Seelenworte

Ein Hauch von Depublikation weht durch den Raum

Hallo zusammen!

Da rief ich dieser Tage abends meine Mails ab – ironischerweise nachdem ich einen neuen Trailer für meinen YouTube-Kanal geschnitten hatte (online ab 1.1.) – und stolperte über einen Betreff, den ich nicht erwartet hatte: „Your video has been removed from YouTube“.

Also denn, geseufzt, noch einen Tee geholt und spätabendlich die Lage sondiert. Opfer des Bannhammers war die Fire Bucket Challenge. Ein Video, das ich im September 2014, also vor mehr als fünf Jahren, mit Tobi und Gérard gedreht hatte1.
Kontext: Mitten in der ALS-gewidmeten Ice Bucket Challenge (und ja, das ist fünf Jahre her) hatten wir die Idee, inspiriert von einem Stunt Team, einen feurigen Kontrast dazu zu setzen. Auch mit Spendenaufruf, aber mit Warnung, es nicht einfach nachzuahmen.
Es war lustig, es kam gut an, es war bis heute das neunterfolgreichste Video meines (insgesamt natürlich bestenfalls marginal erfolgreichen) Kanals.

Aber fünf Jahre sind eine lange Zeit, und mit dieser langen Zeit kamen neue Community Guidelines auf YouTube und damit der Passus, der den Bogen zur Gegenwart zurückschlägt:

Challenges that present risk of death are not allowed on YouTube.

Nun war unser Video natürlich vor allem ein (offenbar zu gut gemachter) Trick, ein praktisch umgesetzter Spezialeffekt in kontrollierter Umgebung, von Leuten, die wussten, was sie tun.
Aber natürlich kann ich YouTube da an sich gar keinen Vorwurf machen, denn es ist natürlich (trotz diverser expliziter Warnungen) inszeniert wie eine Challenge.
Satire? Ironie? Community Guidelines!

Es ist jedoch auch ein gutes Mahnmal, wie verwundbar sehr viel von dem Content ist, den wir alle heute so präsentieren. Selbst das Blog hier, das ja aus Faulheit bei WordPress gehosted ist, könnte theoretisch jeden Tag abgeschaltet werden.
Einige meiner Projekte, der DORPCast etwa, liegen mehr oder weniger komplett bei uns, und im Worst Case bräuchten wir maximal einen neuen Server, über den wir RSS-Skript und MP3s neu anbieten könnten. Das können wir theoretisch sogar komplett selbst aufsetzen.
Aber so vieles anderes? Die Videos auf YouTube? Die Artikel hier? Viele artikulierte Meinungen auf den sozialen Medien? Ja sogar die Bücher über BoD? Theoretisch liegt das alles jeweils an einem Ort, an dem ein einziges Wirtschaftsunternehmen den Hebel jederzeit umlegen könnte. (Etwas, was nicht nur die digitale Welt betrifft, wenn man beispielsweise bedenkt, wie es sich ausgewirkt hat, dass der Buchgroßhändler Libri jüngst mal eben 25% der geführten Produkte delisted hat.)

Aber was bleibt uns auch? Wir können natürlich eigene Server aufsetzen, verlieren aber etwa bei den Videos das, was YouTube halt besser bietet als jeder andere – Augenpaare potenzieller neuer Zuschauer, die den Kram ja auch erst mal finden müssen.
Theoretisch könnten wir uns eine On-Demand-Druckmaschine kaufen – jetzt mal das Geld außen vor – und unsere Bücher wirklich selber drucken. Aber dann müssten die auch erst mal in den Handel.
Die Ware, die wir kaufen, ist Bequemlichkeit. Die Bequemlichkeit, nicht über Distributionswege nachdenken zu müssen. Die Bequemlichkeit, oftmals auch relevante Kosten an externe Dienste auslagern zu können. Manchmal sogar Haftbarkeiten.

Und da liegt natürlich auch der Hase im Pfeffer. YouTube verwehrt sich gegen solche Videos ja nicht nur, weil „it’s important to us that YouTube is a safe place for all“ (Zitat aus der Mail), so zum reinen Selbstzweck, sondern halt auch, weil all diese Plattformen zunehmend in die Pflicht genommen werden, ihre Inhalte zu verantworten.
Da ist auch nichts gegen einzuwenden. Um es klar zu sagen: Mich enttäuscht die Depublikation2 des Videos, sie ärgert mich sogar ein wenig, aber ich kann das grundsätzlich nachvollziehen.

