Seelenworte

Live ist Live (Na na, nana na?)

Hallo zusammen!

Die letzten beiden Wochenenden waren, jedes auf eine andere Art, dazu berufen, mich dazu zu bringen, hier noch mal in ein altbekanntes, aber nach wie vor wahres Horn zu stoßen. Aber der Reihe nach.

Vorletzten Samstag habe ich mich mit einigen Leuten vom Stolberger Ballett-Atelier in Heerlen getroffen. In der gesamten Euregio findet derzeit wieder das Schrit_tmacher-Festival statt, eine große Veranstaltungsreihe rund ums Thema Tanz. Das Young Ensemble der Batsheva Dance Company hat dort Ohad Naharins Sadeh21 aufgeführt – und wem das alles nichts sagt, kein Problem, hier eine grobe Idee:

Dann, jetzt letzten Samstag, war ich mit Gérard und Kathi im Aachener Capitol, weil dort Murnaus Nosferatu (sicherlich einer der Klassiker des deutschen, aber auch des internationalen Stummfilms) aufgeführt wurde – mit Livemusik!
Wer das generell nicht kennt: Die Musik, die wir heute als Konservenbegleitung erhaltener Stummfilme kennen, ist ja nur eine Annäherung an das, was ursprünglich in den Lichtspielhäusern praktiziert wurde – ein oder mehrere Musiker, traditionell auf jeden Fall ein Pianist, saßen neben der Leinwand und spielten live zu den aufgezeichneten Bildern.
Und ja, es hat schon eine ganz eigene Wirkung, schlicht schon weil Instrumente live halt doch immer anders klingen, als eine Einspielung es wiedergeben kann.

Aber das geht dann ja auch noch weiter. Jetzt am Sonntag etwa war ich in Stolberg im Ballett-Atelier und habe dort mal wieder die Proben mit Aufnahmen begleitet – und eben dort auch wieder großartigen Tänzerinnen und Tänzern beim Proben, Üben, Lernen und Lehren zusehen können.
Und wo wir vom Atelier sprechen – da sind natürlich auch die Portugal-Fotos zu nennen, bzw. im Sinne dieses Artikels die ganze Portugal-Reise.

Merkt ihr, worauf ich hinaus will?
Worum es mir geht, ist das erleben.
Es klingt so trivial, es ist an sich banal, aber manchmal lohnt es, denke ich, sich zu erinnern, dass wir Dinge in dieser Welt live erleben (können).
Nicht davon lesen, keine Doku dazu sehen, sondern selbst vor Ort sein. Das Atmen und die Schritte der Tänzer auf der Bühne hören. Die Livemusik nicht nur wahrnehmen, sondern ganzkörperlich fühlen können. Die warme Sonne auf der Haut spüren, das weiter im Süden anders fallende Licht sehen, die fremden Gerüche, das ungewohnte Essen – kurzum, das alles erleben.

Und ja, dabei ist mir bewusst, dass ich hier in vielerlei Hinsicht aus einer privilegierten Perspektive schreibe. Zumindest, soweit es meine akuten Beispiele betrifft. Aber dies ist kein Plädoyer für hochpreisige Erfahrungen, das sind nur recht trennscharfe Beispiele. Im Kern geht es mir um jede Erfahrung. Die frische Luft nach einem starken Unwetter riechen, durch einen Wald gehen und dabei spüren, wie der Boden unter den eigenen Füßen knarzt, aber auch etwa das gesamte Gefühl einer gedrängten Innenstadt, die dortigen Gerüche, Geräusche, die Eindrücke wahrnehmen. Oder nehmt das Gefühl nach anstrengendem Sport, das Ziehen der Muskeln, das Pochen des Pulsschlags in eurem Hals, der Schweiß, das Endorphin. Mein Appell (wenn man so will): Spürt dem nach!

