mutter –, aber namentlich jemand anderes, nämlich der Junge, gekennzeichnet wird.“

Nun gut. Wie lösen die deutschen Fassungen das nun?
Hahn schreibt:

In der letzten Woche vor ihrem Abflug nach Arrakis, als die allgemeine Aufregung nicht nur zu einem Höhepunkt, sondern beinahe zu einer Unerträglichkeit geworden war, empfing die Mutter des Knaben Paul den Besuch einer Greisin.2

Sieht soweit richtig aus? Ich finde schade, dass grammatikalisch bedingt der Name Paul vom Satzende gewichen (und damit die Betonung eine ganz andere) ist. Aber klar, ist eine Übersetzung. Oder?

Interessant finde ich aber im Vergleich, was Schmidt draus macht:

In der Woche vor ihrem Abflug nach Arrakis, als die Hektik der letzten Reisevorbereitungen ein fast unerträgliches Maß erreicht hatte, kam eine Greisin die Mutter des Jungen Paul besuchen.3

Ist es nicht spannend, wie viel kompakter die Neufassung ist? Und wie Schmidt es zumindest geschafft hat, den „Jungen Paul“ im Satzbau wieder hinter die Greisin und damit quasi ans Satzende (und zurück in den Fokus) zu bringen?
Faszinierend finde ich aber auch die „Reisevorbereitungen“, die definitiv eine sehr freie Übersetzung von „scurrying about“ darstellen, aber im Kontext auf jeden Fall gut funktionieren.

Worum es mir hier aber nicht geht, ist ein finales Urteil zu fällen, ob jetzt Hahn oder Schmidt dem Original gerechter werden oder etwas in der Art. Worum es mir vor allem geht, ist das, was schon die Überschrift sagt: Übersetzungen sind keine Selbstverständlichkeit.
Sie sind Interpretationen. Sie sind Adaptionen. Sie sind – in einem gewissen Maße – Neuschöpfungen.

Im Grunde kann man das auch mit jedem ersten Satz in der Literatur machen; aber so endlos viele Bücher besitze ich nicht in mehreren Übersetzungen. Tolkien wäre ein klassisches Beispiel, aber da ich den Hobbit nur im Original und in der Krege-Übersetzung, und den Herrn der Ringe nur im Original und in der Carroux-Übersetzung besitze, ist das wohl raus.
Dann gibt es die ganz großartige Neuübersetzung von Flemings Bond-Romanen, die bei Cross Cult erschienen ist und von Anika Klüver und Stephanie Pannen realisiert wurde; aber auch da habe ich nie ausreichend Vergleichsausgaben hier. Die beiden haben seinerzeit aber ein interessantes Blog zu dem Thema betrieben.

Ein Beispiel habe ich jedoch noch, wenngleich das mit einer gewissen Voreingenommenheit daherkommt.
E. C. Tubb eröffnet seinen Roman The Winds of Gath wie folgt:

He woke counting seconds, rising through interminable strata of ebony chill to warmth, light and a growing awareness.4

Bei Moewig erschien 1983 eine deutsche Übersetzung unter dem Titel Planet der Stürme, die ging so:

Er zählte die Sekunden, als er erwachte und durch unzählige Schichten eisiger Schwärze zu Wärme, Licht und klarem Bewußtsein hochtauchte.5

Dreißig Jahre später erschien bei Atlantis eine Neuauflage, ebenfalls als Planet der Stürme:

Beim Erwachen zählte er die Sekunden, während er durch endlose Schichten tiefschwarzer Kälte zu Wärme, Licht und wachsendem Bewusstsein emporstieg.6

Ich werde an dieser Stelle kein Urteil wagen. Die alte Übersetzung ist von Lore Straßl, einer Legende im Bereich der deutschen SciFi-Übersetzungen, die Neufassung … war von mir.

Aber der Kern bleibt: Übersetzungen sind keine Selbstverständlichkeit. Jeder Satz, jede Zeile, jedes Wort ist eine Entscheidung. Eine Abwägung.
Übersetze ich „rising“ als hochtauchen oder emporsteigen? Wie dekonstruiere ich die Grammatik der Originalausgabe und wie kann ich sie im Deutschen nachfühlen, ohne dabei zu sehr „wie eine Übersetzung“ zu klingen?

Es war (und ist, glaube ich) immer wieder chic, wenn Leute stets nur auf die Originale schwören, gerne mit einer gewissen Herablassung gegenüber Übersetzungen.
Ich mag Übersetzungen. Ich finde, es ist eine literarische Kunstform, die man ruhig öfter mal loben und würdigen sollte. Mal nicht nur den einen offensichtlichen Übersetzungsfehler auf 400 Seiten in einer Rezension väterlich lächelnd erwähnen, sonder einfach auch den Prozess dahinter mal wertschätzen.
Und genau darum schrieb ich diesen Text.

Viele Grüße,
Thomas


  1. Herbert, Frank: The Great Dune Trilogy. London: Gollancz 1979, S. 11. Hier online kaufen
  2. Herbert, Frank: Der Wüstenplanet. München: Heyne 1978, S. 9. Hier online kaufen
  3. Herbert, Frank: Der Wüstenplanet. München: Heyne 2016, S. 11. Hier online kaufen
  4. Tubb, E.C.: Winds of Gath. Zitiert ohne eindeutige Seitenangabe aus dem zu übersetzten Rohtext, den ich vom Verlag erhalten hatte. Eine gedruckte Ausgabe gibt es hier
  5. Tubb, E.C.: Planet der Stürme. Rastatt: Moewig 1983, S. 7. Hier online kaufen
  6. Tubb, E.C.: Planet der Stürme. Stolberg: Atlantis 2013, S. 11. Hier online kaufen

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