Nur. Nur ist das ein Problem, weil es den gesamten ehrgeizigen Gedanken des freien Internets – die Abschaffung von kulturellen Torwächtern – aushöhlt. Natürlich ist es aus wirtschaftlicher Sicht klar, dass eine Firma wie YouTube rechtlich und werbetechnisch nicht in Ungunst geraten möchte. Wer aber letztlich am Ende wieder Spielball dieser Entscheidungen wird, sind die Kulturschaffenden.3
Selbst wenn ich davon ausginge, dass da nur ultra-wohlmeinde, allgütige Entscheider säßen, so wäre doch noch immer Hanlons Rasiermesser4 alleine Grund genug, sich Sorgen zu machen.
YouTubes Guidelines in der Sache sind dabei ja auch kein Gesetz. Hier lag kein Rechtsverstoß vor, auch kein Urheberrechtsverstoß. Schlussendlich sind diese Guidelines eine arbiträre Setzung, die ein Unternehmen seiner Plattform auferlegt hat, so sinnvoll oder wohlmeinend sie auch sein mögen. Das ist schon in Ordnung, es ist ihre Plattform und wer räumt, hat Recht. Man darf sich nur nicht einbilden, dass man als Content Provider da eine Rolle spielt.5
Community Guidelines, das ist der heimtückische Sprachtrick, sind ja keine Guidelines von der Community, es sind Guidelines für die Community.
Und dessen sollten wir uns immer bewusst sein.

Es ist vielleicht für Außenstehende auch ganz interessant, sich das Prozedere mal zu visualisieren. Der Hinweis auf die Depublikation erfolgte nicht im Backend von YouTube; da war ich ja direkt vorher noch, um den Kanaltrailer hochzuladen. Nur per Mail.
Diese Mail stellt einen mehr oder weniger vor vollendete Tatsachen, ist aber auch erkennbar ein englisches Formschreiben. Es gibt die Möglichkeit, Widerspruch einzulegen, die bringt einen aber auch nur zu einem automatisierten (und sehr kleinen) Textfeld, um seinen Protest zu formulieren.
Abgesehen davon ist das Video weg. Es bleiben einem selber sieben Tage, das Video intern zu sichten und zu erwägen, ob man denn widersprechen möchte. Davon abgesehen ist das Video aber gesperrt; nicht mal die im Backend normalerweise vorhandene Funktion, sich das Video selbst noch mal lokal runterzuladen, ist noch da.
De facto ist einem der Zugang zu seinem Werk genommen.
Das ist schon gruselig.

Die Depublikation eines Videos in meinem nicht mal monetarisierten Kanals ist kein Untergang. Die Depublikation mancher anderer Kanäle kann ganze Leben ruinieren.6
Die Depublikation unseres kleinen Videos ist schade. Die Depublikation mancher anderer Videos wären ein herber kultureller Verlust.
Und wir? Was können wir tun? Lernen?
Wir Kulturschaffenden sollten niemals vergessen, dass vieles was wir tun letztlich ob der Gnade wirtschaftlicher Unternehmen möglich ist. Und dass diese Gnade jederzeit enden kann.
Und wenn es am Ende nur bedeutet, Backups aller eigenen Werke sicher zu verwahren, damit man wenigstens teilweise wieder aufbauen könnte, was gegebenenfalls abgeschaltet wurde.

Die Gedanken sind frei.
Die Distributionswege sind es nicht zwingend.

Insofern schlägt sich auch ein bedrückender Bogen zum DORPCast an diesem Sonntag, der sich ja mit dem deutschen Jugendschutz befassen wird. Die Torwächter dort sind andere, aber gerade das Schlusswort unseres diesmaligen Gastes hallt gerade ein wenig nach.

Viele Grüße,
Thomas


  1. Das Video ist natürlich jetzt weg, den Artikel dazu mit mehr Kontext hier im Blog gibt es allerdings noch. Auch das Making Of aus dem Folgejahr gibt es noch
  2. Der Begriff „Depublikation“ meint das Entfernen von Internet-Inhalten aus dem öffentlich zugänglichen Raum, allerdings meist im Kontext der öffentlich-rechtlichen Mediatheken. Ich leihe ihn mir an dieser Stelle aber einmal bewusst als bemüht wertfreien Begriff aus, um Kampfbegriffe wie „Zensur“ rauszuhalten, denn darum geht es mir nicht. 
  3. Damit sind wir thematisch übrigens plötzlich erstaunlich nah an dem Wikipedia-Streit früher in diesem Jahr, der ja schlussendlich auch ein Torwächter-Problem ist. 
  4. Schreibe niemals etwas der Böswilligkeit zu, was auch durch Dummheit hinreichend zu erklären ist“. Mehr dazu auch in einem älteren Artikel hier im Blog
  5. CGP Grey nennt’s in Episode 111 von Hello Internet ja recht treffend/zynisch Advertising Inventory Management, was wir alle da machen. 
  6. Eine Geschichte, die sich in Wohlgefallen auflöst, aber der oben schon erwähnte YouTuber CGP Grey hat jüngst auch so seine Erfahrungen gemacht
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