Ich werde das Gefühl nicht los, dass wir unglaublich viel Zeit unseres Lebens im Autopiloten verbringen – und dass wir dabei auch noch alle möglichen Aktivitäten ins Mediale outsourcen können, macht es höchstens arger. Nichts gegen Dokus, gegen Fotos, gegen Berichte, Bücher oder Filme. Aber das Erleben ist etwas, was einfach nicht zu kurz kommen sollte. Nicht weil euch das irgendein Typ in seinem Blog schreibt; für euch.
„Erleben“ ist in seinen Bedeutungen etymologisch gar nicht wenig komplex, aber stark vereinfacht gesagt beschreibt es einen Umstand, in dem das Leben nicht nur da ist, sondern in dem uns unser eigenes Leben aktiv passiert. In dem wir unsere eigene Lebendigkeit erfahren.

Das Leben kommt und geht erstaunlich schnell. Und irgendwie scheint es doch Verschwendung, nicht möglichst viel für sich herausholen zu wollen. Auch sensorisch. Die oft erkannte und selten bekämpfte Eile unseres Alltags schlägt da auch hinein. Immer schon den nächsten Schritt weiter, immer den nächsten Termin, die nächste Aufgabe, aber auch das nächste Hobby im Kopf. Und dann hat man etwas gegessen und erinnert sich später kaum noch daran, wie es geschmeckt hat.
In meinem Wikipedia-Kritik-Artikel neulich schrieb ich ja noch mal, dass „mit der Macht auf Nichtabbildung die Gefahr von Nichtexistenz einhergeht“; und das gilt auf anderer Ebene auch für einen selbst, für das Spektrum der eigenen Erfahrungen. Wenn etwas wie Petrichor – der Geruch von Regen auf trockener Erde – etwas ist, was ihr nicht einmal live und bewusst erfahren habt, dann bleibt selbst dann, wenn euch das Konzept etwas sagt, nur ein leeres Abbild dessen zurück. Und damit sind wir im Grunde sogar bei dem, was in der Zen-Lehre auch als „Aufmerksamkeit“ betitelt wird; das Sich-Bewusst-Machen der Dinge, die einen Umgeben. (Das wird dann aber auch noch mal für sich Thema hier sein.)

Insofern – ich zitiere hier ja immer mal wieder gerne Kettcars „Ich danke der Academy“ mit den Zeilen: „also tragt es in die Welt/haut es mit Edding an die Wände“.
Nur, wenn ihr das nächste Mal etwas an die Wand haut, fühlt auch mal über die Wand. Den kalten Waschbeton, den rauen Putz, die schroffen Klinker, die überspannte Metapher. Nehmt Dinge nicht einfach als gegeben hin. Nehmt sie wahr.

Es lohnt sich.

Viele Grüße,
Thomas

Ein paar kurze Gedanken zum Wikipedia-Frust (Aktualisiert)

Hallo zusammen!

Eigentlich, eigentlich wollte ich heute mal wieder „allerlei“ hier abgrasen, aber akut schmiss sich mir gestern noch ein Thema vor die Tastatur, das ein paar Worte verdient. Ich wollte es erst ins Allerlei eingliedern, merkte aber flott, dass ich vermutlich zu viel zu sagen habe und daher gibt es heute zunächst einige Gedankengänge.

Also, holen wir kurz aus. Hier findet man (noch) einen Wikipedia-Eintrag zur Liste deutschsprachiger SciFi-Autorinnen, was für sich genommen wie ein neutrales, normales Thema anmutet, was aber zu einem richtigen Politikum wurde, weil nicht ein, sondern gleich zwei Löschanträge in Folge darauf hereinbrachen, wie man (noch?) hier nachlesen kann.
Ich möchte jetzt gar nicht groß über das Thema der Relevanz dieses spezifischen Artikels diskutieren – kurz gesagt ist es mir völlig fernab jeder politischen Intention völlig unklar, was gegen den Artikel spräche, selbst wenn er z.B. eine Redundanz zur Liste deutschsprachiger SciFi-Autoren besäße –, denn ich fände ihn ehrlich gesagt nicht problematisch, selbst wenn die Vorwürfe fehlender Relevanz und gegebener Redundanz zuträfen.1 Allerdings schlägt sich in der Debatte etwas nieder, was wir hier im Blog schon vor langer, langer Zeit mal auf dem Tisch hatten und was gewissermaßen eine ganze Meta-Ebene höher ansetzt. Wer hier schon lange, namentlich seit Mai 2010 mitliest, mag sich nämlich auch erinnern, dass ich damals schon mal über die Relevanzkriterien der deutschen Wikipedia geschimpft habe.
Oftmals nehmen Leute an, dass meine recht kritische Grundhaltung zur deutschen Wikipedia vor allem eine auf die sachliche Qualität der Texte bezogene Angelegenheit wäre (und es stimmt, auch auf der Ebene habe ich teils so meine Probleme dort), aber der wirkliche Stein des Anstoßes wird auch von der aktuellen Debatte berührt: Es ist diese vorgebliche Angst, entweder zu triviale Themen aufzunehmen, oder aber scheinbar einen Überfluss an Themen zu erzeugen. Solange aber meines Erachtens keine Fehlinformationen verbreitet oder Themen zu extrem aufgesplittet werden, solange sehe ich kein Problem.
Insbesondere jetzt bei diesem Thema ist aber natürlich entsprechend Unruhe drin, weil es ein gesellschaftlich kritisches Thema ist, zu dem viele starke und emotionale Meinungen existieren. Allerdings ist es denke ich ein Fehler, anzunehmen, der Kern des Problems hier wäre grundlegend politisch; er ist systemisch. Sicherlich hat diese spezielle Debatte eine weltanschauliche Komponente, aber ich denke die Wurzel des Übels liegt schlussendlich darin, dass wir nicht, wie erhofft, durch das offene Format der Wikipedia die Torwächter abgeschafft haben, sondern stattdessen diese Aufgabe den Redaktionen von einst weggenommen, aber dafür einer anonymen, strukturell willkürlichen Gruppe übergeben haben – getrieben von in einer (spätestens jetzt nachweislich unerfüllten) Hoffnung auf meritokratisch2 geprägte, dem Gemeinwohl verschriebene Entscheidungsfindung3. Dadurch, dass die Wikipedia de facto vermutlich für viele die zentrale Anlaufstelle in Wissensfragen geworden ist, geht sie letztlich über das Ziel, die Wirklichkeit abzubilden, weit hinaus und wird in mancherlei Hinsicht zu einem Simulacrum4, dass die Wirklichkeit der dort Wissenssuchenden aktiv formt. Damit verbunden ist dann jedoch eine immense Verantwortung, da mit der Macht auf Nichtabbildung die Gefahr von Nichtexistenz einhergeht, und dieser Verantwortung kommt insbesondere die deutsche Wikipedia mit der Definition und Umsetzung ihrer Relevanzkriterien nur unzureichend nach. (Dieser Bannhammer der enzyklopädischen Relevanz zieht sich aber generell durch die aktuellen Löschkandidaten hindurch, was denke ich weiter für meine Beobachtung spricht. Und das meine ich auch mit der Differenzierung von „politisch“ und „systemisch“. Im Endeffekt ist es egal, ob über Autorinnen von SciFi-Literatur oder (Antrag vom gleichen Tag) über die Relevanz vom Karstadt Berlin Hermannplatz diskutiert wird – ein Blick in jede der Diskussionen zeigt, dass bei aller Berufung auf Kriterienkataloge am Ende des Tages der Mangel an Relevanz als Vorwurf sehr leicht zu zücken und im Zweifel nahezu nicht zu falsifizieren ist, wenn nicht bewusst konstruktiv gearbeitet wird. Theresa Hannig, die Initiatorin der umstrittenen Liste, hat nun auch ihre Relevanz als Autorin in Frage gestellt bekommen; wer auf der gleichen Seite hochscrollt, kann eine Kurzdebatte um die Relevanz von Tatort-Kommissarin Lena Odenthal, auch im Vergleich zu einem Horst Schimanski vorfinden. Als wäre das nicht alles schon albern genug.)

In der unerfüllten Hoffnung auf eine an ihrer Freiheit über sich hinauswachsenden Enzyklopädie schlägt sich denke ich dann sogar ein Dilemma nieder, was zu vielen unserer aktuellen Internet-Probleme hinführt. Letztlich ist es die stillschweigende Annahme, dass freie Gestaltung und vernetzte Communities etwas grundsätzlich Positives seien, aus dem heraus quasi zwangsweise etwas Weltoffenes (und mittelfristig: Fortschritt) erwachsen wird, aber das soll denke ich ein Thema für ein anderes Mal sein, denn das erfordert noch mal ganz andere Stufen von Nuanciertheit.

So. Und nachdem ich das jetzt von der Brust habe, gibt’s morgen wirklich das versprochene Allerlei.

Viele Grüße,
Thomas

Nachträge vom 26.03.
– Der Wikipedia-Artikel zu Autorinnen in der SciFi ist seit heute wieder online, weil – wenn ich das richtig verstehe – dort nun ein Admin den anderen überstimmt hat. Das ist definitiv cool, und natürlich ein Lichtblick. Es ist aber kein Grund, die Kritik aus diesem Artikel hier ad acta zu legen, fürchte ich, denn das systemische Problem bleibt natürlich bestehen, wurde im Grunde nur noch mal unterstrichen, auch wenn diesmal scheinbar die Vernunft gesiegt hat.
– Drüben bei Fischer TOR hat Markus Mäurer die ganze Misere vom Skandalon bis zur Auflösung noch mal nachgezeichnet.
– In Markus‘ Artikel wird derweil zudem dieser heise-Artikel aus dem Jahre 2009 verlinkt, der auch damals schon in das gleiche, systemische Horn gestoßen hat.


  1. Und bevor das missverstanden wird: Mein explizites Ausklammern der inhaltlichen Komponente ist kein implizites Herunterspielen des Sachverhalts, es ist nur schlicht nicht die Ebene, auf der ich mich der Sache hier und heute nähern möchte. Andere Leute, die in Themenfeldern wie strukturellem Sexismus viel tiefer drin sind als ich, haben das denke ich schon detaillierter aufgearbeitet, als ich es könnte. Mein Ansatz ist allerdings eher strukturalistisch oder auch erkenntnistheoretisch geprägt. 
  2. Achtung, geladener Begriff. Arg vereinfacht ist die Idee einer Meritokratie, den Teilhabern Macht gemäß ihrer Fähigkeiten und Leistungen zu geben und nicht beispielsweise gemäß ihrer sozialen Position. Gerade in den neuen Medien wird der Begriff heute oft auch positiv verwendet, wenn es grundlegend um die Demokratisierung von Publikationswegen geht, aber seinen Anfang hat er tatsächlich in einer Dystopie genommen. Ein sehr ambivalentes Konzept, das durchaus mal einen längeren Blick wert ist. 
  3. Ein Einwand, dass die offene Struktur der Wikipedia es generell jedem ermöglicht, seine Stimme als Gegengewicht in den Ring zu werfen, wäre hier natürlich berechtigt. Nur kann „Dann mach’s doch besser!“ niemals argumentative Gegenrede gegen das Aufzeigen von Problemen sein. Oder salopp gesagt: Man muss kein Bäcker sein (und auch keiner werden) um festzustellen, dass die Brötchen nicht schmecken. 
  4. Eine Kopie ohne Original, oder anders gesagt: Eine Abbildung, der der Bezug zum Abgebildeten verloren ging und die daher losgelöst vom Realen wahrgenommen wird. Nur komplexer. Lest euren Baudrillard, liebe Kinder. 

Die schönsten, buchbezogenen Erinnerungen

Hallo zusammen!

Neulich, solange kann das noch gar nicht her sein, da hat die Ela in ihrem Blog einen kurzen Text zu drei buchbezogenen Erinnerungen gepostet und das fand ich so nett, dass ich mir notiert hatte, das aufzugreifen.
Das kann auch gar nicht so lange her sein … ach ja, hier ist ihr Artikel ja. Ah ja, 22.12.2017. Also quasi gestern.

Aber nun gut – so geht das Spiel:

Wie alle diese Tags ist auch dieser wirklich einfach zu verstehen:
Liste 3 Bücher-bezogene Erinnerungen, die dir besonders wichtig sind. Also Bücher lesen, Bücher schreiben, irgendwas mit Büchern.

Die erste Sucht
Die erste dieser Erinnerungen heute führt uns ins Jahr … lasst mich rechnen … 1994. Es war bei uns an der Schule so, dass im sechsten Schuljahr einer der Klassen die Ehre zufiel, ein Theaterstück aufführen zu dürfen. Und das waren wir. Aber nun, die Entdeckung meiner persönlichen Wohlgeneigtheit zum Theater lag noch locker zehn Jahre in der Zukunft; eine Liebe, die ich aber gerade entdeckt hatte, was das Lesen.
Ich thematisierte das hier ja schon mehrfach, aber nicht Karl May und tatsächlich auch nicht die gängigen Jugenddetektive, sondern Timothy Zahns Thrawn-Trilogie aus dem Star-Wars-Umfeld – oder Krieg der Sterne, wie wir ja damals noch sagten – war es.
Und so ist diese erste hier genannte Erinnerung sehr konkret greifbar die Zeit der Proben für das Stück, in dem ich nur einen kurzen Komparsenauftritt hatte, und wie ich dort, Probe für Probe hinter den Vorhängen am Klavier lehnte und Seite für Seite abgetaucht bin, nicht nur in den intergalaktischen Krieg mit den Erben des Imperiums, sondern auch in die Leidenschaft zum Buch an sich.

Zuflucht an ungewöhnlichen Orten
Bewegen wir uns mal (knapp) zehn Jahre vorwärts. Nach der Schule folgte der Zivildienst – und was unter anderem im Zivildienst folgte war grob ein Monat von wirklich, wirklich widerlichem Reizhusten. Diese Art von Husten, wo man nach jeder Attacke erst einmal erschöpft niedersinkt und dankbar ist, noch bzw. wieder zu atmen. War nicht cool, und doppelt nicht, weil mich so niemand in einem Krankenhaus arbeiten lassen wollte. Klar.
Was das aber natürlich bedeutete, war, grob zwei Mal pro Woche beim Hausarzt zu sitzen, irgendein ein neues, nicht wirksames Mittel zu probieren oder einen anderen Allergietest zu versuchen, am Ende aber vor allem mal wieder mit einem gelben Schein dort abzumarschieren.
Nun war ich kein Notfall. Ernst, schon irgendwie, aber nicht in akuter Bedrohung. Weshalb es sich irgendwann einspielte, dass halt gefühlt jeder andere im Wartezimmer Vorfahrt bekam. Und einen treuen Begleiter, den ich dort immer hatte, war William Gibsons Neuromancer. Ich kann nicht mal sagen, warum sich das so massiv eingebrannt hat, aber diese Momente, die ich dort saß, in der wundervollen (heute leider nicht mehr genutzten) alten Arztpraxis, die Wände in dunklem Holz gesäumt, und zugleich in die damals schon nach „Zukunft von gestern“ schmeckende, aber drum nicht weniger fesselnde dystopische Cyberpunk-Welt Gibsons eintauchen konnte, diese Momente haben mich irgendwie nie ganz losgelassen.

Im Spiegel der eigenen Biographie
Bleiben wir im Rhythmus und gehen erneut (grob) ein Jahrzehnt vorwärts. Das Studium ist nach langem Kampf erlegt, eine etwas seltsame Schwebe formt sich langsam zu dem Entschluss, wenigstens für eine Weile die bisherige Nebentätigkeit zur Selbstständigkeit auszubauen, und damit einher geht eine mir teure Entwicklung – die Wiederentdeckung der Freude am Lesen.
Sie war nie wirklich fort, aber die hohe Dichte der Zwangslektüren beider Studienfächer, Literatur wie Philosophie, hatte aus der alten Leidenschaft fortschreitend eine Pflicht gemacht. Nun, endlich, drehte das wieder und damit einher ging die Entdeckung eines Autors, dem ich seither gerne gefolgt bin – John Green. Ich beschloss, vorne anzufangen, also bei seinem Erstling Eine wie Alaska, einfach weil das nach einem guten Startpunkt klang und sich bei dem Buch wohl auch alle einig waren, dass es zwar das Debüt, aber auch eines seiner stärksten Bücher sei.
Und das Buch ließ sich schon sehr gut an, in einem schönen Stil geschrieben, tolle Figuren. Das Buch lässt aber auch von Anfang an nur wenig Zweifel daran, dass dies eine Geschichte ist, die auf Etwas zusteuert; und dass das ein Etwas ist, was vermutlich nicht gut ausgeht.
Aber ich las weiter, Tragödien waren mir jetzt ja nicht fremd … aber da ahnte ich auch noch nicht, dass es eine vage, aber letztlich doch pointierte Parallele zwischen dem Etwas gab und etwas, was in meiner eigenen Biographie schwimmt. Und was ich halt nicht hatte kommen sehen, nicht mal ein Dutzend Seiten vorher, war dass das Buch es insofern verstehen würde, mit einer feinen Nadel genau dort zu treffen, wo es emotional schmerzt.
Was gut war. Wirklich gut, denn es gab mir die Chance, mich emotional selbst noch mal damit zu befasse und, vor allem, ein wenig besser einen Schlussstrich darunter zu ziehen und in dieser Phase, in der eh gerade alles anders wurde, auch damit auf einer ganz neuen Ebene meinen Frieden zu schließen.
Was nun für jene, die das Buch nicht kennen, natürlich hinreichend kryptisch ist – aber nun ja, es wäre schlimm, das hier zu spoilern und es wäre falsch, stattdessen eine andere Erinnerung zu nennen. Ich war zwar gefühlt zwei Tage ein emotionales Wrack, aber … insgesamt hat es gut getan. Manchmal braucht man jemanden, der Dämme niederreißt, denke ich.

Es gab eine Reihe von Alternativen für diesen Artikel, etwa meine eine Begegnung mit Neil Gaiman, die Lesung auf der ich Judith und Christian Vogt kennengelernt habe oder auch generell Erinnerungen an großartige „Mentoren“ wie meinen Mittelstufe-Deutschlehrer, Herrn Riehl, der mit dem richtigen Nährstoff aus der aufkeimenden Flamme meiner Leselust ein gewaltiges Feuer zu entfachen verstand, oder meinen Uni-Dozenten Holger Gehle, der noch mal gewaltig zu dieser Feuersbrunst zulegen konnte (und der leider viel zu früh verstorben ist), aber letztlich waren dies zwar alles wertvolle Erinnerungen rund ums Lesen oder Schreiben, aber weniger rund um bestimmte Bücher. Das hat dann letztlich den Ausschlag gegeben.

Nominieren werde ich nun keinen, nachdem ich 16 Monate zum Schreiben dieses Artikels gebraucht habe. Aber wenn natürlich noch jemand möchte, sagt Bescheid, ich bin auf weitere Beiträge aus der Richtung durchaus gespannt!

Viele Grüße,
Thomas

PS: Wer Leselücken schließen will und per Affiliate Link noch was Gutes für diese Seit hier tun mag:
Timothy Zahn – Erben des Imperiums
William Gibson – Neuromancer
John Green – Eine wie Alaska

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